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: In der Medizintechnik herrscht Zuversicht

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hpa. FRANKFURT, 5. Januar. Demographie ist eine träge Angelegenheit, und genau deshalb hat sie für eine ständig nach Innovationen suchende Industriebranche wie die Medizintechnik einen großen Vorteil: Sie ist gut vorhersehbar.

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          hpa. FRANKFURT, 5. Januar. Demographie ist eine träge Angelegenheit, und genau deshalb hat sie für eine ständig nach Innovationen suchende Industriebranche wie die Medizintechnik einen großen Vorteil: Sie ist gut vorhersehbar. Daher kommen auch alle Prognosen einhellig zu dem Schluss, dass die Medizintechnik noch auf viele Jahre hinaus ein wachsender Markt sein wird. Denn in den Industriestaaten werden die Menschen immer älter und zahlen mehr - verstärkt auch aus eigener Tasche -, um selbst im Alter fit zu bleiben. Und in den Schwellenländern steigt der Wohlstand, was immer mehr Menschen den Zugang zu moderner Gerätemedizin überhaupt erst ermöglicht.

          Bis zum Jahr 2020 wird die Nachfrage nach Medizintechnik in den Schwellenländern im Schnitt jährlich zwischen 9 und 16 Prozent zunehmen und damit doppelt so schnell wachsen wie das Bruttoinlandsprodukt, heißt es in einer Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). In den Industrieländern winke ein Wachstum von jährlich 3 bis 4 Prozent - ebenfalls mehr als das allgemeine Wachstum. "Das sind robuste Trends, weil die Medizintechnik eine vergleichsweise konjunkturunabhängige Branche ist", sagt der Wirtschaftsprofessor Henning Vöpel, Mitautor der Studie.

          Kein Wunder also, dass die Medizintechnik immer mehr branchenfremde Unternehmen lockt. Insbesondere die Maschinenbauer überlegen sich, ihre Anlagen nicht nur verstärkt an den Bedürfnissen der medizintechnischen Spezialisten auszurichten, sondern gleich ein eigenes Geschäftsfeld daraus zu machen. Der schwäbische Familienkonzern Trumpf, Weltmarktführer für Laser-Werkzeugmaschinen, mag vielen dabei als Vorbild dienen. Schon Ende der neunziger Jahre startete Trumpf seine Medizintechniksparte mit der Übernahme zweier Hersteller von Operationstischen und anderen OP-Geräten, heute erwirtschaftet der Konzern damit rund 150 Millionen Euro Umsatz und verbucht ansehnliche Wachstumsraten - knapp 8 Prozent waren es im Geschäftsjahr 2009/10. "Es gehört allerdings sehr viel Willen dazu, hier einzusteigen und entsprechend zu investieren", sagt Klaus Frank, der Geschäftsführer von Trumpf Medizin Systeme. Die deutschen Betriebe haben sich auf dem Weltmarkt den Ruf von Innovationsführern erworben. Das heißt aber auch, dass im Schnitt rund 9 Prozent des Jahresumsatzes kontinuierlich in die Forschung investiert werden müssen und fast ein Drittel der verkauften Produkte jünger als drei Jahre ist.

          Unter den großen Branchenverbänden herrscht derweil ungebrochener Optimismus. Zwar blieb die Medizintechnik von der Wirtschaftskrise 2009 nicht gänzlich verschont, weil insbesondere große Krankenhausprojekte rund um den Globus verschoben und die Aufträge entsprechend storniert oder auf Eis gelegt wurden. Aber schon für 2010 hat der Fachverband Spectaris, dem vor allem die Investitionsgüterhersteller angehören, wieder ein Umsatzplus der Branche von 10 Prozent auf gut 20 Milliarden Euro errechnet, und auch in diesem Jahr soll das Wachstum weitergehen. Im Zentralverband Elektrotechnik und Elektronikindustrie (ZVEI) ist man noch ein bisschen zurückhaltender und spricht lediglich "von einem deutlich einstelligen Wachstum". Das liege aber auch daran, dass man den Blick vor allem auf das Inland gerichtet habe, erläutert Hans-Peter Bursig, Geschäftsführer des ZVEI-Fachverbands Elektromedizinische Technik. Hierzulande müsse die Branche damit rechnen, dass mit dem Auslaufen des Konjunkturprogramms II auch eine kleine Stütze des Geschäfts wegfalle. Andererseits habe sich das heimische Investitionsklima wieder verbessert, "die Krankenhaus-Verwaltungen sehen die Notwendigkeit zum Investieren", sagt Bursig. Und blicke man zudem auf das Ausland, "hellt sich das Bild noch mehr auf", fügt er hinzu.

          Dass in vielen medizintechnischen Betrieben dennoch eine spürbare Zurückhaltung beim Blick auf die kommenden Monate zu spüren ist, hat offenbar psychologische Gründe. "Die Branche war Rückschläge nicht mehr gewohnt", sagt Günter Schillinger, der seit mehr als 30 Jahren als Personalberater das Geschehen in der Medizintechnik verfolgt. Tatsächlich herrsche in vielen Betrieben hinter den Kulissen große Zuversicht, was sich an der hohen Bereitschaft zeige, neue Fachkräfte - Ingenieure, Vertriebsspezialisten, Techniker - einzustellen. "So groß war die Zahl der Anfragen seit drei Jahren nicht mehr", sagt Schillinger.

          Wie alle deutschen Industriebranchen, die stark von mittelständischen Betrieben geprägt sind, müssen sich allerdings auch die Medizintechniker gut überlegen, wie sie am erwarteten Wachstum in Asien dauerhaft teilhaben wollen. "Medizintechnik ist eine sehr innovative Branche, und mit der heute typischen Unternehmensgröße könnte das künftige Wachstum immer schwerer zu finanzieren sein", warnt HWWI-Forscher Vöpel. Zumal die Anforderungen in Ländern wie China und Indien sich - zumindest wenn es um den Aufbau einer medizinischen Grundversorgung dreht - doch von den hiesigen unterscheiden. Auch kleinere Unternehmen wie die Münchner Pulsion Medical Systems, Hersteller von Monitoringgeräten, sehen daher die Notwendigkeit, sich rund um den Globus neue Absatzchancen zu verschaffen. "Wir müssen tiefer in Länder wie China, Mexiko oder Brasilien eindringen", sagt Pulsion-Chef Patricio Lacalle.

          Aber es geht dabei häufig um Vertriebskooperationen; die Notwendigkeit, in Asien auch zu produzieren, sei in der Medizintechnik nicht so hoch wie in der sonstigen Elektrotechnik, sagt ZVEI-Fachmann Bursig. "Die Unternehmen leben sehr von dem Label ,Made in Germany', das lässt sich im Ausland erfolgreich verkaufen", sagt er. Mehr Sorgen bereitet dem Verband die Entwicklung auf dem heimischen Gesundheitsmarkt. Ähnlich wie beim Einsatz neuer Medikamente schauten die Krankenkassen auch zunehmend kritisch auf die Einführung neuer medizintechnischer Geräte. "Die Kosten-Nutzen-Diskussion wird auch in der Medizintechnik inzwischen viel intensiver geführt", sagt Bursig, "und der Ausgang ist noch offen." (Kommentar, Seite 16)

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