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Hirnstimulation gegen Depression : Hilfreicher Strom

Depression ist das Dunkel. Bild: picture alliance / dpa

Ein Hirnschrittmacher kann für schwer depressive Menschen die Ultima ratio sein. Die bisherigen Erfahrungen zeigen das. Und die Befunde über Elektroden im „Euphorie“-Schaltkreis des Gehirns wecken neue Hoffnungen.

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          So aussichtslos, wie die Situation für schwer depressive Menschen scheint, die nicht mehr auf Tabletten, Psychotherapie oder Elektrokrampftherapie ansprechen, muss es nicht immer sein. Zumindest dann nicht, wenn man sich mit Elektroden im Gehirn und Drähten im Körper anfreunden kann. Die Tiefe Hirnstimulation, bekannt vor allem als chirurgische Therapieoption bei Parkinson-Patienten, die mit Elektroden und Hirnschrittmacher arbeitet, ist zwar längst noch keine Routine; und die Zahl der so behandelten Patienten liegt immer noch bei rund 140 - was dafür spricht, dass man seit den ersten Implantationen bei Patienten im Jahr 2005 immer noch recht zurückhaltend vorgeht. Aber eines ist inzwischen deutlich geworden, wie Thomas Schläpfer und Sarah Kayser von der Universität Bonn in der Zeitschrift „Klinische Neurophysiologie“ schreiben: „Die Ergebnisse sind im Hinblick auf die extreme Therapieresistenz der bisher untersuchten Patienten eindrücklich.“

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Bei der Tiefen Hirnstimulation werden dem Patienten hauchdünne Elektroden in bestimmte Hirnareale sowie ein über Kabel verbundener Impulsgeber in die Brust oder den Bauch implantiert. Die Hirnbereiche werden auf Bedarf mit leichten Stromstößen gereizt. Sieben unterschiedliche Areale, die Emotionen verarbeiten, haben sich in den vergangenen Jahrzehnten als aussichtsreiche Zielregionen herauskristallisiert. Alle sind inzwischen getestet worden. Insgesamt liegt demnach der Anteil der Patienten, die auf den Hirnschrittmacher ansprechen, zwischen 21 und 71 Prozent, wobei viele Patienten umso besser ansprechen, je länger die Behandlung dauert. Am vielversprechendsten scheint den Bonner Forschern dabei offenbar die Zielregion, die als supero-lateraler Bereich des medialen Vorderhirnbündels bekannt ist - eine Art Zentralregion für die Verarbeitung von Emotionen. Vor vier Jahren hatten die Bonner Neurochirurgen am Universitätsklinikum den „Euphorie-Schaltkreis“ im medialen Vorderhirnbündel beschrieben. Es ist eine Art Kabelstrang, der vom tiefliegenden Hirnstamm bis zur Hirnrinde hinter der Stirn reicht und die verschiedenen emotionalen Hirnzentren miteinander verbindet.

          Bei der Tiefen Hirnstimulation werden feine Elektroden in die zu behandelnden Hirnareale implantiert.

          Vor fünfzig Jahren haben die beiden Psychologen James Olds und Peter Milner bereits Elektroden in dieses Vorderhirnbündel implantiert, allerdings nur bei Ratten. Per Tastendruck konnten die Tiere das Hirnareal reizen. Tatsächlich löste das bei ihnen dann offenbar ein derartiges Hochgefühl aus, dass sie dabei sogar das Fressen vergaßen. Das Vorderhirnbündel blieb beim Menschen allerdings jahrzehntelang unerkannt. Das hat sich mit den Arbeiten in Bonn geändert. Inzwischen sind bei sieben Patienten ebenfalls Elektroden an dieser Stelle implantiert und getestet worden. Sechs Patienten sprachen schon wenige Tage nach Beginn der Hirnstimulation an, sie spürten zum ersten Mal seit vielen Jahren deutliche Verbesserungen, ihre extremen Stimmungstiefs waren per Hirnschrittmacher plötzlich wie weggeblasen - in einigen Fällen nach zwanzig Jahren erfolgloser Depressionstherapieversuche.

          Noch ist es allerdings zu früh und die Zahl der Patienten zu klein, um eindeutige Aussagen über den Therapieerfolg machen zu können. Das geben auch die Bonner Forscher zu bedenken. Zudem fehlen bisher vor allem kontrollierte klinische Studien. Von den Sinnkrisen, Beziehungsproblemen und „Anpassungsstörungen“, unter den die oft jahrzehntelang depressiven Patienten leiden, kann die Tiefenhirnstimulation aber auch nicht vollständig befreien. Und bei vielen geht der Eingriff ins Gehirn auch nicht spurlos vorüber: „Eine solche Behandlung stellt immer einen bedeutenden Einschnitt in alle Lebensbereiche dar“, schreiben die beiden Bonner Mediziner. Dazu gehören auch mitunter Nebenwirkungen: Bewegungsstörungen oder Angstzustände etwa. Ein Vorteil der Hirnstimulation ist, dass sie zumindest mit anderen Therapien - etwa mit Tabletten - offenbar problemlos kombiniert werden kann.

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