https://www.faz.net/-1v0-6zw4h

Vier Minuten schwerelos : Flieger, grüß mir die Sterne

Hier geht es rein: Zwischen zwei Flügeln des Gebäudes hindurch schreiten die Astronauten direkt in die Zukunft. Bild: Freddy Langer

In Neu-Mexiko ist der erste Weltraumbahnhof für touristische Flüge ins All so gut wie fertiggestelt worden. Doch niemand weiß, wann die ersten Raketen starten.

          7 Min.

          Der Weg ins Weltall führt durch die staubtrockene Landschaft Neu-Mexikos. Hier ein paar Wacholdersträucher, dort ein paar Kreosotbüsche, dazwischen anderes dürres Gestrüpp, ansonsten Staub, viel brauner Staub, den der Wind zu kleinen Wirbeln dreht und vor sich herreibt, dass es aussieht, als tanzten dunkle Geister übers Land. In einer Senke zerfallen die Hütten einer ehemaligen Siedlung von Minenarbeitern. Auf dem Asphalt sitzen Truthahngeier und reißen einen Kadaver in Stücke. Und entlang der Straße zäunt bis zum Horizont Stacheldraht die unermesslich große Ranch Ted Turners ein, des ehemaligen Besitzers von CNN, der hier Büffel züchtet. Die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel. Dann taucht in dem endlosen Nichts eine erdfarbene Kuppel auf, ganz flach, wie hingeduckt, wie der Panzer einer Schildkröte.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Wir würden die Rakete nicht sehen, hatte Dick auf unserem Weg zum Weltraumbahnhof gesagt. Und auch nicht das Trägerflugzeug. Ist alles in Kalifornien, hatte er gesagt. Zu Testzwecken. Sicherheitschecks, you know. Immer wieder neue Sicherheitschecks. Zumal erst im vorigen Oktober, als das Fluggerät einer größeren Zuschauergruppe präsentiert werden sollte, daran eine, wie Dick es formulierte, Anomalie beobachtet worden sei. Aber wir würden, und hier hatte er eine kurze Pause gemacht, um tief Luft zu holen, über die Startbahn fahren. In seinem kleinen Bus. Eine Meile kerzengeradeaus durch die Wüste. Als ob wir das nicht schon die ganze Zeit machten, dachte ich. Aber Dick sagte, es würde sensationell werden: unterwegs zu sein auf genau der Straße, die schon bald die direkte Verbindung ins Universum sein wird.

          Ready for take off

          Dick war unser Fahrer. Dick war zugleich der Reiseleiter unseres Ausflugs über das Gelände von Spaceport America. Und am äußeren Ende der Rollbahn schlüpfte er mit einigem schauspielerischen Geschick zudem in die Rolle eines Piloten für den Sternenflug. „White Knight Two is ready for take off“, gab er vor, den Tower anzufunken. „Engine lit“, sagte er mit dem ruhigen Ton dessen, der es sich auch beim Dreieinhalbfachen der Erdbeschleunigung in seinem Sitz noch bequem macht. „All engines running“, sagte er und dass Kate Winslet endlich ihren Hintern in den Sessel quetschen und den Sicherheitsgurt schließen solle. Dann folgte ein „Confirm!“, und ein paar „Roger“ gingen zwischen ihm und dem ebenfalls von ihm gespielten Fluglotsen hin und her, bevor er endlich das Gaspedal des Kleinbusses heruntertrat, bis die Tachonadel exakt auf fünfundfünfzig Meilen pro Stunde zeigte. Im Stakkato-Rhythmus ratterte die gestrichelte Linie des Mittelstreifens unter dem Auto hindurch. Einer aus der Gruppe filmte die Fahrt mit seinem Handy durch die Windschutzscheibe. Und eine Frau sang lauthals „Major Tom“ von David Bowie - das Poplied einer Weltraum-Odyssee. Pioniergeist und ein kindliches Gemüt schließen einander offenbar nicht aus, begriff ich. Da war Dick auch schon von der Startbahn abgebogen und hatte seinen Kleinbus vor der großen Halle des Spaceport geparkt. Wir stiegen aus.

