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Leben in New York : Als SoHo noch kein Boutiquenghetto war

  • -Aktualisiert am

New York, Greenwich Village, 1976 Bild: Barbara Klemm

Vier Jahrzehnte in Greenwich Village: Vieles hat sich in dieser Zeit zwar verändert, doch wo sich mit der Vergangenheit rentabel Eindruck machen lässt, wird sie auch erhalten. Ein Erfahrungsbericht.

          6 Min.

          Kennen Sie die Northern Dispensary? Nein? Kein Wunder, denn mit dem unwiderstehlichen Nimbus von New Yorker Wahrzeichen wie Central Park, Empire State Building oder nun leider auch Ground Zero ist der kleine Backsteinbau sicher nicht ausgestattet. Aber es lohnt sich dennoch, ihn etwas näher zu betrachten. Ich sage das nicht nur, weil ich von meinem Schreibtisch im fünfzehnten Stock direkt auf sein teerschwarzes Flachdach schauen kann, seit ein paar Jahrzehnten schon. In der Northern Dispensary steckt einfach viel New York.

          Gleich aufgefallen war mir das zweistöckige Dreieck, als ich vor vierzig Jahren hier im New Yorker Stadtteil Greenwich Village ankam. Ein von den Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten angenagter Solitär, umrahmt von der Christopher Street im Norden und östlich und westlich von zwei Straßen, die denselben trügerischen Namen tragen: Waverly Place. Eine Straße, kein Platz. So viel Kauzigkeit und Wurstigkeit gegenüber dem unerbittlich rechteckigen Raster von Manhattan fand ich, na ja, totally awesome. Noch mehr aber imponierte mir, was in der Northern Dispensary angeboten wurde. Wer Zahnweh hatte, so bekam ich zu hören, konnte sich für wenig oder nichts behandeln lassen.

          Kostenlose Krankenversorgung, mitten im sündteuren Village? Ein bisschen anders als heute ging es zu, damals in den Seventies. Ich hatte eine Wohnung für 94 Dollar Monatsmiete, warm. Fünfter Stock, kein Aufzug, aber unverstellter Blick aufs Empire State Building. In einem Gartenhäuschen sah ich Milos Forman ein und aus gehen. Die Haustür war selten abgeschlossen, und wenn es mal wieder kein Licht in den engen Fluren gab, war es angebracht, die auch mit drei Schlössern mangelhaft gesicherte Wohnungstür erst aufzuschließen, wenn im näheren Umfeld keine unbekannten Geräusche zu vernehmen waren. Auf den Treppenabsätzen war Vorsicht geboten, um nicht über schlafende Obdachlose zu stolpern.

          Beatnik-Spuren findet man nur noch mit dem Reiseführer

          Wie ganz New York befand sich das Village in einem enormen Abwärtsstrudel. Gerald Ford hieß der Präsident in Washington, der die fast bankrotte Stadt für unrettbar hielt. „Ford to City: Drop Dead“ titelte, bald legendär, die „Daily News“. Die Kriminalstatistik kündete von einer beharrlich wachsenden Sozialkatastrophe. Ich glaube, ich war nicht besonders ängstlich, aber nach einer Show am Broadway oder einem jener multimedialen Experimente, wie sie in den Lofts von SoHo gang und gäbe waren, rannte ich nachts durch die verlassenen Straßen nach Hause. SoHo, das nur zur Erinnerung, war kein von Prada, Nicole Miller und Stella McCartney aufgedonnertes Boutiquenghetto, sondern eine düstere Industriegegend, in der Künstler sich in verlassenen Gewerbebauten Ateliers und Proberäume einrichteten, kostengünstig und gesetzwidrig.

          Die Subway, die nach Mitternacht nur Stadtguerrilleros zu empfehlen war, ergab sich dem Ansturm der Graffiti-Sprayer und wurde von ihnen fast zugrunde gerichtet. Sollen wir also froh sein, dass die Wagen jetzt in unbehelligtem Metallglanz strahlen? Wenn es darauf nur eine simple Antwort gäbe. Wenn nur das verlotterte, verschmuddelte New York von einst kein Paradies für die kreative Klasse gewesen wäre. Wenn wir uns nur nicht in die Lofts und Keller verirrt hätten, wo ein Ornette Coleman oder ein Philip Glass oder ein Steve Reich bisher ungehörte Klänge ausprobierte, eine Laurie Anderson Performance-Rätsel aufgab und ein Bob Wilson uns ganze Nächte hindurch eine neue visuelle Bühnensprache beibrachte. Dann wäre es viel leichter, das sichere, saubere, vorhersehbare New York von heute zu preisen.

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