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Verhütung auf dem Prüfstand : Fördert die Sterilisation das Krebsrisiko?

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Gut 50.000 Männer in Deutschland lassen sich jedes Jahr sterilisieren. Ein harmloser Eingriff. Wirklich? Das Gerücht kursiert schon länger, dass die Vasektomie Prostatakrebs fördert. Jetzt wurde erstmals systmatisch nachgeforscht.

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          Die bislang größte und am längsten währende Studie über den Zusammenhang zwischen der Sterilisationsoperation beim Mann, einer Vasektomie, und dem Auftreten von Prostatakrebs bekräftigt frühere Befürchtungen: Das Risiko, an einem bösartigen Tumor der Prostata zu erkranken, ist nach einer Vasektomie insgesamt zehn Prozent höher als bei Männern, die den Eingriff nicht haben vornehmen lassen. Das Risiko, daran zu sterben oder eine besonders aggressive Tumorform zu entwickeln, ist nach der Operation sogar um 19 und 22 Prozent erhöht. Das ist der Schluss einer amerikanischen „Health Professionals Follow-up Studie“ von der Harvard-Universität, die bereits 1986 begann und die 24 Jahre später die Daten von rund 50 000 Männern ausgewertet hat. Lorelei A. Mucci und seine Kollegen haben ihre Ergebnisse nun im „Journal of Clinical Oncology“ veröffentlicht (doi: 10.1200/JCO.2013.54.8446).

          So lange wurde bisher noch nie das Schicksal von Männern zurückverfolgt, die sich hatten sterilisieren lassen. Etliche andere Studien attestierten dem Eingriff zwar schon früher ein gewisses Risikopotential, andere Untersuchungen haben die Vasektomie im Hinblick auf ein mögliches Krebsrisiko jedoch entlasten können. Die Vasektomie ist ein vergleichsweise unkomplizierter Eingriff, bei dem der Chirurg beidseits die männlichen Samenleiter durchtrennt, die von den Hoden hochsteigen, durch die Prostata ziehen und in die Harnröhre münden. Auf diese Weise ist gewährleistet, dass das männliche Ejakulat keine Spermien mehr enthält und nur noch aus Drüsensekret besteht, das vorwiegend aus der Prostata stammt.

          Tumorzelle
          Tumorzelle : Bild: dpa

          Weltweit wird die Zahl der Vasektomien auf rund 60 Millionen Fälle beziffert, in Deutschland lassen sich jährlich etwa 50 000 Männer auf diese Weise sterilisieren. Es handelt sich um einen Standardeingriff, auf den sich manche urologischen Praxen eigens spezialisiert haben. Generell ist die Bereitschaft in den Vereinigten Staaten, auf diese Weise zu verhüten, deutlich höher als andernorts. Dort wählen etwa fünfzehn Prozent der Männer in festen Beziehungen eine Vasektomie, in Westeuropa sind es nur halb so viele und weltweit mit rund vier Prozent noch einmal weniger. Früheren Studien, die die Vasektomie mit einer Erhöhung des Krebsrisikos in Verbindung brachten, wurde häufig vorgeworfen, sie erzeugten in ihrer Analyse einen falschen Zusammenhang: Männer, die sich sterilisieren ließen, gingen auch häufiger zum Arzt, infolgedessen - so die These - würden bei ihnen mehr frühe und weniger aggressive Prostatatumoren entdeckt. Dieser Einwand greift wohl nicht, denn in der aktuellen Studie waren es die gefährlicheren und tödlich endenden Malignome, die nach Vasektomie vermehrt auftraten.

          Eine weitere Kritik hebt darauf ab, dass sexuell übertragbare Krankheiten bei sterilisierten Männern häufiger vorkommen, weil sie womöglich aufgrund der gesicherten Verhütung mehr Sexualpartnerinnen haben. Sie setzten sich somit einem größeren Keimspektrum aus, die Erreger sexuell übertragbarer Krankheiten erhöhen ihrerseits das Prostatakrebsrisiko. Aber auch dieser indirekte Zusammenhang konnte im vorliegenden Fall statistisch als Störfaktor herausgerechnet werden. Schließlich ist ein biologischer Grund denkbar: Nach einer Vasektomie ist die Menge bestimmter Proteine im Prostatasekret vermindert. Das könnte das Krebsrisiko erhöhen, weil diese Eiweiße die Tumorgenese hemmen. Dazu passt die Beobachtung, dass auch zeugungsunfähige Männer um den Faktor 2,6 häufiger hochgradig-maligne Prostatatumoren entwickeln als Männer mit einer funktionierenden Samenproduktion. Gleichwohl, so betonen die Forscher um Lorelei A. Mucci, sei das absolute Risiko für Prostatakrebs selbst nach Vasektomie auch nach dieser langen Beobachtungsperiode mit 1,6 Prozent letztlich gering gewesen.

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