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: "Die amerikanische Fed will Inflation"

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FRAGE: Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins erhöht. Was sagen Sie dazu?ANTWORT: Es ist klar, dass die amerikanische und die Europäische Zentralbank (EZB) leicht unterschiedliche Kurse einschlagen.

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          FRAGE: Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins erhöht. Was sagen Sie dazu?

          ANTWORT: Es ist klar, dass die amerikanische und die Europäische Zentralbank (EZB) leicht unterschiedliche Kurse einschlagen. Die EZB senkte die Zinsen nicht, als die Sorgen in den Kreditmärkten eskalierten, während die Federal Reserve (Fed) den Leitzins ziemlich aggressiv senkte. Ich persönlich habe große Sorgen über die inflationäre Entwicklung weltweit und sicherlich auch in den Vereinigten Staaten. So sympathisiere ich eher mit der EZB als mit der Fed.

          FRAGE: Wird nun auch die amerikanische Zentralbank die Zinsen erhöhen?

          ANTWORT: Ich gehe nicht davon aus, dass die Fed beim nächsten Treffen des zinsbestimmenden Gremiums Anfang August den Leitzins erhöhen wird. Die Entscheidungen der Fed hängen von den Konjunkturdaten ab, die in der Zukunft veröffentlicht werden. Sollten die Arbeitsmarktdaten nicht allzu schlecht ausfallen und gleichzeitig die Inflationsdaten höher liegen als erwartet, so nähme die Wahrscheinlichkeit für einen Zinserhöhungszyklus allerdings zu.

          FRAGE: Was bedeutet das für den Dollar?

          ANTWORT: Ich betrachte die Entwicklung des Dollar als ein wichtiges Symptom für den Inflationsdruck in den Vereinigten Staaten, angesichts der unterschiedlichen Strategien von Fed und EZB. Es wäre sicherlich falsch, den Wechselkurs zum Ziel der Geldpolitik zu machen. Allerdings sollte ihn die Fed als einen der wichtigen Faktoren bei der Beurteilung der Inflation berücksichtigen.

          FRAGE: Der Dollar ist wichtig für die Entwicklung der amerikanischen Importpreise und insbesondere für die der Rohstoffpreise. Manche argumentieren, die Rohstoffe seien so teuer, weil der Dollar so schwach ist.

          ANTWORT: Keine Frage, die Rohstoffpreise sind sicherlich durch den schwachen Dollar beeinflusst worden. Abgesehen vom Öl haben die Rohstoffpreise jedoch keinen größeren Einfluss auf die amerikanischen Preisindizes. Rund zwei Drittel des amerikanischen Sozialprodukts kommen aus dem Dienstleistungsbereich. So ist die Lohnentwicklung wichtiger. Und die Lohnsteigerungen in den Vereinigten Staaten sind bisher moderat. Wichtig ist nicht so sehr der Inflationsdruck allgemein, sondern die Veränderung der relativen Preise. Aufgrund der stark steigenden Preise für Energie und Nahrungsmittel muss sich die Wirtschaft anpassen. Genau diese Anpassungen können wir zum Beispiel bei den Energieverbrauchern längst beobachten: Die Fluglinien stehen unter Druck, und die Verbraucher kaufen Wagen, die weniger Sprit verbrauchen. Das heißt, Unternehmen in diesen Bereichen haben Schwierigkeiten.

          FRAGE: Sie sprachen über einen möglichen Zinserhöhungszyklus. Was heißt das konkret?

          Das Grundszenario geht gegenwärtig von einem Wachstum zwischen null und einem Prozent auf Sicht eines Jahres aus, bei einer unveränderten Inflationsrate. Danach werde sich die Wirtschaft erholen und die amerikanische Zentralbank zu Zinserhöhungen bringen. Meine persönliche Inflationserwartung ist etwas pessimistischer. Sollten die Inflationsdaten enttäuschen, würde die Fed geldpolitisch restriktiver werden.

          Das Gespräch führte Christof Leisinger.

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