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TV-Kritik „Die dunklen Geschäfte der Welfen“ : Alter Adel, finstere Vergangenheit

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Teil des Welfenschatzes: Ein tragbarer Altar, hier im Berliner Bode-Museum. Bild: AP

In den Jahren des Nationalsozialismus und danach: Eine exzellente Dokumentation widmet sich dem Haus der Welfen und dem Skandal um ihren Schatz.

          Worte können zaubern. Zum Beispiel ein harmloser Satz wie dieser: „Man hat marktwirtschaftlich gedacht.“ Während Heinrich von Hannover ihn spricht, zeigt die Dokumentation „Adel ohne Skrupel. Die dunklen Geschäfte der Welfen“ ein Schriftstück von 1938, in dem das Wortungetüm „Betriebsentjudung“ steht. Beide Aussagen betreffen die „Arisierung“ von jüdischem Besitz während des „Dritten Reichs“; die eine macht aus dem Verbrechen ein Kavaliersdelikt des Kapitalismus. Die andere signalisiert Terror.

          In Letzteren war die Dynastie der Welfen verwickelt. Was Heinrich von Hannover anstelle des derzeitigen Familienoberhaupts Ernst August, der ein Interview verweigerte, marktwirtschaftlich nennt, ist der Erwerb eines Großunternehmens aus dem Besitz des jüdischen Österreichers Lothar Elbogen durch die Adelsfamilie. „Ich kann nicht glauben, dass Seine Durchlaucht die Intention hat, so einen Vertrag abzuschließen“, schreibt Elbogen aus der Zelle, in der ihn 1938 das NS-Regime gefangen hält, an seinen Anwalt. Der Mann, der Elbogens Unternehmen für knapp die Hälfte des tatsächlichen Werts kauft, ist Ernst August, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, der Großvater des heutigen Welfenchefs.

          Er habe die Verträge infolge „seelischer und körperlicher Torturen“ unterzeichnet, schreibt Lothar Elbogen wenig später. Erst als er sich bereit erklärt, dem Welfenhaus auch sämtliche auswärtige Firmenkonten zu überschreiben, wird er entlassen. Er flieht nach Jugoslawien, taucht nach dem Einmarsch der Deutschen unter, wird entdeckt und 1941 erschossen.

          Die Gaunerei um den Welfenschatz

          Im Jahr 1938 - zuvor hat man bei der österreichischen Porr AG die Aktien jüdischer Aktionäre, deren Wert sich bald darauf verdoppelte, zu Spottpreisen übernommen - kaufen die Welfen eine Maschinenfabrik im oberösterreichischen Wels; sie stellt Traktoren her. Die neuen Besitzer machen aus der Landmaschinenfabrik die Flugzeug- und Metallbauwerke Wels (FMW). Als nunmehrige Besitzer eines Rüstungsbetriebs beuten die Welfen Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge aus; bis 1945 steigt deren Zahl auf 45 Prozent aller Beschäftigten.

          Heinrich von Hannover auf die Frage, ob dies seinem Großvater und seinem Vater klar gewesen sei: „Ja, doch. Die wussten, dass man die russische Armee fernhalten muss, und da waren alle in Deutschland bereit, alles zu opfern, egal wie.“ Als ein solches „Egal wie“ zeigt sich auch die Verlegung der FMW in die Kleinstadt Gusen. Dort wurde unter Beteiligung der Porr AG in einem unterirdischen Stollensystem die Me 262 produziert, der erste Düsenjäger der Welt. Etwa 40 000 KZ-Häftlinge kamen dabei ums Leben. Was wiegt gegen dieses Grauen die Gaunerei um den Welfenschatz, die als Skandal des Jahres 1983 in Erinnerung ist? Bis heute besteht der Verdacht, dass der Sensationspreis von umgerechnet 17 Millionen Euro, den Bund und Länder bei Sotheby’s zahlten, um das Evangeliar Heinrichs des Löwen im Lande zu halten, durch Manipulationen der Welfen, seiner ursprünglichen Besitzer, zustande kam. Der Clan bestreitet, an preistreibenden Tricks beteiligt gewesen zu sein.

          In ihrer Dokumentation belegen Michael Wech und Thomas Schuhbauer, gestützt auf Recherchen von Historikern und die Aussagen Beteiligter, dass der Verdacht der Manipulation begründet ist. Beider größtes Verdienst aber ist, Licht ins Dunkel der jüngeren Welfengeschichte zu bringen. Und damit in unser aller Geschichte. Wer spricht nicht, wie Heinrich von Hannover, einerseits von den „schweinischen Gesetzen“ des NS-Regimes und gibt nicht im selben Moment der Versuchung nach, Greuel mit dem Hinweis auf die Panik von 1944 zu relativieren? Das macht diesen Dokumentarfilm so beklemmend.

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