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Befragt: Roman Frydman, Professor für Ökonomie an der New York University : "Buffett und Soros interessieren sich nicht für Psychologie"

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FRAGE: Professor Frydman, wir erleben seit vielen Jahren - und in diesen Tagen wieder -, dass Kurse an den Finanzmärkten sehr stark ausschlagen können. Was ist der Grund dafür?ANTWORT: Die Anleger orientieren sich überwiegend an fundamentalen Wirtschaftsdaten.

          FRAGE: Professor Frydman, wir erleben seit vielen Jahren - und in diesen Tagen wieder -, dass Kurse an den Finanzmärkten sehr stark ausschlagen können. Was ist der Grund dafür?

          ANTWORT: Die Anleger orientieren sich überwiegend an fundamentalen Wirtschaftsdaten. Das zeigen regelmäßige Befragungen der Nachrichtenagentur Bloomberg, die ich untersucht habe. Oder fragen Sie Investoren wie Warren Buffett und George Soros. Diese Männer haben ihr Leben lang Wirtschaftsdaten analysiert und auf der Basis dieser Analysen ihre Anlageentscheidungen getroffen. Gleichwohl kann sich die Bewertung an den Finanzmärkten unter dem Einfluss psychologischer Einflüsse von der Bewertung durch eine fundamentale Analyse unterscheiden. Auf diese Weise kommen die manchmal sehr großen Kursausschläge zustande.

          FRAGE: Die Kombination aus fundamentaler Analyse und psychologischen Erwägungen ist aber nicht Bestandteil der herrschenden Finanzmarkttheorie.

          ANTWORT: Nein. Ein Problem der herrschenden Schule ist, dass sie kein sehr realistisches Menschenbild besitzt. Die seit mehreren Jahrzehnten dominierende Hypothese effizienter Finanzmärkte, wie sie zum Beispiel Gene Fama (Universität Chicago) vertritt, kennt nur streng rational handelnde Menschen, die zudem verstehen, wie ein Markt funktioniert. Für die Anhänger dieser Schule spiegeln sehr starke Kursausschläge, zum Beispiel erst ein Boom und dann eine Baisse, ausschließlich die fundamentale Lage an einem Markt korrekt. Fama betont, dass er den Begriff einer Spekulationsblase (Bubble") überhaupt nicht verstehe. In diesem Modell kann ein Anleger nur aus Glück besser abschneiden als der Markt insgesamt, da alle Anleger gleich gut informiert sind. Daraus leitet sich die Anlageempfehlung ab, lediglich passiv gemanagte Indexfonds zu kaufen.

          FRAGE: Was stört Sie an dieser Auffassung?

          In diesen Modellen verhalten sich die Menschen wie Computer. Es wird ihnen ein Wissen über Märkte unterstellt, das sie unmöglich haben könneANTWORT: n. Spontane Entwicklungen, die Märkte wesentlich verändern können, sind in diesen Modellen zudem ausgeschlossen. Diese Modelle sehen so aus, als hätte sie ein sozialistischer Planwirtschaftler entworfen.

          FRAGE: Nun existiert seit längerer Zeit eine konkurrierende Schule, die man als verhaltensorientierte Finanzforschung ("Behavioral Finance") bezeichnet. Zu ihren bekanntesten Vertretern zählt der Yale-Ökonom Robert Schiller. Diese Schule postuliert, dass die Menschen sich nicht immer rational verhalten.

          Das ist richtig. Nehmen wir als Beispiel den Boom der Hauspreise am amerikanischen "Subprime-Markt". Für die Behavioral-Finance-Leute handelte es sich um eine Spekulationsblase als Folge irrationalen Verhaltens von Menschen. Sie stellen auf eine psychologische Erklärung von Marktphänomenen ab und haben viele Schwächen der Vorstellung stets rationaler Anleger an den Tag gebracht.

          FRAGE: Das müsste Ihnen doch gefallen.

          Behavioral Finance überzeugt mich nicht, weil diese Schule den Menschen zu häufig ein irrationales Verhalten nachsagt. Sie fällt gegenüber der These effizienter Märkte mit ihren extrem rationalen Menschen in das andere Extrem. Buffett und Soros interessieren sich nicht für Psychologie.

          FRAGE: Sie gehen mit einer eigenen Theorie, den "Imperfect Knowledge Economics" (Ökonomie unvollständigen Wissens), einen anderen Weg. Wie sieht er aus?

          Ich verbinde Elemente aus den Lehren zweier großer Ökonomen der Vergangenheit: John Maynard Keynes und Friedrich von Hayek ...

          FRAGE: ...die von vielen Nachfolgern als Antipoden geschildert werden.

          Das ist bedauerlich, denn die beiden Männer hat vieles verbunden, darunter ihre Vorstellung von dem Funktionieren von Märkten.

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