          In den ersten Entwürfen des Weltraumbahnhofs sieht das Gebäude noch aus wie ein riesiger Rochen, der mit ausgebreiteten Flügeln am Boden liegt, jeden Moment bereit davonzufliegen, abzuheben in eine andere Sphäre. In der Wirklichkeit ist der Eindruck weniger märchenhaft, auch weniger organisch. Am Schnittpunkt des TWA Terminal am Kennedy-Flughafen von New York und der Kongresshalle in Berlin, die wie eine Auster aus dem Wasser ragt, hat das Architektenbüro Foster and Partners eine Form gefunden, die auf der einen Seite an ein Raumschiff erinnert und auf der anderen an ein zusammengekniffenes Auge. Wie eine Skulptur liegt das Gebäude an einem Hang, schiebt sich hier in die Erde, wölbt sich dort auf. Und wenn in nicht allzu ferner Zukunft Studenten vom Agricultural College in Las Cruces das Dach begrünt haben werden, sofern man von Grün sprechen darf, bei all diesen dürren Wüstenpflanzen, dann wird man wohl glauben, das Haus schiebe sich aus dem Boden heraus.

          Huckepack ins Weltall

          Es ist ein gewaltiges Gebäude, unter dessen weitgespanntem Dach die Flugkontrolle, die Abfertigungshalle und eine Besucherplattform untergebracht sind, in deren breiter Scheibe wir uns nun spiegelten: sieben winzige Menschlein in neongrünen Leibchen und allesamt mit einem Helm auf dem Kopf, weil der Flughafen noch immer als Baustelle gilt; im Hintergrund die Start-und-Land-Bahn und noch weiter hinten das Zickzack der Gipfelkette der San Andreas Mountains. Selbst für den Hangar ist unter dem Dach noch Platz, mit Raum für etliche Raketen und Trägerflugzeuge, jedes mit einer Spannweite von mehr als vierzig Metern.

          So ist das Konzept: Das Flugzeug “White Knight Two“, eine Art Katamaran der Lüfte, transportiert zwischen seinen beiden Rümpfen die Rakete „Space Ship Two“ auf eine Höhe von fünfzehntausend Metern. Dort wird sie ausgeklinkt und zündet ihren Hybridmotor, der sie mit viereinhalbfacher Schallgeschwindigkeit binnen neunzig Sekunden in eine Höhe von weit mehr als hundert Kilometer befördert. Dort verbringen zwei Piloten und sechs Passagiere vier Minuten in der Schwerelosigkeit des Alls, blicken in tiefschwarzer Nacht auf die Sterne oder schauen hinab auf die Krümmung der Erde, bevor die Rakete ihre faltbaren Tragflächen ausfährt und in einer langen Spirale allmählich nach unten trudelt.

          Der Traum von den Sternen

          Der Konstrukteur Burt Rutan hat diese Kombination schon vor mehr als zehn Jahren entworfen und gebaut und damit im Jahr 2004 den maßgeblich von Anousheh Ansari und ihrem Schwager Amir Ansari gestifteten X-Preis gewonnen: zehn Millionen Dollar für das erste private, wiederverwendbare Raumschiff. Der Milliardär und Reisevisionär Richard Branson übernahm die Idee, ließ Rutan größere Modelle bauen und will sie nun für die touristischen Flüge seines Unternehmen Virgin Galactic einsetzen. Zweihunderttausend Dollar kostet ein Ticket für den zweieinhalb Stunden dauernden Ausflug. Fünfhundert Personen haben bisher schon den vollen Preis bezahlt, darunter Schauspielerinnen wie Sigourney Weaver und jüngst Kate Winslet, zahlreiche Millionäre aus der Wirtschaft, aber auch Personen, die für ihren Traum von den Sternen ihr Haus verpfändet haben sollen. Wann es den ersten offiziellen Start in die Thermospähre geben wird - dann an Bord: Richard Branson und seine beiden Kinder -, ist nicht bekannt.

