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: Was der Stern auf dem T-Shirt bedeutet

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Sonntagabend bedeutet für Fernsehzuschauer in den Vereinigten Staaten Knochenarbeit. Das goldene Zeitalter des amerikanischen Fernsehens ist auch ein goldenes ...

          Sonntagabend bedeutet für Fernsehzuschauer in den Vereinigten Staaten Knochenarbeit. Das goldene Zeitalter des amerikanischen Fernsehens ist auch ein goldenes Zeitalter des Zuschauers. An jedem Sonntag wird getestet, wie weit er bereit ist, sich vom kleinsten gemeinsamen Nenner wegzubewegen, sich Themen und Narrativen von gnadenloser Komplexität auszusetzen. Etwa bei der Fantasyreihe „Game of Thrones“. Wie schon die telefonbuchdicke Romanvorlage von George R. R. Martin wird sie meist in der Gruppe konsumiert, denn die mal minutiösen, mal operettenhaften Entwicklungen verlangen nach sofortiger Aufbereitung. Gerade der Leser der Bücher wird dann zum Orakel, wird zu dem gerade Gesehenen befragt und mit Mutmaßungen konfrontiert.

          Dazu bleibt aber am Sonntagabend wenig Zeit. Denn kaum fünf Minuten später läuft entweder „Mad Men“ oder die letzte Staffel von „Breaking Bad“ an. Noch ein Dickicht von Beziehungen und Verweisen, dazu Zeitgeschichte, und eine Meditation über den amerikanischen Traum und sein Verhältnis zum Konsum. Auch hier gibt es die Spezialisten, die genau erklären können, wer sich in den letzten Staffeln wie entwickelt hat, und die fundierte Mutmaßungen über den Fortgang der Staffel wagen können. Viel Arbeit für einen Sonntagabend.

          Das amerikanische Fernsehen und die amerikanischen Verlage haben Hunger auf Megaplots. Ein Epos wie das von George R. R. Martin kann locker Hunderte von wichtigen Figuren haben, zwanzig Erzählerpersonen und eine Backstory, die fast dreitausend Jahre umfasst. Der animierte Vorspann der Serie verrät denn auch gleich, warum die Zuschauer da bereitwillig mitmachen: Er zeigt eine ganze Welt, geschaffen aus ineinandergreifenden Zahnrädern - Burgen, Brücken, Türme, Statuen. Den Zuschauer ergreift ein Gefühl der Erhabenheit. Man fühlt sich klein vor der perfekt funktionierenden Maschine und doch groß, weil man sie versteht. Wäre Immanuel Kant noch am Leben, er würde sonntags wohl auch länger aufbleiben.

          Zuschauer oder Leser lassen sich bereitwillig auf eine Art Zuschauen und Lesen trimmen, die im Zeitalter der Beschleunigung und informationellen Überlastung anachronistisch wirkt: Die alten Megaplots setzten vor allem Zeit voraus, die der einsame Nerd oder die putzende Hausfrau in das Medium investieren konnte - Modell „Lindenstraße“ und „Raumschiff Enterprise“. Die neuen Megaplots setzen ein scharfes Auge für Details und Symbole ebenso voraus wie ein gutes Gedächtnis und immense Geduld. Und sie machen vor allem wegen ihrer Komplexität Spaß - die immense Stofffülle ist selbst Teil des Genusses.

          Einem Kollegen war bei „Game of Thrones“ ein Wappen am falschen Ort aufgefallen, und er folgerte, dass im Lager des guten Königs ein Verräter lauerte. Als dieser dann tatsächlich Opfer eines Mordanschlags wurde, bebte das Internet, und George R. R. Martin höhnte in einer Talkshow, jetzt wüssten die Zuschauer, warum die Nerds vor dreizehn Jahren (als das Buch erschien) so deprimiert waren. Dabei war mir vor dreizehn Jahren beim Lesen der Bücher Ähnliches zugestoßen: Ich bemerkte den Seitenwechsel des Vasallen anhand eines einzigen Nachnamens.

          Eine Website hat vor kurzem die Farbsymbolik der Kleidung Walter Whites bei „Breaking Bad“ grafisch aufgeschlüsselt. Bei „Mad Men“ tobt eine Debatte um die Kleidung der Megan Draper. Sie trug ein T-Shirt, vietnamesischer Stern auf weißem Grund, ein Verweis auf Sharon Tates Fotoshooting für das Magazin „Esquire“ - ihr letztes vor ihrer Ermordung durch Charles Mansons „Familie“. War Megan Draper ebenso dem Tode geweiht? Im Internet debattierten normale Zuschauer wie Doktoranden um die Funktion von Symbol und Zeitverweis in „Mad Men“.

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