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Das Unternehmergespräch: Gilad Tiefenbrun, Geschäftsführer von Linn Products : "Sie dürfen keine Zweifel zeigen"

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Es ist acht Jahre her, dass Gilad Tiefenbrun Entwicklungschef im Unternehmen seines Vaters wurde und neun Monate später waren fast die Hälfte der Mitarbeiter in seiner Abteilung gegangen. Drei Dinge seien wichtig, wenn man in einem Unternehmen etwas grundlegend ändern wolle, sagt Tiefenbrun.

          Es ist acht Jahre her, dass Gilad Tiefenbrun Entwicklungschef im Unternehmen seines Vaters wurde und neun Monate später waren fast die Hälfte der Mitarbeiter in seiner Abteilung gegangen. Drei Dinge seien wichtig, wenn man in einem Unternehmen etwas grundlegend ändern wolle, sagt Tiefenbrun. Regel eins: "Sie müssen sicherstellen, dass Sie nur mit Leuten zusammen arbeiten, die mit Leidenschaft bei der Sache sind." Regel zwei: "Sie müssen mit Entschlossenheit führen und dürfen keine Zweifel zeigen, auch wenn es Rückschläge gibt." Regel drei: "Sie müssen mit ihren Mitarbeitern offen kommunizieren." Das Unternehmen, das Tiefenbrun nach seinen drei Handlungsmaximen umgekrempelt hat, heißt Linn, ein Familienbetrieb aus dem schottischen Glasgow, der hochwertige und sehr teure Stereoanlagen baut. Wer bei Linn einkauft, kann problemlos mehr als 50 000 Euro für seine neue Anlage ausgeben. Der Hersteller ist damit in einer kleinen, hochspezialisierten Marktnische tätig. Zu den Kunden des Hauses zählen Microsoft-Mitgründer Paul Allen, David Bowie und Prinz Charles. Linn beschäftigt 171 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von umgerechnet rund 19 Millionen Euro - ein Zwerg in der Welt der Unterhaltungselektronik, deren technologische Schrittmacher Riesen wie Apple und Sony sind. Umso faszinierender ist die Geschichte von Linn in den vergangenen Jahren. Gilad Tiefenbrun ist heute 38 Jahre alt und hat 2009 seinen Vater Ivor an der Unternehmensspitze abgelöst. In den Jahren zuvor ist Linn unter seiner Regie einer der innovativsten Hi-Fi-Hersteller der Welt geworden. Kein Wettbewerber hat sich so radikal und kompromisslos gewandelt wie die Schotten. "Wir haben unsere Zukunft aufs Spiel gesetzt und dadurch unser Überleben gesichert", sagt Tiefenbrun. Linn zählt zu den Pionieren beim Bau von sogenannten Netzwerkspielern. Diese Geräte werden anders als ein CD-Spieler nicht mehr mit einem anfassbaren "physischen" Tonträger gefüttert, sondern ähnlich wie ein iPod mit digitalen Musikdateien, die über das Internet in Sekundenschnelle heruntergeladen werden können. Entsprechende Downloads in besonders hoher Klangqualität bietet Linn über sein eigenes Plattenlabel Linn Records an. Fachleute sind sich einig, dass dieser Technik auch in der Luxusnische des Hi-Fi-Marktes die Zukunft gehört. Aber wann genau fängt die Zukunft an? Linn brachte seinen ersten Netzwerkspieler vor vier Jahren auf den Markt. Diese Geräte kosten bei der Edelmarke zwischen 1500 und 16 000 Euro und sie gelten als die besten der Welt. Im November 2009 hat der Mittelständler als erster Hi-Fi-Hersteller angekündigt, aus der Produktion von CD-Spielern auszusteigen und diese komplett durch Netzwerkspieler zu ersetzen. Die Meldung sorgte in der Branche für Aufsehen. Bis heute ist kein Wettbewerber gefolgt. Zu groß ist wohl die Furcht, Stammkunden, denen die neue Technik noch suspekt ist, zu vergrätzen. "Das war ein mutiger Schritt", sagt Branko Glisovic, der Geschäftsführer des Verbands High End Society, einem Zusammenschluss von Edel-Hi-Fi-Herstellern in Europa. Er klingt skeptisch: "Ich glaube