          Ursprünglich war ein Termin im Jahr 2009 vorgesehen; aber selbst das Schild „Starting 2011“ an der Landstraße zum Weltraumbahnhof wurde schon vor langer Zeit wieder abmontiert. Momentan spricht man von Ende 2013. Es dreht sich alles um die Sicherheit, sagte Dick. Sie sei das Allerwichtigste. Und vielleicht ist es ja tatsächlich der Wunsch, jedes Risiko möglichst auszuschließen, weshalb Richard Branson vom Bauherrn des Weltraumbahnhofs, dem Bundesstaat Neu-Mexiko, nun fordert, die Rollbahn zu verlängern - nun, da die Bauarbeiten abgeschlossen schienen und nur der Innenausbau noch fehlt. Aber vielleicht spielt hier auch jemand auf Zeit. Jedenfalls macht sich unter den Bewohnern der Region ein wenig Unmut breit. Denn sie waren es, die mit erhöhten lokalen Steuern den Bau des zweihundert Millionen Dollar teuren Flughafens zur Hälfte finanzierten. Virgin Galactic wird ihn vorerst für zwanzig Jahre mieten.

          Wirtschaft am Boden

          Spaceport America, das ist die Hoffnung, soll zum Motor dafür werden, die miserable wirtschaftliche Situation in der Region zu überwinden. Aber allzu viele Arbeitsplätze sind jenseits des Wachpersonals und der Feuerwehr bisher noch nicht entstanden. Und etliche lokale Unternehmer, die am Bau des Flughafens beteiligt waren, sitzen angeblich bis heute auf ihren Rechnungen. Bis zu einer halben Million zusätzliche Besucher erwartet man des Weltraumbahnhofs wegen, wenn die Gebäude betreten werden dürfen, die Flugzeuge starten, womöglich täglich zweimal, und die Raketen zurück zur Basis schweben. Dennoch gibt es bisher nur ein einziges neues Hotel, nur ein paar Führungen jeweils am Wochenende - und nirgendwo auch nur eine Ansichtskarte, ganz zu schweigen von Souvenirs, außer dem T-Shirt in einem nahe gelegenen Ort mit der Aufschrift „Meine Rakete ist größer als deine!“.

          Dabei ist der Flughafen umgeben von Weltraumgeschichte. Auf einer Landkarte hat das New Mexico Museum of Space History in Albuquerque längst zweiundfünfzig Punkte zum „New Mexico Space Trail“ zusammengefasst: vom Observatorium aus dem elften Jahrhundert in den Ruinen des Chaco Canyon bis zu den erschütternd großen Radioteleskopen, die westlich von Socorro auf Schienen durch ein Tal gefahren werden. Hierher, in die Einsamkeit der Wüste Neu-Mexikos, verlegte in den dreißiger Jahren der Raketenpionier Robert Goddard seine Experimente mit flüssigem Treibstoff, die er in Massachusetts begonnen hatte. John Paul Stapp bremste hier in den fünfziger Jahren seinen Raketenwagen von tausend Stundenkilometer auf null binnen einer Sekunde, um zu testen, welche Kräfte der menschliche Körper überlebt, und Joe Kittinger sprang aus demselben Grund in dreißig Kilometer Höhe aus der Gondel seines Ballons. Hier lernten die Nasa-Astronauten der Apollo Mission ihr Mondfahrzeug zu fahren, und viele glauben, dass hier im Jahr 1947 ein Ufo gelandet sei, dessen Insasse die Armee bis heute versteckt. Vor allem aber legte hier, nur einen Steinwurf vom Spaceport entfernt, Wernher von Braun mit seinen Versuchen in White Sands die Grundlagen für die bemannte Raumfahrt. Siebentausend Raketenstarts hat es dort auf der Missile Range seit Ende des Zweiten Weltkriegs gegeben - und bis heute ist White Sands neben dem Weißen Haus der einzige Flecken Amerikas, der nie überflogen werden darf. Nicht zuletzt dieser offene Himmel war ein Grund, hier in der Jornada del Muerto, wie die Senke heißt, den Weltraumbahnhof zu bauen.

