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Im Gespräch: Christopher Whalen, Institutional Risk Analytics : "Timothy Geithner ist mitschuldig an der Finanzkrise"

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FRAGE: Was halten Sie von den Vorschlägen zur strengeren Regulierung der Finanzmärkte?ANTWORT: In meinen Augen sind sie Augenwischerei. Die Probleme sind jedoch so dringend und offensichtlich geworden, dass die Wertpapierhändler ...

          FRAGE: Was halten Sie von den Vorschlägen zur strengeren Regulierung der Finanzmärkte?

          ANTWORT: In meinen Augen sind sie Augenwischerei. Die Probleme sind jedoch so dringend und offensichtlich geworden, dass die Wertpapierhändler und das amerikanische Finanzministerium gezwungen sind, öffentlich über sie zu debattieren, obwohl sie das gerne vermieden hätten.

          FRAGE: Was unterstellen Sie da?

          ANTWORT: Die Politiker bemühen sich intensiv, den Eindruck zu erwecken, proaktiv zu agieren - ohne den Status quo wirklich zu verändern.

          FRAGE: Wie sieht der aus?

          ANTWORT: Das Grundproblem ist, dass die großen Banken wie JP Morgan, Goldman Sachs und andere nicht überleben können ohne die Subventionen, die sie vom Over-The-Counter-Markt erhalten. Dort sind die Renditen höher als in den anderen Marktsegmenten. Sollten wir wirklich ernst machen wollen mit Reformen, so müsste es bei diesen Banken zu Veränderungen kommen - sie müssten kleiner werden.

          FRAGE: Was heißt das, "sie können nicht überleben"?

          ANTWORT: Im Kern zahlen alle Finanzmarktteilnehmer eine Subvention an diese Banken, um sie liquide zu halten. Sie sehen nominal betrachtet zwar optisch profitabel aus, auf risikoadjustierter Basis jedoch verlieren sie Geld. Tatsächlich sind das parasitäre Unternehmen. Der Kongress und die Obama-Administration wollen aussehen, als ob sie agierten. Es gibt aber keine Möglichkeit, die Probleme zu lösen, ohne die großen Banken zu restrukturieren und kleiner zu machen.

          FRAGE: Wieso?

          ANTWORT: Die Aufgaben, die sich im Regulierungsbereich stellen, sind das Resultat der Geschäftsmodelle dieser Banken - und nicht umgekehrt.

          FRAGE: Lassen sie sich lösen?

          ANTWORT: Das ist nicht einfach, denn die amerikanische Zentralbank Fed und das OCC (Office of the Comptroller of the Currency) befinden sich in den Händen der großen Banken. Sie haben kaum etwas zu sagen. Personen wie Timothy Geithner oder Larry Summers sind mitschuldig an den Problemen. Summers war vor zwölf Jahren unmittelbar mit für die Entscheidung verantwortlich, die außerbörslichen Derivatemärkte nicht zu regulieren. Wie kann man Reformvorschläge von seiner Seite ernst nehmen?

          FRAGE: Was bedeutet das für die Wirtschafts- und Finanzkrise?

          ANTWORT: Die "Party" hat erst angefangen. Die erste Phase bestand in der Wahrnehmung der "wahren Werte". Das hat unter anderem dazu geführt, dass die Häuserpreise in den Vereinigten Staaten 20 bis 25 Prozent gefallen sind. Nun werden die Immobilien, die wegen der Zahlungsunfähigkeit vormaliger Besitzer von den Banken übernommen wurden, zu Liquidationspreisen auf den Markt geworfen. Das wird die Preise weiter unter Druck setzen. Heute sind fünf bis zehn Prozent aller Verkäufe das Resultat von Zwangsversteigerungen. Dieser Anteil wird steigen auf 30 bis 40 Prozent. Banken werden diese Immobilien um jeden Preis verkaufen wollen. Denn die Kosten, um sie zu halten und zu verwalten, sind zu hoch.

          FRAGE: Immer öfter hört man, wir hätten das Tief der Krise gesehen. Glauben Sie nicht daran?

          ANTWORT: Nein. Wir analysieren und bewerten die amerikanischen Banken jedes Quartal - und es wird nicht besser! Wir befinden uns wirtschaftlich betrachtet in der größten Deflation seit den 30er Jahren. Sie mag prozentual betrachtet nicht ganz so extrem werden wie damals. Aber sie wird den Durchschnittsamerikaner hart treffen. Sie werden nicht in der Lage sein, die Häuser zu ihren Preisvorstellungen zu verkaufen. Aber sie müssen verkaufen, um ihre finanzielle Belastung zu reduzieren. Viele Häuser sind weniger wert als die Hypotheken, die auf ihnen lasten. Die Besitzer laufen davon und überlassen sie den Banken. Die verkaufen um jeden Preis. Ihre Ausfallraten werden in den kommenden Monaten deutlich zunehmen.

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