https://www.faz.net/-1v0-70pma

„Tiny Kushner“ in Mannheim : Treffen sich zwei Analytiker auf dem Mond

  • -Aktualisiert am

Gespreizt: Michaela Klamminger und Sven Prietz in Mannheim Bild: Christian Kleiner

Ist amerikanische Psychopolitik für den Tages-, Haus- und Kabarettgebrauch auf Europa übertragbar? Das Mannheimer Theater versucht’s mit Tony Kushners „Tiny Kushner“.

          3 Min.

          Ein psychisch gestörter Politiker, schreibt Alfred Hutschnecker 1975 in seinem Buch „Psychopolitik“, könne „mit einer einzigen falschen Entscheidung tausendmal mehr Menschen töten als ein Arzt je in seinem Leben heilen“. Der österreichische Psychiater forderte darum einen psychologischen Betreuer für alle Staatsmänner. Mit Richard Nixon hatte er allerdings nicht mehr Erfolg als Platon beim Tyrannen von Syracus.

          “Dr. Arnold A. Hutschnecker im Paradies“ ist eines von fünf Dramoletten, die Tony Kushner zu verschiedenen Anlässen geschrieben und 2009 in „Tiny Kushner“ versammelt hat. Innere Zusammenhänge sind nicht ersichtlich, außer einem: Alle Minidramen gehören im weitesten Sinne zu Kushners Psychopolitik. „Tiny Kushner“ ist so etwas wie der Versuch, amerikanische Neurosen von der Staatsphobie der Tea Party bis zum antieuropäischen Ressentiment in freien Assoziationen zur Sprache zu bringen. „Tiny Kushner“ klingt nach scharf gewürzten Snacks, ist aber leichtverderbliches Fastfood. Kushner serviert sonst ja gern epische Sonntagsbraten wie „Angels in America“ oder „Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus“, den Burkhard C. Kosminski erst kürzlich in Mannheim weichkochte. Robert Teufel und Nicole Schneiderbauer brauchen tatsächlich nur neunzig Minuten, um die fünf Einakter halbgar zu machen, aber sie müssen dem Tempo hohen Tribut zollen: Alle Ansätze zur Vertiefung der Figuren werden schrill und laut wegtherapiert.

          Ein Minidrama

          So richtig winzig kann es Kushner natürlich nicht machen: Noch in seinen kleinsten Gelegenheitsarbeiten misst er seine Kräfte an großen Männern wie Shakespeare, Nixon und George W. Bush. Immerhin gehört Laura Bushs Versuch, beim Vorlesen in der Grundschule toten irakischen Kindern Dostojewskis Geschichte vom Großinquisitor und die Kriegsideologie ihres Gatten näherzubringen, noch zu den besseren Stückchen. Martin Aselmanns First Lady strotzt vor christlich-fundamentalistischer Hilflosigkeit, behält aber immerhin noch einen Rest von Würde und Glaubwürdigkeit: „Der Kuss brennt in meinem Herzen, aber ich bleibe bei meiner Idee.“

          Das kann man vom Rest des Abends nicht unbedingt behaupten. Hutschneckers Paradies-Monolog ist ein fader Analytikerwitz: Nixons Psychiater wird noch postum von den Mutterkomplexen seines Patienten in eine schwere Identitätskrise gestürzt. Woody Allen hätte aus dem Fall mehr gemacht, und das gilt erst recht für die zweite Psychoanalytikerposse mit dem länglichen Titel „Zu Ende kommen oder Sonett LXXV oder ,Lass meine Schmerzen nicht verloren sein’ oder Ambivalenz“. Das Minidrama um schwule und lesbische Therapeuten, Übertragung und Gegenübertragung versammelt fast alle Motive des „Intelligent Homosexual’s Guide“, inklusive Strichern, Wunschkindern und Samenspendern. Aber die „Ambivalenz der Seele“ verläppert sich ziemlich rasch in Lebensweisheiten wie „Bring dich nicht um, arbeite und komm jeden Abend nach Hause“.

          Das nie produzierte Drehbuch

          Noch dürftiger ist „Flip Flop Fly!“, der auf dem Mond angesiedelte Dialog zwischen der Schlagerkönigin Lucia Pamela und Geraldine, der Exkönigin von Albanien. Michaela Klamminger gibt die naive Showbiz-Betriebsnudel, Sven Prietz stöckelt als versnobte, alteuropäisch hochmütige Monarchin durch eine Mondlandschaft, aber das Stück, wie der Hutschnecker-Monolog aus Nachrufen für die „New York Times“ hervorgegangen, erschöpft sich im witzlosen Herunterbeten von biographischen Fakten und transatlantischen Vorurteilen.

          Kushners Einakter funktionieren allenfalls auf der politischen Bühne Amerikas, als Kabarett oder Straßentheater (die Bush-Satire ist zum Gebrauch bei Antikriegsdemos freigegeben) für den Haus- und Tagesgebrauch. „Ostküstenode an Howard Jarvis“ etwa basiert auf einem historischen Fall: Ideologisch inspiriert von den kruden Verschwörungstheorien eines inhaftierten Neonazis und Thoreaus Staatskritik, traten New Yorker Polizisten in den neunziger Jahren in einen Steuerstreik. Robert Teufel inszeniert das fürs Fernsehen geschriebene, aber zu Recht nie produzierte Drehbuch als Dokudrama mit harten, schnellen Schnitten und psychedelisch flackerndem Wahnsinn.

          Die Tücken einer Einkommensteuererklärung mögen universell sein, aber der Hass auf das „zionistische Besatzungsregime“ in Washington ist doch ziemlich speziell amerikanisch. Hierzulande gibt es einfachere Mittel und Wege des Steuerbetrugs. Und so viele kleine und große Stücke aus heimischer Produktion, dass man sich den Import derartiger Winzigkeiten mit abgelaufenem Verfallsdatum sparen kann.

          Topmeldungen

          Ein Soldat des libanesischen Militärs schaut auf den Ort der Explosion in Beiruts Hafen

          Libanon : Mehr als 70 Tote und 3000 Verletzte bei Explosion in Beirut

          Der Libanon steckt derzeit in einer seiner schwersten Krisen seit Jahrzehnten. Mitten in diesen politischen Turbulenzen kommt es am Hafen von Beirut zu einer gewaltigen Explosion. Verantwortlich gewesen sein könnte eine Lagerhalle mit Ammoniumnitrat sein.
          SPD-Politiker Kevin Kühnert

          SPD-Führung : Kühnert auf dem Weg

          Kevin Kühnerts Ziel, der Bundestag, ist der beste Weg, um die SPD-Führung weiter rutschen zu lassen. In wessen Richtung? Dumme Frage.
          Noch eine reine Idylle, soll sie bald für den nächsten „Mission: Impossible“-Teil von Tom Cruise in die Luft gesprengt werden: Die majestätisch in dreißig Metern Höhe über den Bober schwingende Stahlfachwerkbrücke des Ingenieurs Otto Intze von 1905.

          Cruise bedroht Brücke : Was die Wehrmacht nicht schaffte

          Mission: Unmöglich! Tom Cruise will für seinen neuen Film eines der schönsten Brückenmonumente Polens sprengen. Wenn er damit durchkommt, wäre das ein Skandal.