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Videoportal : Youtube stellt kleinen Labels Ultimatum

Das Videoportal hat Einfluss: Youtube-Star Psy bei einem Auftritt Bild: AFP

Die einflussreiche Videoplattform will kleinen Plattenproduzenten neue Verträge aufdrängen. Die Indie-Labels fühlen sich bedroht.

          Den Einfluss des Videoportals Youtube verkörpert nichts besser als der Fall des koreanischen Rappers Psy. Im Juli vor zwei Jahren lud Psy das Video zum Lied „Gangnam Style“ auf der Internetplattform hoch. Was folgte, ist heute Internetgeschichte. Obwohl Psy auf Koreanisch rappte, wurde er über Nacht zum globalen Youtube-Star. Am Wochenende erreichte das Video nun die Marke von 2 Milliarden Abrufen. Ob in Südkorea, Großbritannien, Deutschland, Österreich oder der Schweiz - überall erklomm „Gangnam Style“ die Spitzenposition der Verkaufscharts. Die Macht von Youtube ist längst nicht mehr auf die virtuelle Welt beschränkt.

          Aber wo Macht ist, liegt auch Ohnmacht nicht fern. Und genau die verspüren gerade viele unabhängige Plattenproduzenten. Ähnlich wie Psy nutzen sie Youtube, um sich und ihre Künstler selbst zu vermarkten. Sie stellen dort aus freien Stücken Musik oder Videos online, um auf neue Veröffentlichungen oder Tourneen aufmerksam zu machen. Dabei gehen sie mitunter mit Youtube auch eine engere Partnerschaft ein: Wenn die Labels wollen, zeigt das Portal vor den Videos Werbung. Die Erlöse werden geteilt.

          Doch diese Symbiose ist bedroht. In einem Schreiben vom Mai fordert Youtube die Labels auf, eine neue Lizenzvereinbarung für „Tonaufnahmen und audiovisuelle Inhalte“ zu unterschreiben. In einem solchen, dieser Zeitung vorliegenden Brief heißt es, die Vereinbarung enthalte notwendige Rechte, damit Youtube „neue und bessere Wege“ bereitstellen könne, um Inhalte über alle möglichen Empfangswege zu verbreiten. Dies solle Partnern noch mehr Möglichkeiten bieten, Fans zu erreichen, und neue Wege eröffnen, mit Inhalten Geld zu verdienen. Sollten die Labels ihre Zustimmumg verweigern, kündigt der Brief an, dass das Google-Unternehmen die Zusammenarbeit binnen 60 Tagen beenden werde.

          Ein Ultimatum „mit freundlichen Grüßen“

          Das „mit freundlichen Grüßen“ unterzeichnete Ultimatum hat einen Hintergrund, den die Tochtergesellschaft des Google-Konzerns bisher offiziell nicht bestätigt hat: Schon länger halten sich Gerüchte, dass auch Youtube bald in den wachsenden Markt mit Echtzeitmusik-Abrufen einsteigen will: das sogenannte Streaming, bei dem Nutzer werbefinanziert oder gegen eine meist monatliche Abogebühr Musik über das Internet konsumieren können. Derzeit kursiert in der Musikbranche offenbar auch eine Einladung zu einer Veranstaltung am 25. Juni im kalifornischen Anaheim. Dort könnte Youtube den Streamingdienst offiziell vorstellen. Mit der neuen Lizenzvereinbarung würde Youtube laut Kennern des Vertragswerks die rechtliche Grundlage schaffen, die Werke der unabhängigen Plattenproduzenten auch in einem möglichen Streamingdienst anzubieten.

          Das Problem der „Independents“ genannten Unabhängigen mit der neuen Lizenzvereinbarung bringt der deutsche Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT) auf den Punkt: „Nach Angaben unserer Mitglieder sind die Vertragsbedingungen äußerst ungünstig und nicht verhandelbar“, heißt es in einer Stellungnahme. Zugleich liege die Vergütung unter den Preisen, die andere Streamingdienste wie etwa Spotify zahlen. „Darum unterstreicht der VUT seine Forderung, dass Musikdienste Independents nicht benachteiligen dürfen.“ Mit seinem Protest steht der Verband nicht allein. Auch die internationalen Organisationen Impala und WIN haben ähnliche Stellungnahmen veröffentlicht. Zusammen repräsentieren die Unabhängigen etwa 30 Prozent des globalen Musikmarkts.

          Arbeitsplätze sind in Gefahr

          Youtube reagiert lediglich mit dem Hinweis, dass man eine globale Plattform für Künstler biete, über die „sie sich mit Fans verbinden und Umsätze für ihre Musik erwirtschaften können“. Es gebe Hunderte Vereinbarungen mit unabhängigen und großen Plattenlabels rund um die Welt. Dem Vernehmen nach wird trotz des Ultimatums gegenwärtig weiter verhandelt. Der Ausgang ist offen. Vertreter der unabhängigen Musiklabels betonen, dass die Einwände gegen neue Vermarktungswege nicht grundsätzlicher Natur sind. So ist es etwa für den VUT selbstverständlich, „dass wir offen für neue Angebote sind, wie sie unter anderem die Digitalisierung mit sich bringt“. Doch die Vergütung müsse fair geregelt sein.

          Eine als gerecht empfundene Vergütung hat es bislang durch das Teilen von Werbeerlösen gegeben - was den wirtschaftlichen Erfolg der Independents entsprechend beflügelte. Als „ein gutes Miteinander“ bezeichnet ein Unternehmer die Zusammenarbeit mit Youtube. Was künftig im Feuer steht, wenn das Miteinander kippt, lässt sich bei ihm an nüchternen Zahlen ablesen: Ein zweistelliger Umsatzanteil hängt dort von Youtube ab - und ein gutes Dutzend Arbeitsplätze.

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