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: Karl Gustav Ratjen

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Karl Gustav Ratjen gehörte einmal zu den ebenso geschätzten wie gefürchteten deutschen Managern. Man schätzte seine Verbindungen in die Wirtschaft, man fürchtete seine spitze Zunge. Dabei war der am 18.

          Karl Gustav Ratjen gehörte einmal zu den ebenso geschätzten wie gefürchteten deutschen Managern. Man schätzte seine Verbindungen in die Wirtschaft, man fürchtete seine spitze Zunge. Dabei war der am 18. Juni 1919 als Sohn eines Privatbankiers (sein Vater war Mitinhaber des Bankhauses Dellbrück & Sohn) in Berlin geborene Ratjen ein weltgewandter, weit gereister und geistreicher Bürger. Seine berufliche Laufbahn ist vor allem mit der Metallgesellschaft (heute Gea Group) verbunden, in deren Vorstand er 1965 eintrat und deren Schicksal er 20 Jahre bestimmen sollte, zunächst als Finanzvorstand, später als Vorstandsvorsitzender. In dieser Zeit hat er vor allem die internationale Expansion vorangetrieben.

          Ratjen ist aber nicht nur als operativer Manager der Metallgesellschaft in Erinnerung. Er hat vor allem auch über seine zahlreichen Aufsichtsrats- und Beiratsmandate in die Wirtschaft und in die Gesellschaft hinein gewirkt. Er war Aufsichtsratsvorsitzender der Volkswagen AG - hier bewältigte er 1987 den Devisenskandal, aber auch Chefaufseher "seiner" Metallgesellschaft, einem der größten Nichteisenverarbeiter Europas. Daneben war er vor allem in seinen späteren Jahren Berater zahlreicher Familienunternehmen. Villeroy & Boch (Porzellan) hörte ebenso auf seinen Rat wie Bahlsen (Gebäck), Kühnle, Kopp & Kausch (Autozulieferer), Harpener (früher Energie, heute Immobiliengesellschaft), der amerikanische Konzern General Electric oder Metzler seel. Sohn & Co. (Frankfurter Privatbank), deren erster Aufsichtsratsvorsitzender in ihrer 336-jährigen Geschichte er war.

          Ratjen hatte zudem zu vielen späteren Führungskräften engen Kontakt, darunter zu Jürgen Schrempp (später Vorstandsvorsitzender von Daimler), Bernd Pischetsrieder (BMW, später VW) oder auch zu Jürgen Weber (Deutsche Lufthansa). Dabei war Ratjen keineswegs nur ein von betriebswirtschaftlichem Denken durchdrungener Mensch. Der aus einer den Künsten zugeneigten Familie stammende Ratjen - er selbst hat eine Ausbildung als Jurist bis zum Zweiten Staatsexamen absolviert - war bei all seinen Engagements immer auch ein künstlerisch interessierter und engagierter Bürger. Er war Administrator des Städelschen Instituts in Frankfurt, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Ansbacher Bachwochen, Gründungsmitglied und Vorsitzender des Kuratoriums der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sowie aktives Mitglied im Verein der Freunde der Alten Oper in Frankfurt und in der Ponto-Stiftung, die junge Künstler fördert.

          Ratjen selbst hat sich auf ausgedehnten Kulturreisen weitergebildet und persönlich Gemälde gesammelt, vor allem Expressionisten und Beispiele der sogenannten etablierten Moderne. In den letzten Jahren war es ruhig geworden um den bis zu seinem 80. Lebensjahr außerordentlich aktiven Manager. Ob er es noch geschafft hat, Robert Musils Hauptwerk "Mann ohne Eigenschaften" zu lesen, wie er es vorhatte, ist nicht überliefert, aber wahrscheinlich, weil er bis kurz vor seinem Tod bei guter Gesundheit war. Karl- Gustav Ratjen ist jetzt im Alter von 91 Jahren gestorben. geg.

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