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Uli Hoeneß und der FC Bayern : Bin nur kurz mal weg

Der Macher und der Mann auf der Straße: Wer könnte Hoeneß bei den Bayern ersetzen? Bild: dpa

Die Präsidentschaft von Karl Hopfner beim FC Bayern wird von kurzer Dauer sein. Uli Hoeneß, der alte Kämpfer von barocker Wucht, und der Klub lassen daran keinen Zweifel.

          3 Min.

          Am Freitagabend war es noch ein verblüffender Verdacht. Am Samstag schon fast Gewissheit. Karl Hopfner, der neue Präsident des FC Bayern, ist ein Präsident im Futur II. Einer, der Präsident gewesen sein wird, wenn Uli Hoeneß zurückkommt. In der Mitgliederversammlung des größten und wichtigsten deutschen Sportvereins, die das formale Attribut „außerordentlich“ auch inhaltlich verdiente, hat sich Hoeneß auf der öffentlichen Bühne zurückgemeldet - in einer Weise, die auch den Ungläubigen im großen Bayern-Kreis die Gewissheit vermittelte: Er ist wieder da. War nie weg. Wird nie wirklich weg gewesen sein, bis er heimkehrt aus der Haft. Und wieder Bayern-Präsident wird.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          „Und dann, wenn ich zurück bin, werde ich mich nicht zur Ruhe setzen. Das war’s noch nicht!“ So lautete die krachende Pointe seiner fünfzehnminütigen Rede vor 1593 Vereinsmitgliedern, die eigentlich da waren, um Hopfner zu wählen. Rasch aber musste ihnen dämmern, dass sie nur eine Zwischenlösung zu bestätigen hatten, einen präsidialen Platzhalter - bis der alte Patron, das wegen Steuerhinterziehung rechtskräftig verurteilte einfache Vereinsmitglied Ulrich Hoeneß, nach Verbüßung seiner Haftstrafe triumphal ins Amt zurückzukehren gedenkt.

          Hopfner erklärte schon am Freitag, „nie gegen ihn anzutreten“. Am Samstag beseitigte Karl-Heinz Rummenigge alle Zweifel am Szenario. „Man muss kein großer Prophet sein“, sagte der Vorstandsvorsitzende nach dem 4:1-Sieg der Bayern beim Hamburger SV. „Er ist als Präsident zurückgetreten, er wird als unser Präsident zurückkommen.“ Der Zeitplan passt. Bald wird Hoeneß die Haftstrafe von dreieinhalb Jahren antreten, die im Endeffekt aber kaum länger dauern dürfte als die zweieinhalb Jahre, für die nun Hopfner gewählt worden ist. Einzige Voraussetzung für die Rückkehr in die Führung der Bayern: gute Führung im Gefängnis. Weder sein Nachfolger noch die Mitglieder stünden der Resozialisierung als bayrischer Fußball-König im Wege.

          Karl Hopfner, der neue Präsident des FC Bayern, ist ein Präsident im Futur II. Einer, der Präsident gewesen sein wird, wenn Uli Hoeneß zurückkommt
          Karl Hopfner, der neue Präsident des FC Bayern, ist ein Präsident im Futur II. Einer, der Präsident gewesen sein wird, wenn Uli Hoeneß zurückkommt : Bild: dpa

          Und wohl auch kaum einer im Rest von Fußball-Deutschland, wo man sich beeindruckt zeigte von Hoeneß’ kraftvoller Rückkehr auf die große Bühne, nicht als gebrochener Mann, sondern als der alte Machthaber. Seine Macht hat durch die Verurteilung nicht gelitten und wird in der äußeren Wahrnehmung womöglich noch wachsen. Wer soll ihm, wenn er das übersteht, noch etwas anhaben? „Wenn er seine Strafe verbüßt hat, gibt es keinen Grund, warum er nicht seine Ämter wieder ausüben sollte“, sagte der Schalker Manager Horst Heldt, „ich würde mich freuen.“

