https://www.faz.net/-1v0-7v8vs

Polizeiruf : Wer den Adel nicht ehrt, liegt nicht verkehrt

  • -Aktualisiert am

Hocken gern beisammen: Kriminalkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) und Corry Hüsken (Judith Bohle) Bild: Julia von Vietinghoff

Im „Polizeiruf“ haut Dominik Graf einen bayerischen Freiherrn mit Politambitionen in die Pfanne. Das Drehbuch ächzt, die Schauspieler brillieren.

          3 Min.

          Ein immer surrealer werdender „Polizeiruf 110“ voller Gewalt, Erotik und verkommener Politik, in dem die EU noch weit kaputter erscheint als in den wüstesten Verschwörungstheorien der Euroskeptiker, und das alles in der atmosphärischen Verdichtung, die Dominik-Graf-Filme auszeichnet (zumal in der Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Günter Schütte), das wäre bis vor kurzem im deutschen Polizeifilm noch singulär erschienen. Doch seit dem vergangenen Sonntag ist alles anders. Der „Tatort. Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur hat das Koordinatensystem verändert.

          Gegen diese nicht nur im Stilwillen, sondern auch in der Ironie überragende „Tatort“-Folge wirkt „Smoke on the Water“ nun überspannt und konventionell zugleich, vernuschelt nicht nur im auditiven Sinn, und das trotz ansehnlicher Bildsprache - Hendrik A. Kleys Kamera tastet sich wie ein neugieriger Beobachter durch die Szenen - und trotz aller Liebe zum Detail: Einnehmend ist etwa das Wunden-Duett zwischen Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) und Corry Hüsken (Judith Bohle), der Lebensgefährtin des ersten Opfers, in der zwei einander ihre Narben zeigen. „Ist es nicht seltsam“, fragt sie, „dass Glück nie Spuren hinterlässt?“

          Stark ist auch der Free-Jazz-Einstieg. Der Musiker Mischa Eigner (Marek Harloff), der trotz Ausbildung am Eliteinternat seiner linken Lebensauffassung treu geblieben ist, weshalb er in München keine Wohnung bezahlen kann, bläst sich am Saxofon in Ekstase, bevor er in einer grandios geschnittenen Szenenfolge des „Totschlags im Affekt“ an der Journalistin Anne Ten Hoff überführt wird - wenn denn ein Geständnis als Überführung gelten darf. Schon bald entlastet den vermeintlichen Täter eine Gruppe Splitternackter im Englischen Garten. Die Parkbesucher müssten nicht nackt sein, aber so soll man wohl erkennen: Hier ist ein Avantgardist am Werk.

          In Free-Jazz-Ekstase: Marek Harloff (Mischa Eigner) im Rausch der Töne

          Auch von Meuffels dürfte wissen: Wenn im Krimi eine Journalistin ermordet wird, dann nur, weil sie einer wirtschaftskriminellen Riesensauerei auf der Spur war. Das Navigationssystem der Toten führt den Kommissar zu einer Firma, welche das Satelliten-Leitsystem „Copernicus“ für die Rüstungsindustrie herstellt. Was an die zweite Hälfte des titelgebenden Refrains von Deep Purple denken lässt: „Fire in the Sky“. Die Spur ist heiß. Aber Leidenschaft als Motiv, hat der Kommissar das aus den Blutspuren wirklich so falsch herausgelesen? Zumal das Wort „Leidenschaft“ auf Plakaten vor dem Haus des Opfers prangt und in der Überschrift eines Zeitungsartikels. Der Zuschauerprofi ahnt: dreimal Leidenschaft, da ist etwas im Busch.

          Die Leidenschaft des Opfers galt einer Frau, Corry Hüsken, die von der Trauernden zur Nebenermittlerin avanciert und den Kommissar verzaubert. Judith Bohle spielt das souverän, Leidenschaften weckt aber vor allem eine weitere Figur: der schmierige Politstar Joachim Freiherr von und zu Cadenbach (Ken Duken) - Ähnlichkeiten mit lebenden Personen unvermeidlich -, der von Meuffels als seinesgleichen behandelt. Adel verbindet. Von Cadenbach sitzt für die Filmvariante der CSU, die hier CBP heißt, im Europaparlament und hat erwähnte Firma in seinen Landkreis geholt. Beim Anblick dieses Jungbarons werden zur Karikatur überzeichnete Friedensaktivisten emotional, und eine Dame im Dirndl beginnt im Gasthaus zu masturbieren. Das eine wirkt so albern wie das andere.

          Rauch ohne Colts

          Der Schnösel bewohnt ein Schloss, lässt seinen Fahrer Schuhe für sich eintragen und seinem Sohn einen Ortungschip einpflanzen (der Zuschauerprofi merkt: Adel verdirbt), konsumiert Frauen am Fließband, aber seine eigentliche Leidenschaft gilt dem großen Geld. Er sagt, das sei so üblich an Europas Spitze. Doch mischen bei den Geschehnissen, die mehr und mehr Tote fordern, Instanzen mit, die weit mächtiger sind als der Politclown von Cadenbach: Sie befehligen, da wird es grotesk, eine Schattenarmee im Joker-Look.

          Im Moment größter Drehbuchschwäche verengt sich zum Glück die Perspektive, denn nicht die Auflösung der aus Klischees zusammengedengelten Handlung ist der Höhepunkt, sondern ein kammerspielartig ausagierter Wettkampf der Haltungen: Exemplarisch bricht die Adels-Sicht zusammen, Herkunft reiche aus, um oben mitzuspielen; exemplarisch beweist der nicht-praktizierende Adelige von Meuffels Größe; exemplarisch genießen die Schergen der Macht die Erniedrigung ihrer Opfer.

          Gespielt ist das alles hervorragend. Und auch einige Überraschungen hält die Dramaturgie bereit. Die Geschichte aber ächzt gewaltig unter ihrem politisch-soziologischen Überbau, der zu wenig ironisch konstruiert ist, um als Satire durchzugehen. Mit etwas weniger kitschiger Machtkritik ginge „Smoke on the Water“ als coltrauchende Parodie auf das Europa-Bild der Linkspartei durch.

          Topmeldungen

          Werder Bremen: Pure Freude

          Werder bleibt in Bundesliga : Mit Ach und Krach

          „Scheiß Saison, gutes Ende“: Werder bleibt der Fußball-Bundesliga doch noch erhalten, Trainer Florian Kohfeldt ist einfach nur froh. Beim 1. FC Heidenheim genügt den Bremern ein 2:2-Remis, sie profitieren von einem kuriosen Eigentor.