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: Der Prüfer dient dem Aufsichtsrat

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geg. KÖLN, 15. April. "Wie soll der Aufsichtsrat einen Wirtschaftsprüfer auswählen und bestellen, wenn er kein Budget und kein operatives Personal dafür hat?", fragte Bernhard Pellens, Professor an der Ruhr-Universität Bochum und Prüfungsausschussvorsitzender im Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp.

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          geg. KÖLN, 15. April. "Wie soll der Aufsichtsrat einen Wirtschaftsprüfer auswählen und bestellen, wenn er kein Budget und kein operatives Personal dafür hat?", fragte Bernhard Pellens, Professor an der Ruhr-Universität Bochum und Prüfungsausschussvorsitzender im Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp. Mit dieser Frage demonstrierte Pellens auf der Schmalenbach-Tagung zu den "Reformüberlegungen zur Corporate Governance und Abschlussprüfung in der EU" die Schwierigkeit, praktisch unabhängig zu überwachen und zu prüfen.

          Klaus-Peter Naumann vom IDW Institut der Wirtschaftsprüfer stimmte Pellens zu, dass es ein Problem sei, wenn der Aufsichtsrat einen Wirtschaftsprüfer beruft, dessen Honorar die Kostenstelle des Finanzvorstandes belastet. Jella Benner-Heinacher, Präsidentin der Anlegerschutzorganisation Euroshareholders aus Brüssel, schloss sich der Forderung an, dem Aufsichtsrat ein eigenes Budget zur Verfügung zu stellen. Max Dietrich Kley, Mitglied im BASF-Aufsichtsrat, hob hervor, dass diese Auswahl ohne Mithilfe der Unternehmensverwaltung nicht zu bewältigen sei. Pellens beklagte, dass die Alternative, den Prüfer mit Hilfe eines externen Dienstleisters auszuwählen, nicht bestehe, "weil diese Dienstleistung am Markt nicht angeboten wird".

          Die Schwierigkeiten der Auswahl eines Wirtschaftsprüfers durch die Verwaltung demonstrierte Timotheus Höttges, Finanzvorstand der Deutschen Telekom. Er hat im Auftrag seines Aufsichtsrates den neuen Wirtschaftsprüfer für sein Unternehmen ausgewählt. Dabei kamen fast nur Kriterien der Verwaltung und des Vorstandes zur Anwendung. Der Wirtschaftsprüfer müsse ihm - dem Finanzvorstand - "rund um die Uhr, sieben Tage die Woche" zur Verfügung stehen, forderte Höttges. Er verlangte "ein tiefes Verständnis des Geschäftsmodells der Telekom" und des Telekommarktes und aktive Beratung der Verwaltung in aktuellen Entscheidungssituationen, "um Haftungsfragen zu entgehen". Dem entgegneten Naumann und Benner-Heinacher, dass der Wirtschaftsprüfer das Management zu überprüfen habe und nicht dessen Hilfsorgan sei.

          Andererseits seien aber intime Unternehmenskenntnisse notwendig für eine umfangreiche Prüfung. Daher lehnten Hubert Weis, Ministerialdirektor im Bundesjustizministerium, wie auch zahlreiche andere Redner die von der EU in ihrem Grünbuch vorgeschlagene Zwangsrotation des Wirtschaftsprüfers ab, weil sie "zu einem Verlust von Kenntnissen gerade auch der Schwachstellen eines Unternehmens führt". Klaus-Günter Klein, Vorstand der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Warth & Klein, befürchtet von einem Zwangswechsel des Prüfers in bestimmten Zeitabständen zudem eine Zunahme der Konzentration des Wirtschaftsprüfermarktes auf die vier größten Gesellschaften KPMG, PWC, Ernst & Young und Deloitte, "weil diese gegenüber allen anderen Prüfungsunternehmen einen großen Reputationsvorsprung haben". Außerdem könnte der Zwangswechsel den Preisdruck weiter erhöhen. Es liege schon heute eine große Gefahr für den Berufsstand und seine Unabhängigkeit darin, dass man von der reinen Wirtschaftsprüfung aufgrund des Preisdrucks bald nicht mehr leben könne und zwingend auf Beratungsumsätze und die daraus sich ergebenden Gewinne angewiesen sei.

          Die von der EU diskutierte Trennung von Prüfung und Beratung stieß daher einhellig auf Ablehnung. Allerdings war man mehrheitlich der Ansicht, dass der Aufsichtsrat auch darüber entscheiden sollte, welche Beratungsaufträge dem Wirtschaftsprüfer übertragen werden und dass das addierte Honorar eines Mandanten bestimmte Schwellenwerte am Gesamtumsatz der Prüfungsgesellschaft nicht überschreiten dürfte. "Das muss europäisch geregelt werden", forderte Kley. Die Angst vor neuen EU-Regeln war spürbar gering. "Es droht keine Überregulierung. Am Ende werden die Änderungen harmlos sein", erwartet Benner-Heinacher, und auch Klaus-Heiner Lehne (CDU), Vorsitzender des Rechtsausschusses im Europäischen Parlament, geht davon aus, dass "es nur zu gemäßigten Änderungen gradueller Art" kommen wird, die am Ende die Aufsichtsgremien, vor allem den Aufsichtsrat, stärken.

          Keiner der Redner erwartete, dass die strittigen Punkte Zwangsrotation, Gemeinschaftsprüfung, nationale Regulierungsbehörde für Abschlussprüfungen oder ein generelles Verbot von Beratung und Prüfung durch dieselbe eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Eingang in ein Gesetz finden werden. Ein für alle Länder der EU geltender Prüferpass sei wünschenswert, stoße aber noch auf viele nationale Vorbehalte. Lehne kündigte an, dass der Rechtsausschuss des Europäischen Parlaments Ende Mai seinen Bericht abschließe und das Europäische Parlament auf dieser Basis Ende Juni eine Stellungnahme zum Grünbuch abgeben werde.

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