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„What is Left?“ im Kino : Links blinken, rechts blinken, nix fährt

  • -Aktualisiert am

Das beste italienische FIlmteam seit Bud Spencer und Terence Hill: Gustav Hofer (links) und Luca Ragazzi haben ihr Land stets auf dem Schirm. Bild: deja vu Filmverleih

Wenn alles in Europa politisch durcheinandergeht, lohnt sich ein Blick nach Italien, denn dort ist das Durcheinander Staatsform. Ein neuer Film von Gustav Hofer und Luca Ragazzi fragt „What is Left?“

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          Eine hochaktuelle Dokumentation über Italiens politische Leere, wo keiner weiß, was links oder rechts sein könnte, verdanken wir den beiden Filmemachern Gustav Hofer und Luca Ragazzi. Der Südtiroler und der Römer, beide um die vierzig Jahre alt, haben sich stets der politischen Linken verbunden gefühlt und entsprechend gewählt. Doch dann kamen die nationalen Wahlen Anfang 2013, und die politisch orientierungslose Protestbewegung „5 Sterne“ von Fernsehkomiker Beppo Grillo sahnte ab. Sie aber ist nach eigenen Worten „weder links noch rechts; denn beides gibt es nicht mehr“. Mitregieren wollten Grillos Leute nicht; und so waren die zwei alten Erzfeinde, Sozialdemokraten und konservative Berlusconi-Bewegung, gezwungen, eine Koalition zu gründen, die als Rumpf bis heute unter Ministerpräsident Matteo Renzi weiterbesteht.

          Da stellte sich die Frage des Filmes: „What is Left?“. Was ist in Italien links, und was kann davon übrig bleiben, wenn „man mit seinem Feind ins Bett geht“? Die erfolgreichen Filmemacher, seit langem im privaten Leben ein Paar, bedrängte, was viele Italiener umtreibt: In ihrer Orientierungslosigkeit machten sie bei den jüngsten Europa- und Kommunalwahlen die Partei der Wahlenthaltung zur größten Kraft. Gustav Hofer und Luca Ragazzi aber zogen sich nicht zurück. Sie versuchten bei den Parteitreffen des sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) und bei Kundgebungen auf den Plätzen Antworten auf ihre Fragen nach den politischen Inhalten der Linken zu bekommen.

          Damals war der ideologische Himmel noch klar

          Meist stießen sie wie bei Ex-Parteichef Dario Franceschini auf pragmatische Formeln, wonach in „außergewöhnlicher Lage“ Ideale zurückzutreten hätten, um den Menschen mit praktischer Arbeit zu helfen. Bei Abwasch und Kaffeekochen diskutierten die beiden Filmemacher zu Hause weiter darüber, dass Italiens Politik heute ohne Ideen sei. Wie einfach war das noch, als KP-Chef Enrico Berlinguer die Plätze füllte und Marschlieder den „Sieg der Arbeiterbewegung“ besangen.

          Da war der ideologische Himmel noch klar. Diese Haltung hat bei manchen überlebt: Ein junger Parteiaktivist ist es „müde“, immer wieder an das „Verantwortungsgefühl für das Land“ erinnert zu werden. Um der Ideale willen dürfe es keine Koalition zwischen PD und Berlusconis Partei geben. In der Tat ist die Empörung im PD groß; es hagelt Austritte. Bei einem gespielten TV-Quiz zwischen Gustav und Luca wird deutlich, dass es kein „richtig“ oder „falsch“ auf komplizierte Fragen gibt.

          Das war der Zwischenstand im Frühling 2013. Die alten italienischen Antworten auf die Fragen nach rechts oder links galten nicht mehr, und so mussten auch die alten Parteichefs, erst Franceschini und dann Pier Luigi Bersani, ihren Abschied nehmen. Links konnte nicht ihr Mauscheln und Koalieren um der Macht willen sein oder die bisherige Gewerkschaftspolitik, die nicht für mehr Arbeitsplätze kämpft. Linke Politik müsse „aus der Sicht der Schwächsten Veränderungen versuchen“, fordert heute eine Abgeordnete der Bewegung „Linke-Ökologie-Freiheit“ (SEL): eine offene Erziehung, Einsatz für die Rechte der Minderheiten, Integration der Fremden, die menschenwürdige Unterbringung von Häftlingen in den bisher überfüllten Gefängnissen.

          Auf der Suche nach einer neuen Identität

          Der mit 26 Jahren jüngste PD-Abgeordnete, der Jura-Promovend Enzo Lattuca, bekennt, dass Politik und Freiheit zusammengehörten; es würde ihn stolz machen, wenn es ihm dereinst gelänge, eine Minderheitsmeinung zur Mehrheit zu verhelfen. Dabei mag er auch an die Anerkennung der Homoehe denken, die Gustav und Luca fordern. Mit dem Ende der Ära Berlusconi, in der die Linke ihre Themen verlor, weil ihr alles „links und richtig“ erschien, was Berlusconi schadete, muss sie sich eine neue Identität suchen. Den politischen Helden dieser neuen Zeit hat sich Italien nach Gustav Hofer mit dem 39 Jahre jungen PD-Chef und Ministerpräsidenten Renzi schon gewählt. Er hat der Partei jetzt bei den Europawahlen eine Mehrheit verschafft, die sie selbst unter Berlinguer nicht hatte; aber sein politisches Programm muss erst noch wachsen, und so verabschiedet sich in der Dokumentation die Linke mit ihrer Mädchenstimme kleinlaut mit den Worten: „Ich bin noch nicht salonfähig“ aber das sei keine Drohung, sondern Versprechen.

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