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Werbung : In China ist die Welt noch in Ordnung

Bild: obs

Noch wachsen die Einnahmen der Werbeagenturen - aber wie lange noch? Die Schuldenkrise trübt die Stimmung in der Branche. Große Unternehmen reduzieren ihre Ausgaben. Rund läuft das Geschäft nur in Asien.

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          Mahlzeit! Ein Ehepaar in einem Wirtshaus. Kaum haben die beiden mit dem Essen begonnen, kleckert der Mann auf die Tischdecke. Seine Frau rügt ihn, der Wirt aber beruhigt: Alles kein Problem, dafür gebe es doch Persil. Der Mann strahlt in die Kamera. Genau 50 Jahre ist es her, dass dieser knapp einminütige Schwarzweißfilm über die Bildschirme flimmerte, der erste Werbespot im deutschen Fernsehen. Heute gibt es davon mehr, als vielen Menschen lieb ist. Insgesamt 3,8 Millionen Spots wurden im vergangenen Jahr allein im deutschen Fernsehen gezeigt.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Trotz des runden Fernseh-Jubiläums ist vielen Werbern dieser Tage nicht zum Feiern zumute. Zu unsicher sind die wirtschaftlichen Aussichten angesichts der europäischen Schuldenkrise, zu verwirrend die vielen neuen Werbemöglichkeiten im Internet. Das Geschäft verändere sich so rasant wie nie zuvor, berichten Werber, die schon länger dabei sind. Kurzatmiger werde es, und technischer. Und unberechenbar auch.

          In der ersten Jahreshälfte beherrschten noch die inhaltlichen Themen die Diskussionen auf den einschlägigen Branchentreffen. Ist die Kampagne "Tramp a Benz" von Jung von Matt für Mercedes wirklich so originell, wie alle behaupten? Wird die Agentur Heimat für ihre Hornbach-Kampagne wieder reihenweise Preise gewinnen? Kaum waren der ADC-Gipfel in Deutschland und das internationale Werbefestival in Cannes vorbei, verschoben sich die Gewichte. Was bedeutet die Schuldenkrise für die Werbebranche, fragten Experten mit sorgenvollen Mienen. Schließlich sparen Unternehmen bei den Werbeetats gern als Erstes.

          Noch ist die Lage einigermaßen ruhig. Bei der britischen Agenturgruppe WPP, zu der unter anderem Ogilvy und Grey gehören, stieg der Umsatz im dritten Quartal um 9 Prozent. Bereinigt um Akquisitionen und Währungseffekte, betrug das Plus noch 4,7 Prozent. Das klingt gut, ist allerdings deutlich weniger als in den beiden Vorquartalen. Und für das laufende Quartal rechnet Konzernchef Martin Sorrell mit einer weiteren Abschwächung. Sorrells Wort gilt etwas in der Branche, WPP ist das größte Agenturnetzwerk der Welt, in den ersten neun Monaten summierten sich die Erlöse auf umgerechnet 8,2 Milliarden Euro.

          Der Omnicom-Konzern mit Agenturen wie BBDO und DDB verzeichnete im dritten Quartal einen Umsatzanstieg um 12,9 Prozent, die Erlöse beliefen sich in den ersten neun Monaten auf umgerechnet 7,4 Milliarden Euro. Auch bei der französischen Publicis Groupe (Leo Burnett, Saatchi & Saatchi) läuft das Geschäft noch gut. Plus 7,5 Prozent im dritten Quartal, 4,1 Milliarden Euro Umsatz bis Ende September - es könnte schlechter sein. Doch die Stimmung ist angespannt.

          "In den Agenturen werden heute Beträge in die Waagschale gelegt, die früher nicht in Frage gestellt wurden", berichtet Lothar Leonhard, Präsident des deutschen Agenturverbands GWA und Chairman der Werbeagentur Ogilvy. Der Verband hat das in diesem Jahr leidvoll erfahren: Die Agentur Serviceplan kündigte zwischenzeitlich ihre Mitgliedschaft, um über die Beitragshöhe zu verhandeln.

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