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: Das Grab ist nach Mekka auszurichten

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Die Karriere der islamischen Bestatterin beginnt wie eine Gastarbeitergeschichte aus dem Bilderbuch: Vildane Uludag, verehelichte Abdelatif, kam 1972 mit acht Jahren nach Deutschland - aus einem kleinen Dorf nahe der alten Osmanen-Stadt Amasya im Hinterland der türkischen Schwarzmeerküste.

          Die Karriere der islamischen Bestatterin beginnt wie eine Gastarbeitergeschichte aus dem Bilderbuch: Vildane Uludag, verehelichte Abdelatif, kam 1972 mit acht Jahren nach Deutschland - aus einem kleinen Dorf nahe der alten Osmanen-Stadt Amasya im Hinterland der türkischen Schwarzmeerküste. Ihre Mutter, eine gelernte Schneiderin und Arbeitsmigrantin, hatte Mann und Tochter nachgeholt. Ihr Vater Osman Uludag fand bald eine Anstellung in der Pathologie des Bergedorfer Krankenhauses in Hamburg. Bei seiner Tätigkeit erlebte der Krankenpfleger jahrelang die Hilflosigkeit seiner türkischen Landsleute, wenn ein Angehöriger starb und niemand den Toten professionell für die islamische Bestattung vorbereiten und in die Heimat überführen konnte. Als immer häufiger der Wunsch nach Hilfe an ihn herangetragen wurde, gründete er 1996 zusammen mit seiner Tochter Vildane das Beerdigungsinstitut "Uludag Cenaze".

          Anfangs tat sich die junge Frau mit der Geschäftsidee schwer: "Mein Vater lockte mich damit, dass ich keinen direkten Kontakt zu den Leichnamen hätte", erinnert sich Vildane Abdelatif heute. Sie sollte den organisatorischen Bereich übernehmen. Dank ihrer kaufmännischen Kenntnisse tat sie das bald mit großem Geschick und wurde so die erste türkische Bestatterin in Deutschland.

          Seit 1999 läuft die Personengesellschaft auf ihrem Namen. Heute führt sie das Unternehmen mit acht Ganz- und Halbtagsbeschäftigten, darunter einem Imam. Tatkräftig unterstützt wird sie von ihrem zweiten Mann, einem Steinmetz aus Algerien, der sich auf die Kunst arabischer Grabinschriften versteht. Auch ihr inzwischen 20 Jahre alter Sohn, der gerade eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten beginnt, arbeitet mit.

          Abdelatif weiß genau, wie Muslime beerdigt werden müssen: Das Grab ist nach Mekka auszurichten, die Totenwäsche nach den vorgeschriebenen islamischen Riten durchzuführen und das Gebet auf Arabisch zu halten. Vor allem aber muss der Verstorbene viel schneller beigesetzt werden als bei Christen üblich - so schnell wie möglich, in jedem Fall innerhalb von 24 Stunden nach dem Ableben. Die damit verbundene notwendige Eile der organisatorischen Abwicklung ruft bei manchen deutschen Standesämtern und Bürokraten noch immer Unverständnis hervor.

          "Uludag Cenaze" betreut jährlich etwa zwei Drittel der 250 muslemischen Todesfälle in Norddeutschland. 80 Prozent davon sind Türken, meist Gastarbeiter aus der ersten Generation, die nicht in ihre Heimat zurückkehrten, aber dort begraben werden wollen. Die meisten Bestattungen, die bei Abdelatif in Auftrag gegeben werden, sind deshalb Überführungen in die Türkei. Die Überführungen in andere Länder wie Griechenland, Russland und Kasachstan, Tschetschenien oder Afghanistan nehmen aber zu. Auch konvertierte Deutsche oder solche aus Mischehen gehören mittlerweile zur Klientel. Das Hamburger Bestattungshaus Uludag liegt in Billstedt. Ganz in der Nähe des Friedhofs Öjendorf mit seinem weiten Feld für islamische Gräber hat Frau Abdelatif 2007 einen modernen, einstöckigen Firmensitz mit großen Fenstern bauen lassen. In seinem roten Backstein wirkt das Gebäude durchaus hanseatisch. Es zeugt vom Unternehmenserfolg der Migrantin, auch wenn die Chefin lachend meint, dafür müsse sie noch zwanzig Jahre abbezahlen. Vildane Abdelatif hat das Innere am Borstelmannsweg 68 hell und freundlich eingerichtet. Jegliche Anmutung von Friedhof wurde vermieden: "Die Familien sollen denken, es sei ihr Haus, ihr Abschiedsraum", sagt sie.

          Auch Abdelatifs eigene Erscheinung löst bei Kunden Vertrauen aus: Die zierliche, dezent gekleidete Frau voller Respekt und Empathie für ihre Kunden trägt ein elegantes Kopftuch. In jungen Jahren kam ihr das noch nicht in den Sinn. Jetzt aber fühle sie sich reif dafür, sagt sie. Ihre Entscheidung sei weder eine Konzession an ihre Auftraggeber noch an ihren Ehemann: "Das wäre Heuchelei." Sie versichert glaubhaft, ihre Hinwendung zur Religion habe mit der täglichen Konfrontation mit dem Tod zu tun. Das Sterben sei für sie nach wie vor von erschütternder Endgültigkeit, auch wenn sie vieles heute besser verarbeiten könne. "Wenn man jeden Tag den Tod sieht, dann denkt man anders. Religion gibt Kraft."

          Und Kraft braucht sie, nicht nur psychisch, sondern auch physisch. Denn ihre Tätigkeit verlangt rund um die Uhr Bereitschaft und rasches Handeln. Ihr Telefon ist deshalb nie ausgeschaltet, und sie ist immer auf Abruf.

          Nicht allein die früh entdeckte Marktnische, für die ihr kultureller Hintergrund ausschlaggebend war, hat der innovativen Unternehmerin zum Erfolg verholfen. Die beim Firmenstart 32 Jahre alte Frau war Mutter von zwei Kindern, als sie 1996 mit ihren Ersparnissen von nicht viel mehr als 5000 Mark und ganz ohne Existenzgründerdarlehen den Sprung in die Selbständigkeit wagte - und das konträr zum tradierten weiblichen Rollenbild der türkischstämmigen Gesellschaft.

          Sicher hatte sie dabei auch das Vorbild ihrer tatkräftigen Mutter vor Augen, die sich einst ein Jahr vor Mann und Tochter unerschrocken ganz allein nach Deutschland wagte. Von Mut, Chancenorientierung und sozialer Kompetenz spricht Vildane nicht, umso mehr vom nützlichen Fachwissen: Nach dem Realschulabschluss lernte sie Englisch, Französisch und Spanisch und wurde Außenhandelskauffrau. Später studierte sie drei Jahre lang Betriebswirtschaft. Die heute 46 Jahre alte Vildane Abdelatif gehört zu einer Zwischengeneration von Migranten - zwar nicht in Deutschland geboren, aber hier aufgewachsen, gut ausgebildet und erfolgreich tätig. Sie ist mit Mann und inzwischen drei Kindern längst hier dauerhaft verwurzelt, und auch ihr zwölf Jahre jüngerer, einziger Bruder ist ein Beispiel geglückter Integration: Özgür Uludag hat gerade seinen Magister in Islamwissenschaft gemacht und will jetzt von der Universität Hamburg promoviert werden - über das Thema "Islamische Bestattungen".

          ULLA FÖLSING Die Gründer

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