          Selbst Christoph Daum, dessen Kokain-Affäre Hoeneß 2000 auslöste, befürwortet ein Comeback seines alten Feindes: „Jeder hat schließlich eine zweite Chance verdient, auch Hoeneß.“ Einen Hoeneß sollte man auch weiterhin nicht zum Feind haben, so die unausgesprochene Botschaft des großen Auftritts. Er verbreitete sie vor allem, als er nach der Schilderung dessen, „was in den letzten 14 Monaten auf einen Mann und seine Familie, der am Boden lag und liegt, an Häme, an Pranger niedergeprasselt ist“, mit schneidender Stimme von seinem „Hass“ sprach. Das richtete sich unverkennbar vor allem auf Journalisten, in deren Berichten er einen deutlichen Kontrast zu der Meinung „des Mannes auf der Straße“ sah.

          Jenseits jeglicher Reue: Sein Platz bleibt vorne
          Jenseits jeglicher Reue: Sein Platz bleibt vorne : Bild: dpa

          Die Medien erfüllten auch in Rummenigges Vortrag die Rolle als Feindbild, das hilft, die eigenen Reihen zu schließen. Bei Hoeneß war die Emotionalität der Worte nach der langen Zeit am Pranger verständlich. Bei Rummenigge überraschte die Reizbarkeit, die er nach dem ersten sportlichen Rückschlag seit fast zwei Jahren offenbarte. Er sprach von seiner „hochsteigenden Wut“ über die „Kübel voll Häme“, die über Team und Trainer „ausgeschüttet werden“ - als habe er nach der höchsten Heimniederlage in der Europapokalgeschichte des Vereins Lob und Preis erwartet.

          „Zwischen Pep Guardiola und den FC Bayern passt kein Blatt Papier“, sagte Rummenigge in einer Mitteilung „an die Vertreter der Medien“. Er machte die Rechnung auf, wonach Guardiola so erfolgreich wie niemand zuvor im ersten Bundesliga-Jahr gewesen sei, mit drei Titeln: deutsche Meisterschaft, Uefa-Supercup, Klub-WM. Allerdings kann zwei dieser drei Titel nur gewinnen, wer das höchst seltene Glück hat, Nachfolger eines Kollegen zu werden, der im Jahr zuvor die Champions League gewonnen hat und trotzdem gehen muss. Guardiola war es vergönnt.

          So wirken die Bayern trotz aller bisherigen Erfolge derzeit latent verunsichert - ein glänzender, aber von ersten Zweifeln an seiner Spielidee verletzt wirkender Trainer, ein dünnhäutiger Vorstandschef, ein formschwacher Verteidiger, Jerome Boateng, der sich in Hamburg zu einer Tätlichkeit hinreißen ließ (ebenso wie Franck Ribéry gegen Real Madrid); und ein offensichtlich über die bisherige Nebenrolle beleidigter Jungstar, Mario Götze, der sich als Jubelpose über seine Tore in Hamburg den Gesichtsausdruck eines Beamten nach erfolgreicher Ausfüllung eines Formulars ausgedacht hatte.

          Barocke Wucht: der Kämpfer Hoeneß bleibt eine Macht
          Barocke Wucht: der Kämpfer Hoeneß bleibt eine Macht : Bild: picture alliance / augenklick/fi

          Sie haben in zwei Glanzjahren offenbar zu wenig Übung in Frustbewältigung bekommen, die Seriensieger mit dem dünnen Fell. Ihr früherer und wohl künftiger Präsident macht ihnen vor, wie man mit Rückschlägen umgeht. Hoeneß zeigte sich nach seinem persönlichen Justiz- und Medien-Drama und vor seinem „schweren Gang“ als der alte Kämpfer von barocker Wucht. Bei allem Kopfschütteln, das sein Abschütteln jeder Reue auslösen muss, bei allem moralischen Bedenken über das Tempo seiner gefühlten Rückkehr an die Macht - der Kämpfer Hoeneß bleibt eine Naturgewalt. Eine, die wohl auf ewig das Gesicht des FC Bayern prägen wird.

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