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Völkerschlacht bei Leipzig : Vorwärts in die Vergangenheit

Als wäre es real: Ingo Zamperoni moderiert die „Topnews“ zur Völkerschlacht von 1813 so, als fände diese heute statt Bild: MDR

Der MDR brilliert mit einer Nachrichtenparodie zum Jubiläum der Völkerschlacht. Einziges Manko dieser mit viel historischem Fachwissen produzierten Aktualitätssimulation ist der Sendeplatz.

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          In der Ausstellung „Helden nach Maß“ des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig läuft im Foyer ein Film, der die Völkerschlacht als Nachrichtensendung inszeniert. Der Mitteldeutsche Rundfunk mit Sitz in Leipzig ist auf dieselbe Idee gekommen, hat sie aber noch konsequenter umgesetzt: als Extrasendung in Form der ARD-„Brennpunkte“, die bei besonderen Ereignissen aktuell ins Programm geschoben werden. So läuft zurzeit an vier Abenden zur besten Sendezeit (19.50 bis 20.15 Uhr) im MDR eine Nachrichtensendung namens „Topnews“, die sich mit der Völkerschlacht bei Leipzig einem Geschehen widmet, das genau zweihundert Jahre zurückliegt.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Nein, leider nicht ganz genau. Was den MDR bewogen hat, seine aufwendige Aktualitätssimulation vom 14. bis 17.Oktober statt an den historischen Schlachttagen vom 16. bis zum 19. Oktober auszustrahlen, bleibt rätselhaft. Dann wäre die Akribie, mit der hier ein vergangenes Ereignis in unsere mediale Gegenwart versetzt wird, noch verblüffender. So aber waren wir vorgestern und gestern unserer Vergangenheit voraus, sahen Nachrichten, die von einem ersten und zweiten Kampftag berichteten, die erst heute und morgen im Programm dran gewesen wären, wenn man das Prinzip des historischen Spaßes ernst genommen hätte.

          Mit großer Akribie

          Das mindert indes das Vergnügen und den Erkenntnisgewinn nicht im Geringsten. Zunächst einmal ist es ein Genuss, wie der Nachrichtensprecher Ingo Zamperoni seine Rolle als Anchorman anlegt: ganz seriös und ohne jede falsche Perfektion, die so häufig das Manko inszenierter Live-Realität ist. Zamperoni verhaspelt sich bisweilen im Gespräch mit einem Studiogast, und die Schaltungen zu den Außenreportern auf dem Schlachtfeld leiden unter Zeitverzögerung. Die von angeblichen „Helmkameras“ der russischen Armee aufgenommenen Videos des Schlachtgeschehens sind von jener kläglichen Qualität, wie wir sie aus Krisengebietsberichterstattung auf Youtube oder Facebook mittlerweile gewohnt sind. Und während sämtliche Journalisten in heutiger Kleidung agieren, treten die Akteure der Völkerschlacht – Soldaten, Herrscher, Ärzte – in historischen Kostümen auf.

          Reporter an der Front und dahinter: Steffen Quasebarth befragt Leipziger Bürger
          Reporter an der Front und dahinter: Steffen Quasebarth befragt Leipziger Bürger : Bild: MDR/Steffen Junghans

          Die Sorgfalt, die André Meier, der Autor dieser vierteiligen Nachrichtenpersiflage, hat walten lassen, ist also groß. Vor allem die Wortwahl im jeweiligen Kontext ist brillant. „Von der Regie habe ich gehört, dass Napoleons Armeesprecher in Kürze vor die Presse treten wird“, verkündet Zamperoni in bestem Wahlabend-Jargon, doch als dann zehn Minuten später dieser Monsieur Gilles Morel tatsächlich zugeschaltet wird, ist das ein kabarettreifer Auftritt in einem französisch-deutschen Sprachmischmasch, der danach aber wieder höchst ernsthaft vom Studio-Experten Norbert Finzsch analysiert wird.

          Eine schöne Parodie

          Finzsch ist Historiker von der Universität Köln, und seine Mitwirkung ist der einzige Fehlgriff im perfekt-perfiden Spiel. Nicht, weil er nicht überzeugend als aktueller Kommentator wirkte, im Gegenteil, er beherrscht exakt jene leicht blasiert wirkende Abgeklärtheit, in die sich Experten solcher Sondersendungen angesichts der meist erschütternden Geschehnisse zurückziehen. Aber im Jahr 1813, in das uns die Nachrichtensendung trotz ihres modernen Looks ja versetzen soll, gab es in Köln gar keine Universität.

          Neben Finzsch hat man für die immerhin insgesamt hundert Minuten namhafte Fernsehleute gewonnen: Aus Paris, Moskau und Berlin berichten die dortigen ARD-Korrespondenten und geben Einschätzungen zur aktuellen Entwicklung in der Völkerschlacht ab, der Kulturjournalist Max Moor schleicht sich in Wien in Beethovens Haus, um dem Meister beim Komponieren seiner siebten Sinfonie zuzuhören, die den Opfern des großen Mordens gewidmet werde, und der Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert bekommt ein Exklusivinterview mit der französischen Kaiserin Marie-Louise (die leider ohne jeden österreichischen Akzent spricht).

          So wird „Topnews“ zu einer der schönsten Selbstparodien, die das Fernsehen produziert hat, doch zugleich vermitteln die diversen Beiträge viel Wissen über das Geschehen von 1813: über die unmenschliche medizinische Versorgung der Soldaten, die Bündnis- und Heiratspolitiken der Monarchen oder die Verlustzahlen (ständig als Liveticker). Das ist Infotainment der intelligenten Art. Schade, dass die ARD nicht den Mut hatte, diese Idee vier Tage lang im Hauptprogramm nach der „Tagesschau“ umzusetzen.

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