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Umstrittene Medikamente : Treiben Antidepressiva Jugendliche in den Tod?

  • -Aktualisiert am

Depression im Kino: „Sweet Mud“ mit Dvirs (Tomer Steinhof) und Mutter Miri (Ronit Yudkevitch). Bild: dpa

Eine Harvard-Studie schürt Angst: Werden Suizidgedanken bei Kindern und Jugendlichen durch moderne Antidepressiva erst ausgelöst? Hinweise gibt es, doch andere Psychiater warnen vor eiligen Schlüssen.

          Depressionen treiben Menschen in den Suizid - dennoch können auch Medikamente, die als Antidepressiva die Stimmung heben, die Suizidgefahr erhöhen. Dass dies bei Kindern und Jugendlichen geschieht, die mit hohen Dosen sogenannter Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) behandelt werden, rüttelt umso mehr auf. Eine Studie der Arbeitsgruppe um Matthew Miller von der Harvard Medical School in Boston kommt zu dem Ergebnis, dass besonders die jungen Patienten unter den Depressiven doppelt so häufig Gefahr laufen, ihrem Leben ein Ende zu setzen, wenn sie hochdosiert mit solchen Mitteln gegen ihre Depressionen behandelt werden („Jama Internal Medicine“, doi: 10.1001/jamainternmed. 2014.1053).

          Die Forscher haben für ihre Untersuchung Daten von 162 625 depressiven Patienten ausgewertet, die Behandlungen reichen bis in das Jahr 1998 zurück. Die erhöhte Suizidgefahr wurde für die Gruppe der zehn bis vierundzwanzig Jahre alten Patienten festgestellt. Jenseits dieser Altersgruppe geben die Zahlen Entwarnung. Untersucht wurden die drei SSRI-Vertreter Fluoxetin, Citalopram und Sertralin. Die Theorie dahinter: Antidepressiva vom SSRI-Typ könnten Unruhe hervorrufen und die Antriebslosigkeit bei einer Depression aufheben, bevor das Stimmungstief behoben ist - der Depressive würde so erst durch das Antidepressivum in die Lage versetzt, seine Suizidgedanken in die Tat umzusetzen.

          Das Gefühl der Überforderung kann ein Symptom sein

          Bevor nun Eltern und Kinder angesichts solcher Meldungen grundlos und in Panik eine antidepressive Therapie beenden, gilt es, die Wertigkeit dieser Ergebnisse im Kontext zu deuten. Achtzehn Prozent der Studienteilnehmer haben zu Beginn der Therapie schon entgegen den Leitlinienempfehlungen eine zu hohe Dosis der Antidepressiva erhalten, heißt es in einem kritischen Kommentar zur Studie, der in der gleichen Zeitschrift erschienen ist (doi: 10.1001/jamainternmed. 2013.14016). Selbst die für die amerikanischen Kollegen als „moderat“ angegebene Dosis ist hiesigen Psychiatern für den Therapiebeginn oft noch zu hoch, hält der Mediziner Ulrich Leutgeb außerdem fest.

          Er behandelt als niedergelassener Psychiater seit mehr als zwanzig Jahren in seiner Schwerpunktpraxis nahe Bayreuth depressive Patienten und hat kürzlich einen praktischen Ratgeber zum Thema veröffentlicht. „Schon um zu verhindern, dass die Patienten die Therapie wegen der Nebenwirkungen bei hoher Dosis von sich aus abbrechen, beginnt man besser mit der Hälfte dieser Mengen“, beschreibt er sein Vorgehen. Außerdem waren diese drei hier untersuchten Antidepressiva - zusammen mit Paroxetin - zwar vor rund zwanzig Jahren und damit zum Beginn des Untersuchungszeitraums die Antidepressiva der ersten Wahl. „Aber inzwischen ist längst klar, dass sie bei schweren Depressionen nicht so effektiv sind - und dass es auch wenig nützlich ist, die Dosis zu erhöhen, wenn der Patient nicht darauf anspricht.“ Genau das geben auch die Studienautoren und der Kommentator zu bedenken und raten daher bei jungen Patienten zu einem vorsichtigen Beginn mit niedriger Dosierung.

          Der Bayreuther Psychiater Leutgeb möchte die Therapie jedoch eher nach ihrem Schweregrad differenziert behandelt sehen: „Bei jungen Studenten, von denen ich viele hier am Rande einer Universitätsstadt therapiere, sind Schlafstörungen häufig ein Kernsymptom der Depression. Das von Beginn an beruhigend wirkende, trizyklische Antidepressivum Amitriptylin ist meiner Ansicht nach bisher in seiner Effektivität nicht überboten, vor allem nicht von SSRI.“

          Bei leichten Depressionen gerät man jedoch bei den jungen Menschen in ein Dilemma. Hier wären die SSRI zwar wirksam. Und viele erwachsene Patienten bevorzugen die rasch eintretende Aufhellung ihrer Stimmung im Vergleich zu einer abwartenden Haltung. „Aber die Jugendlichen wünschen sich eher eine Psychotherapie“, berichtet der Psychiater aus seiner Erfahrung, „weil sie befürchten, dass die Medikation ihre Fähigkeit beschneidet, sich selbst aus dem Tief herauszubefördern.“ Wenn aber doch Antidepressiva zum Einsatz kämen, verhindere die engmaschige Betreuung und Dosisanpassung Suizidhandlungen zuverlässig, so Leutgeb. Die inadäquat behandelte Depression sei hier die viel größere Gefahr.

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