nicht, dass der CD-Spieler schon heute uninteressant geworden ist." Im Jahr 2003, als Tiefenbrun junior bei Linn anfing, sah die Welt ohnehin noch anders aus. Es gab praktisch keinen Markt für Netzwerkspieler und auch Linn baute vor allem CD-Spieler, die zu den besten und teuersten zählten. Aber dieser Markt war weitgehend gesättigt. Schon damals zeichnete sich ab, dass die CD auf längere Sicht durch Downloads und die digitale Musikübertragung via Internet, dem sogenannten Streaming, verdrängt würde. Die CD-Verkäufe fielen bereits rapide und Apple machte mit seinem iPod Furore. "Mir war klar, dass erstens physische Tonträger verschwinden werden und zweitens Software bei Hi-Fi-Geräten eine viel größere Rolle spielen würde", sagt Tiefenbrun. Wenn der kleine Hersteller den schwierigen Sprung in die neue Zeit schaffen wollte, musste es alle seine Kräfte darauf konzentrieren. Es war ein Kulturschock. Früher war Linn ein eher konservativer Hersteller: Bei seiner Kundschaft genoss die Marke nicht zuletzt wegen ihrer Plattenspieler einen guten Ruf - ein Musikabspielgerät, das im vorletzten Jahrhundert erfunden wurde. Im Massenmarkt sind Plattenspieler zwar schon vor 25 Jahren vom CD-Spieler verdrängt worden, sie haben aber bis heute vor allem im Luxussegment ihre treue Fangemeinde. Der Linn LP12, den Gilads Vater Anfang der siebziger Jahre konstruiert hat, gilt vielen Fachleuten noch immer als Maß der Dinge. Er wird auch heute noch gebaut und steuert etwa ein Zehntel zum Gesamtumsatz von Linn bei. Für das kleine Unternehmen war der Technologiesprung ein großes Wagnis. Die Entwicklung des Linn-Netzwerkspielers dauerte dreieinhalb Jahre und hat nach Tiefenbruns Schätzung insgesamt mehr als 10 Millionen Euro verschlungen, also mehr als die Hälfte eines kompletten Jahresumsatzes. Der Unterschied zwischen einem Netzwerkspieler und einem CD-Spieler ist vergleichbar mit dem zwischen einem Elektroauto und einem mit Benzinmotor - nur dass Linn nicht Daimler oder BMW ist, sondern ein Mittelständler. Die Software steht heute im Mittelpunkt. Ein Netzwerkspieler ist im Grunde ein für Hi-Fi-Zwecke konstruierter Computer, der ein komplexes Betriebssystem braucht. Linn hat dieses selbst entwickelt. "Mein Elektronikchef sagte mir: Das geht nicht, das kriegen wir nie hin", erinnert sich Tiefenbrun. In seiner Entwicklungsabteilung prallten Welten aufeinander. "Wir mussten die Informationstechnik mit der traditionellen Hi-Fi-Technik verschmelzen", sagt Tiefenbrun. Seine Mitarbeiter kamen aus der Hi-Fi-Welt, er aus der IT-Welt. Bevor der gelernte Elektronik- und Softwareingenieur im Unternehmen des Vaters anfing, hatte er zehn Jahre unter anderem für Symbian gearbeitet, ein Unternehmen, das Betriebssysteme für Smartphones entwickelte. Als mehr und mehr Mitarbeiter aus der Entwicklungsabteilung gingen, ersetzte er sie durch frühere Kollegen von Symbian. Es ist zu früh, um beurteilen zu können, ob sich der Wagemut für Linn auszahlt. Das Ende Juni abgelaufene Geschäftsjahr 2010/2011 ist das erste nach dem Abschied von der CD und bisher hat der kühne Wechsel weder zu dramatischen Einbrüchen noch zu einem Wachstumssprung geführt: "Umsatz und Ergebnis sind im Vergleich zum Vorjahr stabil", sagt der Linn-Chef. Ist das nicht etwas enttäuschend? Nein, findet Tiefenbrun. Er glaubt fest daran, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. "Wir sind ein Familienunternehmen, für uns zählt nicht, was in den nächsten zwölf Monaten passiert. Wir können langfristig planen", sagt Tiefenbrun. "Das ist ein großer Vorteil, und den müssen wir nutzen."

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