          Bald auch Hotels im All?

          Längst wurde er von Boeing angemietet, um ferngesteuerte Hubschrauber zu testen. Und schon haben sich Unternehmen angesiedelt, die ebenfalls Programme für den Weltraum entwickeln: Armadillo Aerospace, XCOR Aerospace, UP Aerospacex - teils touristisch, teils für wissenschaftliche Zwecke. Der privatwirtschaftlichen Raumfahrt jedenfalls, so ist der Glaube, gehöre die Zukunft im All - und nicht länger der Nasa. Und Richard Branson gibt sich alle Mühe, sein Unternehmen vom Ruch einer Kirmesveranstaltung für die Superreichen frei zu halten. Achthundert Schulkinder durften ihr Testmaterial bei einem Probeflug in die Rakete stecken - um beispielsweise festzustellen, wie Marshmallows nach einem Aufenthalt in der Schwerelosigkeit aussehen.

          Umweg durchs Universum

          Natürlich ist es für Branson ein konsequenter Schritt, schon über Hotels im All nachzudenken, Raumstationen für Urlauber. Und dass Virgin Galactic bereits Verhandlungen mit Kiruna und Abu Dhabi führt, um dort weitere Spaceports einzurichten, hat nicht nur mit dem potentiellen Markt für Spaßflüge ins Universum zu tun. Vielmehr könnten hier erste Stationen für ein interkontinentales Streckennetz entstehen. Noch sind die Raumschiffe zu klein und die Antriebe zu schwach, um sich von den Spaceports in eine andere Richtung fortzubewegen als nach oben. Doch die Optimisten der Branche verkünden bereits, dass Raumflüge in überschaubarer Zukunft erheblich billiger werden und die Raumschiffe erheblich größer - und schon reden sie davon, in zehn bis fünfzehn Jahren etwa die Flugzeit zwischen London und Sydney dank der Abkürzung durchs All von jetzt dreißig auf vier Stunden zu verkürzen.

          Wie lange eine Reise nach Sydney hingegen von Neu-Mexiko aus dauern würde, dem Spaceport im verlassenen Jornada del Muerto, hat niemand ausgerechnet. Der steht, fern von den modernen Verkehrswegen, vielleicht eines Tages wie eine alte Kirmesattraktion verlassen inmitten der Wüste.

          Reise zu den Sternen

          Touren zum Spaceport America können ausschließlich beim Unternehmen „Follow the Sun Inc.“ gebucht werden, jeweils Freitag bis Sonntag. Sie beginnen in Truth or Consequences, dauern etwa drei Stunden und kosten für Erwachsene 59 Dollar, für Kinder 29 Dollar. Information im Internet unter: www.ftstours.com

          Topmeldungen

          Donald Trump, Präsident der Vereinigten Staaten, spricht bei einer Wahlkampfkundgebung im Lake Charles Civic Center.

          Amerika : Vereinzelte Republikaner wenden sich gegen Trump

          Einzelne Republikaner erwägen, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump zu unterstützen. Die Mehrheit steht nach wie vor hinter ihrem Präsidenten und will das auch mit einer offiziellen Abstimmung bestätigen.
          Der britische Premierminister Boris Johnson steht beim EU-Gipfel in Brüssel im Zentrum.

          Europäische Union : Britisches Parlament stimmt über Brexit-Vertrag ab

          Stimmt das britische Unterhaus heute für den Vertrag, den Premierminister Boris Johnson mit der EU ausgehandelt hat, wird Großbritannien am 31. Oktober aus der Europäischen Union austreten. EU-Kommissar Günther Oettinger schließt weitere Verhandlungen aus, sollte es nicht zu einer Einigung kommen.