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Treten und Trinken : Ein Glas Sancerre auf die Jungfrau Jeanne

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Der Meister des Senfs und des Essigs

Seit etwa zehn Jahren ist Orléans eine Stadt im Umbruch. Zwei neue Straßenbahnlinien wurden gebaut, in der Altstadt klopfte man den Putz vom Fachwerk aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert. Ein Parkdeck wurde zum Hochgarten, einstige Hinterhöfe verwandelten sich in lauschige Plätzchen mit Kopfsteinpflaster. Doch das Nebeneinander von Alt und Neu ist manchmal nicht unbedingt harmonisch, und dort, wo restauriert wurde, fehlt noch die Patina.

Ganz gewiss kein Problem mit Geschichtsträchtigkeit hat die Firma Martin Pouret, die seit 1797 ihren Sitz im Stadtteil Fleury hat und deren von wildem Wein bewachsene Mauern aus genau jener Zeit stammen könnten. Chef Jean-François Martin, den das Schild auf seinem weißen Kittel als „Maître Vinaigrier et Moutardier“ ausweist, führt auch gleich ins Allerheiligste. Die Tür geht auf, die Gäste treten in das dunkle Lager - und hasten rückwärts wieder hinaus. Der stechend scharfe Geruch jagt ihnen Tränen in die Augen und verätzt die Gurgel bis in die Lungen. Alle husten, Monsieur aber steht ungerührt zwischen seinen 500 alten Eichenfässern und erzählt, dass die Stadt einst deshalb 300 Essigproduzenten aufwies, weil man alle auf der Loire verschifften Weine, die schon gekippt waren, hier auslud. Der Nachschub versiegte also nie. Heute sorgt eine Dauertemperatur von 28 Grad für die Reifung, es gibt keine künstliche Fermentierung und Beschleunigung. Alle drei Wochen wird den Fässern Essig entnommen, die anschließend mit Wein wieder aufgefüllt werden. Dann erfolgt die Aromatisierung mit Kräutern oder Himbeersaftkonzentrat. Nebenan wird in einer hochmodernen Anlage Senf gemahlen und abgefüllt. Eineinhalb Millionen Gläser und Flaschen Senf und Essig verkauft die Firma pro Jahr, und natürlich muss immer wieder Neues ins Angebot: Ein Senf-Ketchup ist Monsieurs letzte Kreation, bald wird er Essig-Cocktails mit Vanille, Feige oder grünem Tee auf den Markt bringen.

Der Tag ist jung, noch bleibt Zeit für einen Fahrradabstecher nach Olivet, das an der Loiret liegt, einer eigenartigen Tochter der Loire. Sie entspringt im Blumengarten von Orléans in einer Karstquelle, die von unterirdisch zufließendem Loire-Wasser gespeist wird. Auf gerade einmal zwölf Kilometern stromert die Loiret allein dahin, ehe sie wieder zur Mutter zurückkehrt. Wohlhabende Pariser leisteten sich hier Sommerhäuser mit Wassergrundstücken, alte Mühlen säumen den Uferweg und natürlich auch das eine oder andere Lokal. „Le Pavillon Bleu“ mit seiner filigranen Holzveranda und den Pavillons über dem Wasser etwa strahlt die Atmosphäre elegant vertrödelter Sonntagnachmittage aus. Und was gibt es jetzt Schöneres, als ganz in dieser Sommerfrischelaune aufzugehen, sich an einer Lasagne aus schwarzem Rettich und geschmortem Ochsenbäckchen zu delektieren und in aller Gelassenheit eine Flasche Sancerre zu leeren.

Mit dem Fahrrad immer die Loire entlang

Loire-Radweg: Alle praktischen Informationen über den Radweg von Fahrradverleih über Gepäcktransport und Übernachtungen bis zu Sehenswürdigkeiten gibt es im Internet unter www.loireradweg.org. Online findet man auch Auskünfte über das Marinemuseum (www.musee-2-marines.com), die Feiern zum Jean d’Arc-Jubiläum (www.fetesjeannedarc.fr), über Loire-Weine generell (www.vins-centre-loire.com), den Pavillon Bleu (www.lepavillonbleu-restaurant.com) und das Schloss Sully (www.sully-sur-loire.fr). - Information: Touristische Auskünfte über Orléans gibt es unter www.tourisme-orleans.com und über Sancerre unter www.ville-sancerre.com. Allgemeine Auskünfte: Atout France, Postfach 100128, 60001 Frankfurt, www.rendezvousenfrance.com.

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