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Im Gespräch: Liaquat Ahamed, Investmentberater und Träger des Pulitzer-Preises 2010 : "Es gibt keinen Weg zurück zum Goldstandard"

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FRAGE: Herr Ahamed, Ihre These lautet, dass in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Welt von vier mächtigen Zentralbankpräsidenten regiert wurde: Benjamin Strong (Federal Reserve Bank of New York), Montagu Norman (Bank ...

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          FRAGE: Herr Ahamed, Ihre These lautet, dass in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Welt von vier mächtigen Zentralbankpräsidenten regiert wurde: Benjamin Strong (Federal Reserve Bank of New York), Montagu Norman (Bank of England), Hjalmar Schacht (Reichsbank) und Emile Moreau (Banque de France). Wie hat das funktioniert?

          ANTWORT: Es war eine Zeit, in der die Regierungen Geldpolitik nicht als ihre Aufgabe betrachteten. Die einzige Aufgabe der Geldpolitik bestand in der Aufrechterhaltung des Wechselkurses der jeweiligen Währungen gegenüber dem Gold. So wollte man im Goldstandard Inflation verhindern.

          FRAGE: Mit Erfolg?

          ANTWORT: Wir hatten im 19. Jahrhundert abwechselnd Inflationen und Deflationen. Abhängig von der Entwicklung der Goldvorräte und der wirtschaftlichen Entwicklung. Langfristig gelang es aber durchaus, das Preisniveau zu stabilisieren. Der Erste Weltkrieg änderte dann alles. Die Inflationsraten und die Staatsschulden stiegen; außerdem entstanden erhebliche außenwirtschaftliche Ungleichgewichte zwischen den großen Ländern. Dann begingen die Zentralbanken einen schweren Fehler.

          FRAGE: Welchen?

          ANTWORT: Sie glaubten, den im Weltkrieg aufgegebenen Goldstandard wiederherstellen zu müssen, um geordnete Verhältnisse zu schaffen.

          FRAGE: Was war daran falsch?

          ANTWORT: Nun, es gab zum einen zu wenig Gold, das überdies zwischen den Ländern sehr ungleich verteilt war. Der Goldstandard war nicht flexibel genug, um mit den Ungleichgewichten umzugehen.

          FRAGE: Sie lassen in Ihrem Buch John Maynard Keynes als intellektuellen Gegenspieler zu den Zentralbankern auftreten, der aber an mangelndem politischen Einfluss scheiterte.

          ANTWORT: Keynes lehnte die damalige Geldpolitik ab. Er hatte erkannt, dass die Ungleichgewichte im Außenhandel verbunden mit den hohen Reparationen eine erfolgreiche Rückkehr zum Goldstandard unmöglich machten.

          FRAGE: Manche Kritiker meinen, die Geldpolitik sei in den zwanziger Jahren zu expansiv gewesen und habe so zu dem Zyklus von Hausse und Crash beigetragen, der dann zur Weltwirtschaftskrise führte. Stimmen Sie dem zu?

          ANTWORT: Ja, aber man muss zwischen den Ländern differenzieren. Die amerikanische Geldpolitik war viel zu expansiv, weil die Fed die europäischen Währungen, und hier vor allem das überbewertete britische Pfund, unterstützte. Außerdem nahm Deutschland zu viele Auslandskredite auf, um seine Reparationen zu zahlen. Deutschland geriet in eine Überschuldung, ein wenig so, wie sich Griechenland in den vergangenen Jahren überschulden konnte.

          FRAGE: Was können wir aus der damaligen Zeit lernen?

          ANTWORT: Zwischen damals und heute gibt es viele Parallelen, aber natürlich auch viele Unterschiede.

          FRAGE: Fangen wir mit den Parallelen an...

          ANTWORT: Damals wie heute bestehen erhebliche globale Ungleichgewichte, die zu übertriebener Kreditvergabe einluden. In beiden Fällen entstand daraus keine Güterpreisinflation, sondern eine Spekulationsblase an Vermögensmärkten. Diese Blase platzte schließlich. In beiden Fällen schloss sich eine internationale Banken- und Wirtschaftskrise an.

          FRAGE: Und die Unterschiede?

          ANTWORT: Der wichtigste Unterschied zwischen damals und heute besteht in der Antwort auf die Krise. Dieser Unterschied könnte gar nicht größer sein. Wir haben dieses Mal massiv mit expansiver Geld- und Finanzpolitik gegen die Krise gesteuert.

          FRAGE: Und das war hilfreich?

          ANTWORT: O ja. In der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre haben sich die Zentralbankpräsidenten und Politiker wie Ärzte aus dem 18. Jahrhundert verhalten: Sie haben geglaubt, dass man zur Heilung eines Kranken automatisch Blut abnehmen müsse. Sie haben Banken untergehen lassen, in der Krise Staatsausgaben gekürzt und die Zinssätze erhöht. Nach dem Fall der österreichischen Creditanstalt wurden die Zinsen in Deutschland von 5 auf 15 Prozent heraufgesetzt. Dieses Mal hat man das Gegenteil von damals getan.

          FRAGE: Sie waren Investmentmanager und beraten heute Hedge-Fonds. Wie sieht man die Zukunft an den Finanzmärkten? Haben wir das Schlimmste hinter uns?

          ANTWORT: Was die Finanzkrise betrifft, so liegt das Schlimmste mit Sicherheit hinter uns. Wegen der Unterstützung der Zentralbanken drohen keine schweren Bankenkrisen mehr. Selbst wenn Griechenland umschulden sollte und die Banken dann hohe Beträge auf ihre Anleihen abschreiben müssten, wäre keine schwere Bankenkrise zu befürchten. Eine andere Sache ist, ob wir das Schlimmste der Wirtschaftskrise hinter uns haben.

          FRAGE: Was vermuten Sie?

          ANTWORT: Länder wie Griechenland, Portugal und Spanien haben das Schlimmste noch nicht hinter sich. Für die Vereinigten Staaten und den Rest von Europa dürfte das Schlimmste dagegen vorbei sein. Aber es bleibt die Frage offen, ob wir zu früh mit der Stimulierung durch Konjunkturpolitik aufhören.

          FRAGE: Das ist eine gerade zwischen der deutschen und der amerikanischen Regierung sehr umstrittene Frage.

          ANTWORT: Ich gebe zu, dass ich mich mit einer Antwort schwertue. Aber etwas anderes ist entscheidend. Die Politiker unserer Tage sind im Unterschied zu ihren Vorgängern vor 80 Jahren keine Dogmatiker mehr. Sie werden sich pragmatisch verhalten.

          FRAGE: Gäbe es heute einen Weg zurück zum Goldstandard?

          ANTWORT: Nein. In den vergangenen zehn Jahren ist die Nachfrage nach Währungsreserven in Asien und den anderen Schwellenländern um 15 Prozent im Jahr gestiegen. Es gibt einfach nicht genügend Gold, um das heutige, rasch wachsende internationale Finanzsystem darauf zu bauen.

          Das Gespräch führte Gerald Braunberger.

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