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: Wiederbelebung der ledernen Schreibtischkultur

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Zettelwirtschaft war gestern. Die Zukunft auf dem Schreibtisch scheint papierlos. Längst werden Adressen, Telefonnummern und Daten aller Art digital ...

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          Zettelwirtschaft war gestern. Die Zukunft auf dem Schreibtisch scheint papierlos. Längst werden Adressen, Telefonnummern und Daten aller Art digital gespeichert und Briefe als E-Mail verschickt. Wen vor dem Bildschirm dennoch nostalgische Sehnsucht nach Natürlichem, Greifbarem, handwerklich Gefertigtem packt, der kann sich jetzt mit feinsten Leder- und Schreibwaren aus Hamburgs Westen trösten: Das Familienunternehmen „Papermoles Portfolio Manufaktur“ im Elbvorort Nienstedten hat traditionelle Schreibkultur wiederentdeckt und innovativ neu belebt. Ausschließlich in Handarbeit werden dort Mappen und Hüllen, Agenden und Accessoires aus Leder und buntem Filz individuell nach Kundenwünschen kombiniert und für den Besitzer mit Namen oder Logo aufwendig geprägt, das Ganze minimalistisch, praktisch und modern.

          “Persönlich, ästhetisch, handgefertigt“ heißt die Devise der jungen Firma im dörflichen Ambiente unweit von Elbe und Seegerichtshof, die als Gesellschaft bürgerlichen Rechts im November 2009 startete. Mutig wurde seinerzeit am Freitag, dem 13., in der „Erste Liebe Bar“ auf der Fleetinsel in der Hamburger Innenstadt die Gründung gefeiert. Die Manufaktur- und Ausstellungsräume im hundert Jahre alten Eckhaus der Kanzleistraße eröffnete Papermoles vier Monate später im März 2010. Direkt daneben im Hinterhof des Nachbarhauses befindet sich seit 1996 die Buchbinderei von Thomas Erdmann, die ihre Kundschaft gleichfalls über die Manufaktur bedient.

          Die räumliche Verbundenheit hat mit Personalunion zu tun: Der selbständige Buchbinder-Meister Erdmann, einer aus dem letzten Dutzend in der Hansestadt, hatte im Laufe der Zeit mit seiner professionellen Begeisterung für Leder und Papier, Design, Handwerk und Schreibkultur die ganze Familie angesteckt. Seine fünf Kinder wählten dann zwar andere Berufe, aber bei einem Familienfest entstand die Idee, die Vielfalt an Kompetenzen in einem gemeinsamen Projekt zusammenzuführen. Zum Ausgangspunkt wurde eine erste Serie von Lederprodukten mit persönlicher Prägung, die Thomas Erdmann seit 2003 ohne kommerzielle Hintergedanken für Familie und Freunde kreiert hatte.

          Familiäres Brainstorming führte in Anlehnung an Thomas Erdmanns Schüler-Spitznamen „Maulwurf“ und seinen steten Umgang als Buchbinder mit Papier zum anglisierten Firmentitel „Papermoles“, der schickes, junges Flair versprach. Finanziert wurde die Gründung mit rund 30 000 Euro aus eigenen Rücklagen. Das Geld ging vor allem in Produktentwicklung und Ausstattung der Manufaktur. Dazu kam reichlich unentgeltliche Arbeitszeit von Seiten der Familie: Ohne externe Unterstützung wurden Betriebsstätte und Ausstellungsräume geplant und ausgebaut, die Internetseite programmiert, die Produkte entwickelt und eine rechtlich und betriebswirtschaftlich schlanke Unternehmensstruktur aufgebaut.

          Papermoles hat bis heute wenig Personal: Das junge Unternehmen besteht aus sechs Gesellschaftern, allesamt Familienmitglieder, sowie eineinhalb Arbeitskräften von außen. Um die Herstellung kümmert sich der Vater, Buchbindermeister Thomas Erdmann, zusammen mit einer Buchbinder-Kollegin. Schwiegertochter Mari Kutila, eine 32 Jahre alte Diplom-Betriebswirtin aus Finnland, ist für die kaufmännische Leitung, Marketing und Vertrieb zuständig. Ihr Mann Jonas Erdmann, den sie beim Studium in Kiel kennenlernte, klärt als Rechtsanwalt alles Juristische für die Manufaktur. Produkt- und Shop-Design entwirft die Architektin Julia Erdmann. Sie ist mit Thomas Erdmanns Sohn Ramon verheiratet, der als Diplom-Ingenieur die Internetseite und den IT-Bereich verantwortet. Mutter Rosi Erdmann, gelernte Sozialpädagogin, koordiniert die Projekte der Firma.

          Die erste Papermoles-Kollektion 2009 umfasste 22 Ledermappen in 32 verschiedenen Farbkombinationen mit 42 Artikeln Zubehör (Hefte, Blöcke, Lederpflege). Die aktuelle Kollektion 2013 offeriert 40 Ledermappen in 40 Farbkombinationen, dazu 104 Extras. Das hochwertige Oberleder aus Rind für den handgefertigten Spaß kommt aus Deutschland und Schweden, der Schafwollfilz für das Futter aus Dänemark, das Papier für das Innenleben aus Italien. Gefertigt wird jedes Stück einzeln in zahlreichen Arbeitsgängen von Hand und nur auf Bestellung. Den Aufwand zeigt der Preis: Papermoles Lederprodukte kosten zwischen 20 und 700 Euro. Meistverkauftes Produkt ist das „A5 Organizer PortBook“, das 2011 den renommierten „red dot design award“ gewonnen hat. Es kostet von 245 Euro an aufwärts, persönliche Prägung inbegriffen. Ein „A3 PortFolio“ kommt auf 625 Euro. Gekauft wird meist über die Internetseite. Geliefert wird zwei Wochen später. Von den mehr als 1000 Kunden bisher kehren viele wieder. Wegen der persönlichen Prägung sind Papermoles Ledermappen beliebte Geschenke, auf die nicht nur Privatleute, sondern auch Firmen zurückgreifen. „Unser Kerneinzugsgebiet ist Hamburg“, sagt Geschäftsführerin Mari Kutila. „Doch wir haben bereits Ledermappen in die halbe Welt geliefert.“

          Genaue Umsatz- und Gewinnzahlen verrät Frau Kutila nicht. Nur, dass der Umsatz im sechsstelligen Bereich liegt und seit der Gründung durchschnittlich um rund 60 Prozent im Jahr wächst. Dank des überwiegend unbezahlten Engagements der Gesellschafter habe Papermoles seit dem ersten vollen Geschäftsjahr 2010 überschaubare Gewinne erwirtschaften können. Konkurrenten auf dem Markt hochwertiger Ledermappen wie MontBlanc, Hermès und Louis Vuitton fürchtet das junge Unternehmen nicht. „Unser Alleinstellungsmerkmal ist das besondere Design, die umfangreiche Auswahl und die persönliche Prägung“, sagt Kutila.

          Als Erfolgsgeheimnis preist die Manufaktur ihre Verknüpfung der im IT-Zeitalter antiquiert anmutenden Ledermappen und physischen Organizer mit dem aktuellen, weltweiten Trend zur Individualisierung. „Klassisches Kunsthandwerk und die digitale Zeit stellen keinen Widerspruch dar. Menschen werden die besondere Haptik, die Beständigkeit und den Geruch natürlicher Materialien immer lieben“, sagt Thomas Erdmann.

          ULLA FÖLSING

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