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: Die Waldbestände erholen sich in vielen Teilen der Welt

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jagr. Frankfurt, 25. Februar. Neuerdings steht am Berliner Hauptbahnhof eine Anzeigetafel, die noch bis zum Jahresende in großen roten Ziffern öffentlich machen soll, wie viel Waldfläche auf der Welt vernichtet wird.

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          jagr. Frankfurt, 25. Februar. Neuerdings steht am Berliner Hauptbahnhof eine Anzeigetafel, die noch bis zum Jahresende in großen roten Ziffern öffentlich machen soll, wie viel Waldfläche auf der Welt vernichtet wird. Den "Waldverlust-Ticker" hat die Umweltschutzorganisation WWF installiert. "Innerhalb der nächsten 60 Stunden verlieren wir Wald von der Größe Berlins", steht unter der siebenstelligen Zahl. Das kann sich jeder gut vorstellen. Aber die Anzeigetafel sagt nicht die ganze Wahrheit: Sie zählt nicht, wie viele Wälder neu angepflanzt werden.

          Wenn mehr Bäume gefällt werden, muss das nicht grundsätzlich heißen, dass der Wald insgesamt schrumpft. Gerade weil Holz als Rohstoff für die Papier- und Möbelindustrie zunehmend gefragt ist, erholen sich die Waldbestände in vielen Erdteilen. So entstehen zwar keine neuen Urwälder, wie sie sich die Umweltschützer wünschen, sondern Holzplantagen. Nach der Definition der Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) fallen diese aber auch unter den Begriff Wald. In ihrem jüngst vorgestellten, alle zwei Jahre erscheinenden Weltwaldbericht wird so eine Perspektive aufgezeigt, die weniger verheerend wirkt als die des WWF: Die Welt verliert zwar an Waldfläche, aber die Geschwindigkeit der Abholzung nimmt ab. Die steigende Nachfrage nach Holz ist eine Ursache dafür.

          Umweltschützer lassen das nicht gelten. Die Biodiversität der Plantagen sei geringer, sie speicherten weniger Wasser und CO2, heißt es beim WWF. Derweil forsten Regierungen und die Holzindustrie kräftig auf. In Lateinamerika etwa vergrößerte sich die Fläche der von Menschen angepflanzten Wälder in den vergangenen zehn Jahren deutlich. Während sie etwa im regenwaldreichen Südamerika jährlich im Durchschnitt um 3,2 Prozent zulegte, nahm der Anteil an Urwäldern trotz der Ausweitung von Naturschutzgebieten dort laut FAO aber weiter ab. Die Waldfläche von Nordamerika blieb hingegen nahezu konstant. In der Region Asien-Pazifik wuchs die Waldfläche in der vergangenen Dekade um durchschnittlich 0,19 Prozent im Jahr, insbesondere wegen Aufforstungen in den rohstoffhungrigen Ländern Vietnam, China und Indien. Weitere große Aufforstungen seien dort angekündigt, heißt es im Bericht.

          Für die künftige Entwicklung des Waldbestandes wird entscheidend sein, wie wichtig Holz auch als Rohstoff für Bioenergie oder Erdölersatzstoffe sein wird. "Deutliche Veränderungen" erwartet der Forstwissenschaftler Matthias Dieter, Leiter des Instituts für Ökonomie der Forst- und Holzwirtschaft des Heinrich von Thünen-Instituts. Durch Vergasung oder Verbrennung in Holzschnitzelkraftwerken kann aus dem Rohstoff elektrische Energie gewonnen werden. Künftig soll in sogenannten Bioraffinerien vermehrt auch aus Holz Zellulose oder Lignin hergestellt werden, die für die chemische Industrie das Erdöl substituieren könnten. Unternehmen und Forschungsinstitute arbeiten an der Technik, die bislang noch nicht massentauglich ist. Die Fachleute der FAO beschreiben es im Waldbericht jedenfalls als "wahrscheinlich, dass diese Entwicklung zu einer signifikant höheren Nachfrage nach Land und Holzfasern führt".

          Da Urwälder aber auch zugunsten des Anbaus von Palmöl oder anderer Rohstoffe für Biotreibstoff gefällt werden, ist unklar, ob es insgesamt mehr Abholzung oder Aufforstung geben wird. Die FAO zitiert eine Prognose, wonach für den Anbau von Biomassepflanzen wie Palmöl bis zum Jahr 2030 allein rund 15 Millionen Hektar oder 1,5 Prozent der Waldflächen in Europa und rund 45 Millionen Hektar weltweit (0,12 Prozent) verschwinden würden (siehe Grafik). Seit einigen Jahren arbeiten Holzhersteller mit Energiekonzernen zusammen, um die Marktreife von Holzfasern als Biokraftstoff-Lieferant voranzutreiben. Der skandinavische Papierhersteller Stora Enso und der finnische Ölkonzern Neste Oil etwa betreiben im finnischen Varkaus ein Versuchskraftwerk zur Biomasseverflüssigung, eine ähnliche Anlage gibt es im sächsischen Freiberg. Dass künftig Biomasse aus Forsten ein erstrangiger Rohstoff zur Energieerzeugung sei, erwartet auch der ebenfalls in diesem Gebiet engagierte amerikanische Papier- und Holzfaserproduzent Weyerhaeuser. Stora Enso und eine Tochter des chilenischen Energie- und Forstkonzerns Empresas Copec sicherten sich Zugang zum Rohstoff, indem sie Waldflächen von mehr als 130 000 Hektar in Uruguay kauften.

          Die FAO widmete in ihrem alle zwei Jahre erscheinenden Waldbericht aber nicht den Großkonzernen, sondern den regionalen Waldwirtschaftsbetrieben ein eigenes kritisches Kapitel. Die Rechte von Millionen Menschen, lokale Holzressourcen zu nutzen und davon auch zu profitieren, würden nicht hinreichend vertreten. "Wir müssen die Beziehung zwischen den Menschen und den Wäldern stärken und dabei auch die Vorteile hervorheben, die entstehen, wenn lokale Völker nachhaltig und mit neuen Ideen Wälder bewirtschaften", heißt es in dem Bericht.

          Dem Bericht der FAO zufolge hat sich auch der europäische Wald wieder vermehrt. Inklusive Russland besitzt diese Region im Vergleich mit anderen Weltteilen mit insgesamt einer Milliarde Hektar die größte Waldfläche. Russland, das rund ein Fünftel der Weltwaldfläche besitzt, verlor von 2000 bis 2010 geringfügig, das restliche Europa gewann, angeführt von Spanien und Schweden, im Jahr durchschnittlich 0,36 Prozent seines Waldes. Die Flächen von Waldschutzgebieten verdoppelten sich. Die Untersuchung basiert auf der Weltforstschätzung der FAO vom vergangenen Jahr, für die Waldbestände in 233 Ländern seit 1990 viermal erfasst wurden. In der vergangenen Dekade ging demnach eine Fläche von etwa der Größe Costa Ricas verloren. Der jährliche Nettorückgang (Aufforstung minus Abholzung) verringerte sich von rund 8,3 Millionen (1990 bis 2000) auf 5,2 Millionen Hektar zwischen den Jahren 2000 und 2010.

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