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Versagen der Medizin: Forschung : Schrott als Selbstläufer

Klinische Studien in der Kritik. Bild: dpa

Die Medizinforschung steht mit dem Rücken an der Wand. Sie wird ihren Qualitätsansprüchen nicht gerecht, nicht in Studien, nicht in den Publikationen. Und jetzt die Selbstanklage.

          2 Min.

          Jetzt wird aufgeräumt, oder? Die Medizinforschung steht, daran zweifelt keiner mehr, mit dem Rücken an der Wand. Das „System“, wie es Richard Horton und Sabine Kleinert von der Zeitschrift „Lancet“ nennen, ist in einem erbärmlichen Zustand. Allen Initiativen der letzten Jahre zum Trotz wird die Forschung ihren eigenen Qualitätsansprüchen nicht gerecht, und deshalb will man jetzt einen neuen Selbstreinigungsprozess in Gang setzen.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Mehrere Autorenteams legen dazu nun in einer Artikelserie in „Lancet“ Listen von Empfehlungen vor, wie die Schwachstellen von A wie Abhängigkeit der Autoren bis Z wie Zugang zu Daten und Protokollen beseitigt werden könnten. Der Konjunktiv ist Absicht. Denn keine der bedenkenswerten Kritiken und Ratschläge ist wirklich neu. Mehr noch: Hortons und Kleinerts einführende Worte vermitteln das Gefühl, dass das System mit der niederschmetternden Selbstdiagnose deshalb so gut leben kann, weil es als konservatives Systemes mit der Therapie traditionell nicht so eilig hat. Motto: Pleiten und Prasserei sind zwar unabweisbar, aber die medizinische „Dividende“ - der Fortschritt - auch.

          Vor der Zulassung stehen ausführliche klinische Studien.
          Vor der Zulassung stehen ausführliche klinische Studien. : Bild: dapd

          „Liegt der Fehler bei den kurzsichtigen Universitäten, die zu perversen Anreizen führen, oder bei den Journalen, die Profite und Publicity über Qualität stellen?“, fragen Horton und Kleinert, und ihre entlarvende Antwort lautet: „Es ist wohl ein Mix von beidem.“ Dass vor wenigen Wochen der frischgekürte Nobelpreisträger Randy Shekman seinen Boykott gegen die „Luxusjournale“ damit begründete, dass ein Großteil des Schrotts als vermeintlich hochwertige Publikationen in großen Wissenschaftsmagazinen erscheint und damit falsche Karriere- statt guter Qualitätsanreize gesetzt werden, scheint die Lancet-Redaktion um Horton und Kleinert nicht weiter zu alarmieren. Stattdessen: „Alle sollten innehalten und reflektieren, was wir eigentlich tun.“

          Getan wird viel. Mit 240 Milliarden Dollar für die Biomedizinforschung allein im Jahr 2010 lässt sich auch viel anschieben. Der Output dagegen - ein Desaster: 40 bis 89 Prozent der Ergebnisse aus klinischen Studien ließ sich nicht reproduzieren, weil Protokolle im Dunkeln gelassen oder manipuliert wurden oder erst gar keine systematische Bestandsaufnahme, geschweige denn Metaanalysen vor Beginn der Studien vorgenommen worden waren. Mit anderen Worten: Stochern statt Systematik. Oft wird das noch gekrönt durch schlechte Statistik, unvollständige Daten oder die bewusste Auswahl geeigneter, aber unrepräsentativer Patienten. Ungünstige Ergebnisse werden immer noch kaum publiziert. Die Folge auch: Falsche Fährten werden gelegt - oder innovative Ansätze deswegen fallengelassen. Bayer-Forscher konnten 43 von 67 onkologischen und kardiovaskulären Studien nicht bestätigen, Amgen-Forscher zogen bei 47 von 53 vermeintlichen Antikrebsmitteln Nieten. Ian Chalmers aus Oxford, der den Stein für die Empfehlungslisten ins Rollen brachte, stellte vor vier Jahren fest: „85 Prozent der Forschungsinvestitionen sind verschwendet.“ Damit auch 85 Prozent der eingesetzten Steuergelder. Und die Politik? Die überlässt die Selbstreinigung dem Medizinbetrieb. Druck? Fehlanzeige.

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