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Vegan leben : Das Leid der Tiere im Blick

  • -Aktualisiert am

Alina lebt seit drei Jahren konsequent vegan und verzichtet auf jegliche Tierprodukte. Dafür scheut die Musikstudentin in Hannover keinen Aufwand.

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          Voller Vorfreude auf ein neues Gericht schneidet die junge Frau den Tofu, den sie für einen stolzen Preis im Supermarkt gekauft hat, in Würfel. Sie gibt den Fleischersatz zu den gemahlenen Erdnüssen und Semmelbröseln hinzu. In Deutschland gibt es laut der Albert-Schweitzer-Stiftung geschätzte 600 000 bis eine Million Veganer. Eine von ihnen ist die Musikstudentin der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover Alina Mayer, die den Studiengang der künstlerisch pädagogischen Ausbildung mit dem Hauptfach Querflöte belegt. Die 19-Jährige lebt seit drei Jahren vegan.

          Dunkel und leblos im Schweinestall

          Heute probiert sie wieder ein neues Gericht ohne jegliche Tierprodukte aus. Seit ihrem zehnten Lebensjahr verzichtet die Hannoveranerin auf Fleisch. Ihr Entschluss kam durch einen Urlaub auf dem Bauernhof zustande. „Da gab es Pferde und Ziegen. Alles war total idyllisch, aber dann hatten wir einen kurzen Einblick in den Schweinestall. Die Schweine standen aneinandergedrängt in einem dunklen Stall und haben leblos in die Gegend geguckt.“ Die Tiere hätten ihr so leidgetan, wie sie da so ohne Raum zur Bewegung im Dunklen standen, dass der Verzicht auf Fleisch gar keine Frage für sie war.

          Muttersäue auf Abferkelgittern

          Begeistert von ihrem neuen Rezept, holt Alina Mayer Gewürze und gibt dem Knödelteig mit Salz und Pfeffer mehr Geschmack. „Den Schweinen geht es wie vielen Tieren, die lediglich mit dem Ziel der Schlachtung gezüchtet werden. Meist müssen sie auf sehr engem Raum mit vielen Artgenossen zusammen in oft dunklen Räumen leben. Muttersäue hingegen verbringen sechs Monate im Jahr in sogenannten Abferkelgittern, in denen sie auf einem Raum mit höchstens 0,75 Meter Breite leben müssen.“ Viele Veganer geben als Grund für ihre Einstellung an, dass sie an dem Töten und der Schlachtung der Tiere nicht mitverantwortlich sein möchten.

          Anfangs holte sie Milch nur noch beim Bauern

          Zum Veganismus führt jedoch vor allem auch die Ablehnung der Haltung und des Transports, bei denen die Tiere meist viel Leid erfahren müssen. Auch ihre Mutter und ihre Schwester lebten von diesem Zeitpunkt an vegetarisch. „Danach ging es schrittweise weiter“, erklärt die junge Frau, die mit ihren blauen kurzen Haaren am Herd steht. „Ich habe zum Beispiel Milch nur noch bei einem Milchbauern gekauft, den ich kannte. Dasselbe habe ich auch mit Eiern gemacht. Allerdings wurde mir das irgendwann zu kompliziert, so dass ich komplett auf Produkte verzichtet habe, die nur durch Ausbeutung von oft hilflosen Tieren hergestellt werden können.“

          „Leckerer Kuchen geht nicht vegan“

          So einfach diese Umstellung für sie aber klingt, bringt sie auch ihre Nachteile mit sich. „Alles, was Ei braucht, klappt nicht, das nervt“, sagt ihr Vater Hannes, ein Chemiker. „Leckerer Kuchen geht nicht vegan. Es gibt leckere Kekse, aber Kekse sind kein Kuchen.“ Der 55-Jährige berichtet, wie sich immer mehr ein emotionaler Widerstand in ihm entwickelt hat. Vor allem Alinas Argumentationen empfindet er oft als übertrieben. „Alina wollte mal umziehen und wollte sich für ihr neues WG-Zimmer einen neuen Teppich kaufen. Bei der Abholung hat sie dann auf einmal gemerkt, dass ein Bestandteil davon Wolle ist. Sie hat den Teppich dann nicht gekauft und ist auch noch nicht umgezogen. Man könnte diese Einstellung ja auch von der Realität abhängig machen, die Tiere sind doch froh, wenn sie im Sommer ihre Wolle los sind“, sagt er. „Am Anfang hat sie sogar immer die Wochen gezählt, die sie schon vegan lebt. Das kam mir vor wie Leistungssport. Zwischendurch war ich sogar kurz davor, ein Schild an den Kühlschrank zu kleben, auf dem steht: Vegan nervt!“

          Auf Schulfahrten kam sie gut zurecht

          Trotzdem hat sich Alina, die in einer Wohngemeinschaft lebt, immer respektiert gefühlt, beispielsweise bei der Wahl eines Restaurants. „Manchmal im Urlaub sind wir ewig von Restaurant zu Restaurant gelaufen. Jeder konnte was finden, außer Alina“, erzählt ihr Vater. Wichtig ist auch die finanzielle Stütze, die sie von ihren Eltern bekommt. Vegane Produkte und Bioprodukte sind meist teurer als die Supermarktmarken. Wie ist sie auf Schulfahrten zurechtgekommen? „Eigentlich hatte ich nie wirklich Schwierigkeiten, auch in Jugendherbergen, da muss man halt vorher anrufen, dann geht das eigentlich immer.“ Der Ofen piepst: Die Tofu-Erdnuss-Knödel sind servierbereit. Die Mango-Soße hatte sie vorher zubereitet.

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