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Volksmusikreisen : Tosender Applaus fürs Feuer der Sehnsucht

  • -Aktualisiert am

Bild: von Zubinski, LABOR, Frankfurt

Bei der Volksmusik gibt es eine hohe Fan-Bindung. Davon profitiert ein Schweizer Reisebusunternehmen, das die Musikfreunde zu ihren Idolen fährt.

          Der Himmel ist grau und bewölkt, es regnet in Strömen. Die Scheibenwischer des farbenfrohen Volksmusik-Reisebusses arbeiten auf Hochtouren. Doch die Stimmung im Bus ist alles andere als getrübt. Hansi Hinterseers „Hände zum Himmel“ dröhnt aus den Lautsprechern, und alle singen lautstark mit. Auf der Fahrt zum Alpenländischen Musikherbst in Ellmau in Tirol ist die erwartungsvolle Vorfreude der Reiseteilnehmer nicht zu überhören.

          Für Patrick Gil ein bekanntes Bild: Der dunkelhaarige 39-Jährige ist einer der drei Inhaber von Volksmusik Reisen, einem Reiseveranstalter aus dem Limmattal in Zürich, der begleitete Volksmusik-, Schlager- und Eventreisen organisiert. Die mehrtägigen Gesellschaftsreisen, die neben dem musikalischen Höhepunkt auch immer ein Rahmenprogramm einschließen, werden rege gebucht. „Bei der Volksmusik gibt es eine hohe Fan-Bindung. Die Fans bleiben ihrem Stil und ihren Stars treu und sind auch bereit, viel Geld für ihr Hobby auszugeben. Dies ist sicher einer der Hauptgründe dafür, dass dieses Genre seine Marktrelevanz halten und sogar steigern kann.“

          Der Sound wird peppiger

          Volksmusik ist in der deutschsprachigen Musikszene ein Markt, der ein Millionenpublikum anspricht und angesichts der zunehmenden Alterung der Bevölkerung nicht zu unterschätzen ist. „Unsere Reisen werden von vielen älteren Leuten gebucht, die alleine leben und so die Möglichkeit haben, mit Gleichgesinnten zu reisen, neue Kontakte zu knüpfen und das Konzert in gemütlicher Gesellschaft zu genießen“, erläutert der Tourismusfachmann mit dem Dreitagebart. Schlagermusik vermag zunehmend die jüngere Generation zu begeistern, wie der Sieg von Beatrice Egli bei der zehnten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ gezeigt hat. „Sie und andere aufstrebende junge Künstler bringen frischen Wind in die Szene, der Sound wird peppiger.“ Konzerte von Helene Fischer, deren Alben die Charts stürmen, sind auch in der Schweiz mehr als ein Jahr im Voraus ausverkauft.

          Zillertaler vor dem Wilden Kaiser

          Die Schweizer Touristengruppe hat das Festzelt im malerischen Kufstein erreicht. Die Gäste sitzen fröhlich schwatzend auf den Bänken. Das Programm des Musikherbstes vor der imposanten Kulisse des Wilden Kaisers wechselt jährlich. Publikumsmagnete wie Hansi Hinterseer, die Kastelruther Spatzen, Marc Pircher, Die Zillertaler, Andreas Gabalier, Semino Rossi, Francine Jordi und viele andere sorgen für eine ausgelassene Stimmung. Alle Gespräche verstummen, als der Moderator die Bühne mit einem Juchzer betritt. „Juhuhu! Ein herzliches Willkommen in Ellmau zum zwanzigsten Alpenländischen Musikherbst!“ Das Festzelt vibriert, die Atmosphäre ist erfüllt von der erwartungsfrohen, ausgelassenen Stimmung der mehr als 5000 Fans. Als Antwort auf die Begrüßung werden Fahnen geschwungen, Gläser erhoben, Jubelrufe und Juchzer erwidert. Andreas Gabalier eröffnet die Show. Schon nach den ersten Takten singt das Publikum mit, der Künstler selbst ist kaum noch zu hören. Frauen drängeln sich kreischend nach vorne, um ihrem Idol nahe zu sein. Der 29-Jährige aus der Steiermark tanzt über die Bühne, macht Faxen und heizt die Stimmung an.

          Mit 80 Jahren vorne rangeln

          Patrick Gil beobachtet staunend einen Teilnehmer der Reisegruppe, einen älteren grauhaarigen Herrn, der nicht mehr so gut zu Fuß ist und seine Sauerstoffflasche vor sich her schiebt. Sobald die ersten Töne erklingen, hängt dieser die Sauerstoffsonde ab, stellt die Flasche beiseite und lässt sich wippend von der Musik mittragen. Keine fünf Minuten später steht auch er auf der Festbank und klatscht frei von seinen körperlichen Beschwerden euphorisch mit. „Die Begeisterung der älteren Semester für diese Musik ist genauso groß wie die der Jugendlichen an einem Popkonzert. Auch mit 80 Jahren ist man nicht zu alt, vor der Bühne um die besten Plätze zu rangeln und notfalls die Ellbogen einzusetzen oder nach der Show eines der begehrten Autogramme seines Lieblingsstars zu ergattern“, sagt der Musikliebhaber aus seiner fünfjährigen Erfahrung mit Volksmusik-Reisen. „Kaum eine andere Musik schafft es, Menschen so zu faszinieren wie die Schlagermusik. Viele finden sich in den Texten wieder. Die eingängigen volkstümlichen Melodien animieren zum Feiern und Mitmachen und werden schnell zu Ohrwürmern.“

          Auf dem Stock gestützt zum Bus

          Die letzten Worte von Francine Jordis „Feuer der Sehnsucht“ gehen im tosenden Applaus der entfesselten Fans unter. Nach einigen Zugaben ist das Konzert zu Ende, die Menge bewegt sich langsam in Richtung Ausgang. Der Rentner richtet seine Sauerstoffversorgung wieder ein und macht sich, auf seinen Stock gestützt, auf zu den Bussen. Auf der Rückfahrt in die Schweiz wird in den vorderen Reihen das Lied „So ein schöner Tag“ der Jungen Zillertaler angestimmt. Sofort herrscht wieder Festzeltstimmung, alle trällern mit. Patrick Gil schmunzelt: „Mit der Schlagermusik ist es wie bei den kitschigen Filmen von Rosamunde Pilcher: Keiner gibt es offiziell zu, aber sehen tun es die Leute trotzdem gerne.“

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