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Ukraine-Konflikt : Keiner weiß mehr, wer auf wen schießt

Vom wem die Geschosse in der umkämpften Ostukraine stammen, ist nicht immer einwandfrei zu bestimmen. Bild: AFP

Die ukrainische Regierung und die Separatisten werfen einander den Beschuss von Zivilisten vor. Tatsächlich spricht einiges dafür, dass auch Kiew seine Soldaten nicht vollständig unter Kontrolle hat.

          Es sind zwei Orte, die so unterschiedlich und doch so ähnlich sind: Donezk, die Metropole des Donbass, die „Hauptstadt“ der prorussischen Separatisten, ist eine Millionenstadt mit breiten Boulevards und endlosen Wohnblocks vor der Kulisse der Abraumhalden. Piski, nur wenige Kilometer westlich, ist ein Dörfchen mit schiefen Zäunen und streunenden Hunden, in dem nicht russische Kämpfer, sondern ukrainische Truppen das Heft in der Hand haben. Doch trotz aller Unterschiede haben beide Orte eines gemein: den Krieg - und die Menschen, die unter ihm leiden. Beide grenzen an den umkämpften Donezker Flughafen, beide sind voll von Geschützen, Schützenpanzern, Kämpfern, und in beiden sind die Keller voll mit verängstigten Menschen. Die Dächer sind zerfetzt, manche Häuser bis auf die Grundmauern abgebrannt.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Piski und Donezk, das sind zwei Seiten derselben Front. Während in dem Dörfchen, wo die Ukrainer stehen, kaum ein Haus mehr ganz ist, sind zwar in Donezk viele Stadtteile und das Zentrum fast unversehrt; in den Vierteln an der Kampflinie aber, im Kiewskij-Rayon am Flughafen oder im Trudowskaja-Viertel im Süden gibt es manche Bezirke, in denen der Krieg genau wie in Piski jedes Gebäude gezeichnet hat. Die Straßen sind von Granaten durchlöchert, und wer noch nicht geflohen ist, vor allem Kinder und alte Frauen, sitzt im Keller. Die Stadtverwaltung von Donezk sagt, insgesamt seien in der Stadt etwa 2000 Gebäude beschädigt. Über die Zahl der Toten in der Zivilbevölkerung macht sie keine Angaben. Die Menschenrechtsbeobachtermission der Vereinten Nationen in der Ukraine hat im November angegeben, der Konflikt habe seit seinem Beginn mehr als 4300 Menschenleben gefordert. Wie viele davon Zivilisten sind, kann nur geschätzt werden.

          Russland und die Ukraine schieben sich wechselseitig die Schuld am Leiden der Bevölkerung zu. Moskau behauptet, die Ukrainer bombardierten Donezk, um friedliche Menschen zu terrorisieren. Die ukrainische Armee erklärte abermals in dieser Woche, es seien stets die Separatisten, die zuerst feuerten. Die Armee schieße zwar zurück, aber nur „wenn sich im Zielgebiet keine Zivilbevölkerung“ aufhalte. Die Granaten, die in Donezk einschlugen, hätten nicht die Streitkräfte, sondern die Separatisten abgefeuert, die durch solche „Provokationen“ die Bevölkerung gegen Kiew aufbringen wollten.

          Lysenko beruft sich auf „Provokationen“

          Wer schießt, ist stets unklar. Eindeutig ist nur, dass es Opfer gibt, auf beiden Seiten. Auf die von Russland gestützten Kämpfer fällt der Tatverdacht dann, wenn Gebiete unter ukrainischer Kontrolle getroffen werden. Das kommt immer wieder vor, nicht nur in Piski. Die UN erwähnen in ihrem jüngsten Monatsbericht etwa einen Artillerieangriff auf das von Ukrainern gehaltene Dorf Sartana, bei dem sieben Teilnehmer eines Trauerzuges getötet wurden, und die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ stellt fest, bei einem Angriff auf ukrainische Truppen im Ort Starobeschewe seien durch Streubomben, eine international geächtete Waffe, drei Zivilisten getötet worden. „Die Umstände“ legten dafür eine Verantwortung Russlands oder der Separatisten nahe. Die Reihe der Beispiele ließe sich fortsetzen.

