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Udo Jürgens - ein Film zum 80. : Ohne Applaus geht er nicht von der Bühne

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Udo Jürgens lässt sich bei einer Voraufführung des besprochenen Films fotografieren. Bild: dpa

Wie oft schon geweint aus Liebe? Udo Jürgens, Deutschlands erfolgreichster Chansonnier, wird achtzig und geht noch mal auf Tour. Ein Film würdigt den Künstler und sucht den Menschen dahinter.

          Als er das Kino betritt, gibt es erst einmal stehende Ovationen. Dabei sind das doch Journalisten hier, denkt man, aber sie scheinen zu denken: „Schließlich ist das doch Udo Jürgens da vorne!“ Eine beeindruckende, schlanke und schneidende Präsenz hat er ja auch, der Mann, der am kommenden Dienstag achtzig wird und gut tausend Lieder gesungen hat.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Jürgens ist ins ehrwürdige Hamburger Passage-Kino gekommen, um einen Film vorzustellen, der zu seinem Geburtstag im Fernsehen ausgestrahlt wird. Davor dürfen die Journalisten, es sind wohl dreißig oder vierzig, ihn noch alles über sein Leben fragen. Die Fragen klingen offen, sind aber hintersinnig: „Was bedeutet Ihnen das Alter, was das Wort Familie?“ Jürgens sagt erst mal Dinge wie „Das Alter ist ein Adelsschlag“ oder dass er endlich gut schlafen könne, früher habe er immer Albträume gehabt. Aber er erfüllt wohl manche heimliche Erwartung, wenn er Antworten gibt wie diese: „Gott sei Dank kann ich mich jetzt nicht scheiden lassen, weil ich nicht verheiratet bin.“ Oder sogar: „Früher habe ich geglaubt, das ständige Betreiben des Liebesakts würde Glück bedeuten.“

          Schwarzer Anzug, Rote Rosen und weißer Bademantel: Udo Jürgens auf Konzerttour 1982 Bilderstrecke

          Er sagt dann auch Sätze, die selbst Liedtexte sein könnten, etwa: „Ich stehe schon außerhalb des Spielfelds.“ Aber seine Verbindlichkeit hat auch etwas sehr Einnehmendes. „Für mich jetzt hier mit Ihnen zu sitzen ist ja nicht nur Stress, sondern auch interessant“, dreht er den Spieß um. Wenn er in fremde Gesichter schaue, sagt Jürgens, dann frage er sich sofort: „Wie lebt der oder die? Verheiratet? Wie oft schon getrennt? Wie oft schon geweint aus Liebe?“ Geweint aus Liebe: Er sagt das so ernsthaft, dass man glauben könnte, da ist gar kein Bruch zwischen den Liedern und dem Mann, der sie singt, Lieder von siebzehnjährigen Blondinen, von weißen Chrysanthemen, Lieder, die sagen: „Merci, Chérie, es war schön, so schön.“

          Ein Anlauf von mehr als einem Jahrzehnt

          Dass es da aber doch einen Unterschied gibt, suggeriert der Titel des neuen Films: „Der Mann, der Udo Jürgens ist“. Er klingt fast nach einem Agententhriller, will aber wohl nur darauf aufmerksam machen, dass es sich bei „Udo Jürgens“ um eine 1956 erfundene Bühnenfigur handelt, während man hier nun auch den Menschen dahinter zu sehen bekommt, also Udo Jürgen Bockelmann.

          Und wie: Das Bild- und Filmmaterial, das hier von der Kindheit an zusammengetragen ist, zeigt den Weg eines Kärntner Buben, der aus musischer Familie stammt, seine musikalische Neigung aber gegen Widerstände durchsetzen muss; der als Musiker „erst mal nur Gebrauchtwaren angeboten bekommt“ (wie sein Manager sagt) und klingen soll wie Freddy Quinn oder Peter Alexander; der Jazz und Swing ausprobiert; der mehr als ein Jahrzehnt Anlauf benötigt, bis er seine Richtung findet und Erfolg hat: Jürgens möchte ein Chansonnier im Stile Jacques Brels oder Gilbert Bécauds sein, aber auf Deutsch.

          Am Klavier mit Gilbert Bécaud

          Als persönlichen Wendepunkt in der Skepsis des Bockelmann-Clans, der anfänglich die Nase über seine aus der Art schlagende Profession rümpft, schildert Jürgens das Umdenken eines Onkels in Hamburg, der nach einem Konzert begeistert zu ihm kam. Noch größer scheint sein Triumph, als er vor den eigenen Eltern mit den Berliner Philharmonikern spielt. Aus der Zeit des durchschlagenden Erfolgs hat der Film dann Szenen des jungen Mannes: im Bett mit Françoise Hardy. Dann, ganz toll: am Klavier mit Gilbert Bécaud, natürlich auch den Siegerauftritt beim Luxemburger Grand Prix 1966 mit dem Chérie-Lied.

          Man wird noch einmal daran erinnert, wie bekannt Udo Jürgens geworden ist, bis nach Amerika und Japan, in verschiedenen Sprachen singend und stets bella figura machend, und man erfährt, dass er auf den richtigen Text für eine Melodie, die dann seine bekannteste werden sollte, geschlagene zwei Jahre gewartet hat: „Griechischer Wein“ entstand aus einer Urlaubserfahrung, aber es sollte eben „auf keinen Fall ein Urlaubstext“ werden und wurde dann das pathetische Lied über die sehnsüchtig an die Heimat denkenden Gastarbeiter, auch wenn dieser Kontext bei der schunkelnden Rezeption bis heute oft in den Hintergrund tritt.

          Und leider auch im Hubschrauber

          Die fast schon ikonischen Bilder schließlich des schwitzend sich verausgabenden, im Bademantel Zugaben am gläsernen Konzertflügel gebenden Udo Jürgens lassen den Film von Hans-Bruno Kammertöns und Michael Wech vollends zur rosensträußigen Hommage werden, die gleichwohl einige Dornen hat: Aus jüngster Zeit sieht man einen Auftritt des Künstlers bei einer privaten Feier, bei der das Publikum etwas desinteressiert wirkt. Das kommt dem „Aber bitte mit Sahne!“-Interpreten aber nicht in die Tüte, also stellt Jürgens, der nun auch sein neues Werk „Mitten im Leben“ wieder mit einer Konzertreihe präsentiert, drohend klar: „Ich kann ohne Applaus leben, aber nicht auf der Bühne.“

          Ein Dokument des latenten Größenwahns ist dann auch die Filmaufnahme der absurd-fitzcarraldohaften Idee, Jürgens samt gläsernem Flügel per Hubschrauber vorbei an der Eiger-Nordwand auf den Gletscher zu fliegen, wo er einst bei minus siebzehn Grad im weißen Smoking als „Traumtänzer“ werbewirksam die Veröffentlichung eines neuen Albums zelebrierte. Sein Bruder Manfred versichert hingegen in immer wieder eingespielten Interviewschnipseln, dass Udo Jürgen Bockelmann auch ein ganz normaler Mensch der Ängste und Zweifel sei, der die Einsamkeit nach dem großen Auftritt fürchtet. Auch deswegen geht Udo Jürgens jetzt wohl wieder auf Tournee.

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