https://www.faz.net/-1va-6viik

Atomstreit : Iran blickt nach Fernost statt nach Westen

  • -Aktualisiert am

Nicht nur im Teppichhandel ist Iran ein verschlossener Markt: Internationale Marken sind in dem Land generell nur selten präsent Bild: REUTERS

Wegen der Sanktionen orientiert sich Iran in Richtung China. Viele Firmen würden aber gerne mit Deutschland Geschäfte machen.

          3 Min.

          Irans Wirtschaft muss seit Jahren mit Embargen auskommen. Am Donnerstag verschärften die EU-Außenminister anlässlich der Auseinandersetzung zwischen Großbritannien und Iran ihre Bestimmungen. Auch deshalb haben sich die Handelsbeziehungen Irans seit mehr als einem Jahrzehnt vom Westen in Richtung Asien verschoben. China war 2010 abermals Irans größter Lieferant mit einem Anteil am Import vom 18 Prozent und auch der größte Abnehmer mit 17 Prozent. Mit vier Ländern wickelt Iran die Hälfte seiner Ausfuhr (China, Indien, Japan und Türkei) wie auch seiner Einfuhr (China, Vereinigte Arabische Emirate, Deutschland und Korea) ab. China liefert überwiegend billige Konsumgüter, Korea steigt zu einem Lieferanten von technologisch anspruchsvolleren Anlagen auf, etwa für den Automobilbau, der auch Automobile selbst verkauft.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Die Seehäfen von Dubai sind weiter ein wichtiger Umschlagplatz. In den ersten sechs Monaten 2011 wurden nach Angaben der emiratischen Zollbehörde Waren im Wert von etwa 5 Milliarden Dollar nach Iran verschifft, meist Konsumgüter. Irans Import belief sich 2010 auf 92 Milliarden Dollar, der Export, der nahezu ausschließlich aus Öl besteht, auf 116 Milliarden Dollar. Die 8000 iranischen Händler in Dubai klagen, dass ihr Spielraum wegen der zunehmenden Beschränkungen immer kleiner wird. Die Banken in Dubai stellen für den Handel mit Iran keine Akkreditive mehr aus.

          Hausgemachte Liquiditätsengpässe

          Iran lässt sich seine Öllieferungen überwiegend durch Überweisungen an die russische Gasprom-Bank und die indische Hindujabank bezahlen. Sie haben die Aufgabe der Europäisch-Iranischen Handelsbank in Hamburg übernommen, an die Indien bis ins Frühjahr 2011 seine Öllieferungen aus Iran bezahlt hatte. Iran baut bei beiden Banken Guthaben auf, aus denen Bestellungen finanziert werden. Iran hat auch seine Lieferungen nach Griechenland ausgeweitet.

          Die iranische Wirtschaft ist unterdessen weniger von den Sanktionen bedroht als von hausgemachten Liquiditätsengpässen. Iranische Kaufleute können meist wegen fehlender Liquidität ihre Lieferbeziehungen nicht aufrechterhalten. Knapp sind sowohl Rial wie auch Devisen. Solange Iran nicht bezahle, sprängen auch asiatische Unternehmen nicht in die Lücke, die durch die Sanktionen entstanden sei, heißt es aus europäischen Wirtschaftskreisen in Teheran. Ursache der Liquiditätsengpässe, die seit zwei Jahren zunehmen, sind Korruption und strukturelle Unzulänglichkeiten bei der Zuteilung der Petrodollars.

          „Die Deutschen haben einen guten Ruf“

          "Die Sanktionen schaden der Bevölkerung und den iranischen Unternehmern mehr als dem Regime", glaubt Said Yasavoli. So sei es für iranische Geschäftsleute schwieriger geworden, ein Visum für eine Messe im Ausland zu bekommen. Der Unternehmer berät seit mehr als 15 Jahren iranische und deutsche Unternehmen, die zusammenarbeiten wollen. Er begleitet Wirtschaftsdelegationen und versucht, auf Messen Kontakte herzustellen.

          Seine Erfahrungen mit iranischen Unternehmen bestätigen, dass sich das Land Richtung China orientiert. Lieber aber würden die Firmen mit westlichen Industriestaaten Geschäfte machen, sagt Yasavoli, besonders gerne mit Deutschland. "Den Chinesen vertrauen die Iraner nicht, die Briten sind verhasst. Die Deutschen aber haben einen guten Ruf, wegen der Qualität ihrer Produkte." Die Zusammenarbeit werde aber immer schwieriger, sagt er und berichtet von Fällen, in denen deutsche Firmen einen Rückzieher machten aus Furcht, sonst Probleme bei Geschäften mit Amerika zu bekommen.

          Deutlich weniger Hermes-Bürgschaften

          Im ersten Halbjahr 2011 exportierte Deutschland Waren im Wert von 1,8 Milliarden Euro nach Iran, im Vergleichszeitraum 2010 waren es 2,2 Milliarden gewesen; die Ausfuhr aus der gesamten EU ging um knapp 11 Prozent zurück. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums verringerte sich das Volumen neuer Hermesbürgschaften im gleichen Zeitraum um 70 Prozent. Das Auswärtige Amt weist zudem darauf hin, dass ein Großteil des Handels der Jahre 2008 bis 2010 schon in den Vorjahren vereinbart worden sei.

          "Die Sanktionen haben die Arbeit erschwert", sagt Maryam Nasiri Khalili. Die 35 Jahre alte Unternehmerin aus Teheran war vor kurzem in Deutschland, um Kontakte zu knüpfen. Sie leitet eine Firma, die Kupferdraht produziert und handelt; vor zwei Jahren hat sie diese gegründet. Ihre Anlagen stammten aus Deutschland, inzwischen aber suche sie nach anderen Wegen, vor allem Richtung China und Ostasien. "Wir kaufen lieber deutsche Maschinen. Aber wenn wir die nicht bekommen, nehmen wir chinesische." Ähnliches berichtet Zahra Jalil Sani, die eine Druckerei in Teheran führt und Druckmaschinen importiert. Ihre Söhne haben in Deutschland studiert und würden ihre Kontakte und Sprachkenntnisse gerne nutzen. Jetzt aber importiert das Unternehmen aus China und hat dort ein Büro. "Die Chinesen füllen die Lücke", sagt die Unternehmerin. "Sie kopieren die deutschen Maschinen, sind billiger, aber die Qualität stimmt nicht."

          Yasavoli sagt, er wolle den deutschen Mittelstand mobilisieren. Möglichkeiten sieht er im Maschinenbau, solange es nicht Petro-Chemie sei, in der Bau- und Gesundheitswirtschaft, der Nahrungsmittel- und Textilindustrie.

          Topmeldungen

          737-Max-Flugzeuge von Boeing stehen auf einem Gelände des Unternehmens in Seattle.

          Krise um 737 Max : Immer mehr schlechte Nachrichten für Boeing

          Es steht nicht gut, um den Flugzeugbauer Boeing: Der politische Druck rund um die Ermittlungen zu den beiden Abstürzen der 737-Max-Maschinen wird immer größer – und nun verliert das Unternehmen auch an der Börse immer mehr an Wert.