          Aber auch Kiew ist von den Menschenrechtlern schwer belastet worden. Im Oktober untersuchte die Organisation Reste von detonierten Streubomben in Donezk. Durch Zeugenaussagen, denen zufolge zu genau jener Zeit, zu der die Projektile detonierten, ukrainische Einheiten jenseits der Stadtgrenze feuerten, kam sie zu dem Schluss, für diese Attacke sei Kiew verantwortlich. Die Regierung bestreitet das. Präsident Petro Poroschenko sagte der ARD, solche „Thesen“ seien das Ergebnis des „grausamen Informationskrieges, den Russland gegen uns führt“, und Armeesprecher Andrij Lysenko brachte ein weiteres Mal die Theorie der „Provokationen“ ins Spiel.

          Der Vorwurf des „Selbstbeschusses“ der Separatisten zu Propagandazwecken ist zwar nicht völlig von der Hand zu weisen; Zeugen aus der Bevölkerung, die allerdings aus Sorge um ihre Sicherheit ihre Namen nicht nennen wollten, haben dieser Zeitung gegenüber in zwei Fällen angegeben, sie hätten mit eigenen Augen beobachtet, wie prorussische Kämpfer das eigene Gebiet beschossen hätten - einmal in Slawjansk und einmal in Luhansk. Allerdings sind solche Berichte kaum überprüfbar, und in den Luftschutzkellern von Donezk halten die meisten Bewohner, mit denen diese Zeitung Ende November sprach, solche Darstellungen für Unfug. Hier herrscht die Ansicht vor, für die Zerstörungen seien die ukrainischen Truppen jenseits der Stadtgrenze verantwortlich.

          Beweise gibt es für die eine Theorie so wenig wie für die andere. Unbestreitbar ist nur, dass täglich Wohngebiete bombardiert werden, und vieles spricht dafür, dass hier auch die ukrainische Armee, sosehr sie auch die Legitimität ihres Kampfes gegen die russische Intervention im Donbass hervorhebt, nicht immer die Verhältnismäßigkeit der Mittel wahrt. Die Zerstörung mancher Donezker Außenbezirke ist zu großflächig für die Theorie der „Provokation“. Würden die Separatisten im großen Stil auf von ihnen selbst kontrollierte Gebiete schießen, wäre das nicht unbeobachtet geblieben. Es hätte sich in Donezk herumgesprochen. Außerdem haben aufgefundene Geschosse und Krater immer wieder einen Beschuss aus Richtung der ukrainischen Stellungen vermuten lassen. Der bekannteste Fall war hier die Tragödie der Schule Nummer 63 im Donezker Flughafenviertel, wo am 5. November zwei Teenager durch Granaten getötet wurden. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) stellte damals fest, dass die Granaten von einem Punkt im Nordwesten abgefeuert worden seien - und ein Blick auf den Stadtplan zeigt, dass dort Piski liegt, der Stützpunkt der ukrainischen Truppen.

          Waffen ohne Bewachung

          Natürlich ist auch das noch kein Beweis. Die OSZE hat sich mit Schuldzuweisungen denn auch in diesem Fall zurückgehalten. Trotzdem gibt es Beobachtungen, die der Führung in Kiew zu denken geben sollten. Die Disziplin der ukrainischen Streitkräfte ist zweifelhaft. Im Donbass stehen nicht nur Soldaten der Armee an der Front, sondern auch zusammengewürfelte Freiwilligeneinheiten, die nicht nach Befehl und Gehorsam operieren, sondern frei nach dem „Initiativprinzip“. Einige, etwa das „Ukrainische Freiwilligenkorps“ (DUK), sind völlig unabhängig. Trotzdem besitzen sie schwere Waffen ungeklärter Herkunft. Das DUK in Piski etwa verfügt nach Beobachtung dieser Zeitung über eine Panzerabwehrkanone, die auf mutmaßliche Separatistenstellungen am Donezker Flughafen gerichtet war, ohne dass die Kämpfer erkennbaren Zugang zu verlässlicher Zielaufklärung gehabt hätten. Die Geschosse dieser Kanone könnten überall einschlagen - bei den feindlichen Kämpfern oder in den Wohnhäusern nebenan.

          Bei den ukrainischen Truppen in Piski lagen Ende November zudem Waffen und Munition unkontrolliert auf der Straße. In offenen Hinterhöfen sah man Panzerfäuste; ein einsamer Maschinengranatwerfer sowie Kisten voll mit Artilleriegeschossen standen kaum bewacht unter freiem Himmel. Manches spricht dafür, dass es auch solche vagabundierenden Granaten sein könnten, die immer wieder in Donezker Wohngebieten detonieren - nicht unbedingt aus Absicht, sondern weil die Männer, die hier kämpfen, nicht immer die Aufklärungsmittel, die Ausbildung und die Disziplin besitzen, militärische Ziele zu erkennen und zivile Opfer zu vermeiden.

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