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Ukraine-Konflikt : Keiner weiß mehr, wer auf wen schießt

Der Vorwurf des „Selbstbeschusses“ der Separatisten zu Propagandazwecken ist zwar nicht völlig von der Hand zu weisen; Zeugen aus der Bevölkerung, die allerdings aus Sorge um ihre Sicherheit ihre Namen nicht nennen wollten, haben dieser Zeitung gegenüber in zwei Fällen angegeben, sie hätten mit eigenen Augen beobachtet, wie prorussische Kämpfer das eigene Gebiet beschossen hätten - einmal in Slawjansk und einmal in Luhansk. Allerdings sind solche Berichte kaum überprüfbar, und in den Luftschutzkellern von Donezk halten die meisten Bewohner, mit denen diese Zeitung Ende November sprach, solche Darstellungen für Unfug. Hier herrscht die Ansicht vor, für die Zerstörungen seien die ukrainischen Truppen jenseits der Stadtgrenze verantwortlich.

Beweise gibt es für die eine Theorie so wenig wie für die andere. Unbestreitbar ist nur, dass täglich Wohngebiete bombardiert werden, und vieles spricht dafür, dass hier auch die ukrainische Armee, sosehr sie auch die Legitimität ihres Kampfes gegen die russische Intervention im Donbass hervorhebt, nicht immer die Verhältnismäßigkeit der Mittel wahrt. Die Zerstörung mancher Donezker Außenbezirke ist zu großflächig für die Theorie der „Provokation“. Würden die Separatisten im großen Stil auf von ihnen selbst kontrollierte Gebiete schießen, wäre das nicht unbeobachtet geblieben. Es hätte sich in Donezk herumgesprochen. Außerdem haben aufgefundene Geschosse und Krater immer wieder einen Beschuss aus Richtung der ukrainischen Stellungen vermuten lassen. Der bekannteste Fall war hier die Tragödie der Schule Nummer 63 im Donezker Flughafenviertel, wo am 5. November zwei Teenager durch Granaten getötet wurden. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) stellte damals fest, dass die Granaten von einem Punkt im Nordwesten abgefeuert worden seien - und ein Blick auf den Stadtplan zeigt, dass dort Piski liegt, der Stützpunkt der ukrainischen Truppen.

Waffen ohne Bewachung

Natürlich ist auch das noch kein Beweis. Die OSZE hat sich mit Schuldzuweisungen denn auch in diesem Fall zurückgehalten. Trotzdem gibt es Beobachtungen, die der Führung in Kiew zu denken geben sollten. Die Disziplin der ukrainischen Streitkräfte ist zweifelhaft. Im Donbass stehen nicht nur Soldaten der Armee an der Front, sondern auch zusammengewürfelte Freiwilligeneinheiten, die nicht nach Befehl und Gehorsam operieren, sondern frei nach dem „Initiativprinzip“. Einige, etwa das „Ukrainische Freiwilligenkorps“ (DUK), sind völlig unabhängig. Trotzdem besitzen sie schwere Waffen ungeklärter Herkunft. Das DUK in Piski etwa verfügt nach Beobachtung dieser Zeitung über eine Panzerabwehrkanone, die auf mutmaßliche Separatistenstellungen am Donezker Flughafen gerichtet war, ohne dass die Kämpfer erkennbaren Zugang zu verlässlicher Zielaufklärung gehabt hätten. Die Geschosse dieser Kanone könnten überall einschlagen - bei den feindlichen Kämpfern oder in den Wohnhäusern nebenan.

Bei den ukrainischen Truppen in Piski lagen Ende November zudem Waffen und Munition unkontrolliert auf der Straße. In offenen Hinterhöfen sah man Panzerfäuste; ein einsamer Maschinengranatwerfer sowie Kisten voll mit Artilleriegeschossen standen kaum bewacht unter freiem Himmel. Manches spricht dafür, dass es auch solche vagabundierenden Granaten sein könnten, die immer wieder in Donezker Wohngebieten detonieren - nicht unbedingt aus Absicht, sondern weil die Männer, die hier kämpfen, nicht immer die Aufklärungsmittel, die Ausbildung und die Disziplin besitzen, militärische Ziele zu erkennen und zivile Opfer zu vermeiden.

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