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Treten und Trinken : Ein Glas Sancerre auf die Jungfrau Jeanne

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Ein Mann namens Elie Brachenhoffer, der 1643 durch Frankreich reiste und ein Buch darüber schrieb, bestätigt darin den schlechten Ruf der Schiffer: Nie gleich zahlen, empfiehlt er den Passagieren. Und: Den Jungs nichts zu trinken geben! Denn dem „trügerischen, unverlässlichen, betrügerischen Volk der Schiffer“ könne man einfach nicht über den Weg trauen. Ihr Handwerk freilich müssen sie beherrscht haben. Denn der Fluss, der seinen Lauf Jahr für Jahr änderte, mal hier versandete, dort neue Wirbel und Stromschnellen bildete, war nie leicht zu befahren. Flache Boote waren nötig und große Ruder, und immer wieder musste die Fahrrinne mit dem Sandpflug neu vertieft werden. Seide aus Tours, Schiefer aus Anjou, Kohle aus dem Zentralmassiv wurden über den Fluss transportiert, später auch Zucker und Tabak von den Antillen. Als die Dampfschiffe aufkamen, explodierte schon einmal der eine oder andere Kessel. „Les Inexposibles“ nannte eine Firma deshalb ihre Linie vorbeugend. Der Nachbau eines solchen Raddampfers liegt heute in Orléans.

Meteorologische Abwechslung auf dem Damm

Als im neunzehnten Jahrhundert das Straßennnetz dichter wurde, kam die Loire-Schifffahrt zum Erliegen. Die Kerle mit den Ohrringen, den Angelhütten auf dem Boot und den Treidelgurten, die die Fotos im Museum so eindrücklich zeigen, verschwanden nach und nach. Heute bauen Vereine die alten Kähne nach. Beim Festival de Loire, das alle zwei Jahre in Orléans stattfindet, zieht eine stolze Parade kopierter Veteranen an den Besuchern vorbei.

Immer auf dem Damm geht es am Fluss entlang Richtung Westen. Enten steigen auf, Wolken ziehen über einen weiten Himmel, der Wind treibt Schauer übers Wasser. An einem einzigen Nachmittag wechselt die meteorologische Kulisse mehrere Male. Heftiger Gegenwind bringt die Räder fast zum Stehen. Kurze Frühlingssonnen-Intermezzi lassen den Schweiß ausbrechen. Böen von hinten erzeugen Zwischen-Euphorie. Regen, hart wie Hagelkörner, prasselt fast waagrecht gegen Gesicht und Helm. Und immer wieder kommen Vögel ins Bild: Auf einer der Inseln krakeelen Tausende von Seeschwalben, Störche staken durch die Auen, ein Reiher lauert, zur grauen Statue erstarrt, auf Beute.

Jeanne als Heldin und Werbeikone

Reihen mit Scheinzypressen und Buchsbaum und Gewächshäuser voller Geranien und Petunien kündigen die Ausläufer von Orléans an. Die Stadt ist bekannt für ihre Baumschulen und Gärtnereien - aber natürlich noch mehr für „die Jungfrau“. In diesem Jahr wird der sechshundertste Geburtstag der Jeanne d’Arc gefeiert, auch wenn sich das Geburtsjahr nicht so recht belegen lässt. Das Maison de Jeanne d’Arc, ein 1961 erstellter Nachbau des Hauses, in dem sich die junge Frau 1429 aufhielt, ist eben noch rechtzeitig umgestaltet worden. Eine Zeittafel, ein Film und eine Bibliothek dokumentieren darin die Stationen ihres Lebens und alle, wofür sie im Lauf der folgenden sechs Jahrhunderte herhalten musste: Als Heldin unzähliger Filme, Romane und Lieder diente sie, als Galionsfigur für Nationalisten, Freiheitskämpfer, Feministinnen und Katholiken gleichermaßen und nicht zuletzt als Werbeikone für Käse, Wein und französische Lebensart.

In der Kathedrale Sainte-Croix zeigen zehn bunte Glasfenster aus dem neunzehnten Jahrhundert, wie das Bauernmädchen aus Lothringen den Stimmen in seinem Kopf gehorchte, am 8. Mai 1429 mit der französischen Armee das von den Engländern belagerte Orléans befreite, ohne Rückhalt des Königs weiterkämpfte, schließlich gefangengenommen und am 30. Mai 1431 in Rouen verbrannt wurde. Die anschließende Entdeckertour in der Stadt wird zum Suchspiel nach Bildern und Statuen der Heiligen. Fündig wird man zum Beispiel auf der Place du Martroi und in der Kapelle Nôtre-Dame-des-Miracles, am alten Rathaus, im Historischen Museum, in den Foyers von Hotels, in den Fenstern der Chocolatiers, und das ist längst noch nicht alles.

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