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Treten und Trinken : Ein Glas Sancerre auf die Jungfrau Jeanne

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Nordwestlich von Sancerre wird der Fluss breiter und gesitteter, königlich erhaben fast. Denn in Sully-sur-Loire wartet das erste der zwanzig großen Schlösser, die noch kommen und zu besichtigen sind -- nicht zu reden von den vielen kleinen in Privatbesitz. Von hier an ist das Loiretal auf einer Länge von 280 Kilometern Unesco-Weltkulturerbe. Das Schloss von Sully stammt aus dem vierzehnten Jahrhundert und ist das einzige, gut erhaltene aus jener Zeit. Die geflügelten Fußbälle, die Simse und Kamine zieren, sind in Wirklichkeit flammende Kanonenkugeln. Sie weisen auf den bekanntesten Hausherrn hin, Maximilien de Béthune, der damit stolz seinen Rang als „Oberhaupt der französischen Artillerie“ kundtat. Der enge Freund des Königs Henry IV. kaufte das Schloss 1602, vierhundert Jahre lang blieb es im Besitz der Familie. Und es weist viele Elemente auf, die sowohl eine Burg als auch ein Schloss ausmachen: Burgfried, Wehrgang, Prunksaal, prächtige Schlaf- und Empfangszimmer. Vor den Wandbehängen, die die Geschichte der schönen Psyche und der eifersüchtigen Venus erzählen, lernt der Besucher, dass Gobelin nicht etwa ein Sammelbegriff für Tapisserie ist, sondern nur für Wandteppiche gilt, die in der Gobelin-Manufaktur in Paris angefertigt wurden. Und auf dem Dachboden staunt er mit offenem Mund: Wie Spanten eines umgedrehten Schiffsrumpfs ragen die gebogenen, 600 Jahre alten Eichenbalken hoch und treffen sich fünfzehn Meter weiter oben spitz im Halbdunkel.

Jahrtausende steingewordener Geschichte

Jetzt reihen sich immer mehr Prachtstücke französischer Kultur aneinander, alle paar Kilometer könnte man vom Rad steigen. Durch die romanischen Bögen des nach drei Seiten offenen Portalturms der Abtei von Fleury jagt der Wind so harsch, als ärgere er sich seit fast tausend Jahren, dass er dem Stein nichts anhaben kann. Schon seit Anfang des siebten Jahrhunderts steht hier ein Benediktinerkloster, 672 holten die Mönche aus Montecassino in Italien die Überreste ihres Ordensgründers hierher, ein Relief über dem Nordportal erinnert daran. Ein Teil der Reliquien liegt immer noch in der Krypta, und es ist gut vorstellbar, welch besondere Atmosphäre dort unten herrscht, wenn abends vierzig Mönche im Licht von Kerzen ihre Vesper singen.

Es versteht sich, dass man auch dem nahen Oratorium von Germigny-des-Prés einen kurzen Besuch abstattet. Die kreuzförmige Kapelle stammt aus der Epoche Karls des Großen und wurde für einen seiner Berater gebaut. Das byzanthinische Mosaik, ebenfalls zu dieser Zeit zusammengesetzt, zeigt die Bundeslade mit vier Engeln, ein ins Bild gesetzter Übergang vom Alten zum Neuen Testament. Es sind 1200 Jahre steingewordener Geschichte, über die man am besten bei einem Glas Châateaumeillant in aller Ruhe nachdenkt.

Der Klosterpapagei singt Sauflieder

Danach geht es zurück zur Loire, die der Radweg kurz verlassen hat. Ein Fluss ist immer auch eine Verkehrsader, das zeigt sehr anschaulich das Musée de la marine in Châteauneuf-sur-Loire. Und diese Flussschiffer müssen rauhe Kerle gewesen sein, davon konnten auch die Nonnen in von Orléans ein Lied singen: Einmal schickten sie einen Papagei, der trefflich fromme Choräle zu krächzen verstand, per Boot zu ihren Ordensschwestern nach Nantes, damit auch die sich am Wundervogel erfreuten. Doch als der gefiederte Musikant dort eintraf und den Schnabel auftat, kamen nur noch Sauflieder und obszöne Flüche heraus.

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