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Thomas Bayrle bei der Documenta : Maschinenrhythmus und Meditation

Die Documenta 13 ist vom 9. Juni an in Kassel öffentlich zugänglich. Der Frankfurter Künstler und frühere Städelschulprofessor Thomas Bayrle hat dort einen großen Auftritt.

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          Carolyn Christov-Bakargiev ist schon 2008 bei der Biennale in Sydney, deren Chefin sie war, auf ihn zugekommen. Als sie bald danach zur Leiterin der Documenta 13 berufen wurde, stellte sich schnell heraus, dass er zu ihren Favoriten gehörte. Es war eine Sache von zwei, drei Kontakten. Dann stand fest: Thomas Bayrle würde die größte Einzelpräsentation bekommen, die es jemals in der Documenta-Halle auf der Kasseler Weltkunstschau gegeben hat.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          30 Jahre, von 1972 bis 2002, lehrte er an der Städelschule. Nun zeigt er in der nordhessischen Großstadt, die vom 9. Juni an wieder hundert Tage lang zur internationalen Kunstmetropole mutiert, eine Reihe von Arbeiten zum Thema Maschine. Das ist nicht völlig neu im Werk des 1937 geborenen, in den sechziger Jahren als deutscher Pop-Artist bekannt gewordenen Erforschers der industriellen Ästhetik. Aber er hat vor etwa drei Jahren damit begonnen, etwas zusammenzudenken, das er so noch nicht künstlerisch formuliert hat: den Rhythmus der Maschinen und die religiöse Meditation. Dieses Konzept hat er nun auf einer großen Fläche verwirklichen können.

          Monumentales Papprelief

          “So toll hatte ich es noch nie, außer in Barcelona, wo es die erste Retrospektive gab“, sagt er. „Das ist ein außergewöhnliches Vertrauen, das ich genieße.“ Das acht mal 25 Meter messende Papprelief „Carmageddon“ ist eigens für die Documenta entstanden. Auch ältere Werke, etwa das Flugzeug aus anderthalb Millionen kleinen Fliegern, sind Teil der Ausstellung in der Ausstellung. Und dann sind da die neueren Arbeiten, in denen er Motoren mit Rosenkranzgebeten kombinierte. Bayrle hat sich zusammen mit seinem Bruder Peter drei Jahre lang in Autobetrieben und Kirchen umgeschaut und umgehört, Motoren und Auspuffrohre gesammelt und Gebete aufgenommen. Alles in Frankfurt. Das sei eine Art Heimataufbereitung gewesen. „Mein Bruder war 40 Jahre lang bei BMW und hat einen schönen kleinen Betrieb aufgetan in einem Nest zwischen München und Passau, und dort haben sie die ganzen Motoren freigelegt.“

          Meditation und Repetition, Arbeit und Gebet, der Gleichklang von Mensch und Maschine: Schon 1957 habe er, erzählt Bayrle, in einer Großweberei gearbeitet, „in der die Maschinen einen Höllenkrach machten und man nur mit dem Rhythmus dieser Maschinen gehen konnte“. Das mache jeder Arbeiter so. Und auch die Millionen, die in einem Auto sitzen. „Und dann ist mir der Rosenkranz eingefallen, das Langweilige, Monotone. Die Arbeitswelt auf der unteren Produktionsebene ist nur in Trance zu überleben.“ In dieser Trance vereinten sich die psychischen und physischen Realitäten: „Es fließt wie eine Art Matsch zusammen.“ Er habe sich jahrelang gefragt, ob er das einmal zum Ausdruck bringen könne. Jetzt ist es ihm gelungen.

          150 Künstler aus 55 Ländern

          “Das Innere von Motoren“, findet Bayrle, „ähnelt der Großartigkeit von Kathedralen, weil die absolute Effizienz, die in solch einer Maschine herrscht, ebenso großartig ist wie ein gotisches Kirchenschiff.“ Seine Arbeiten seien nicht mehr als Kritik zu verstehen, sondern als Wunsch, dass sich diese Dinge vereinen. „Ich habe mich theoretisch mit dem Mönchstum befasst.“ In den Klöstern sei die Erkenntnis gediehen, dass Beten und Arbeiten zusammengehörten: Ora et labora. „Ich bewege mich an der Grenze, wo sich Massenkonsum und Meditation treffen müssen, um wieder größere Zusammenhänge herzustellen. Das ist der Grund, warum ich jetzt diese Maschinen zeige. Ich bin nicht im Geringsten gegen Massenproduktion und Konsumtion.“

          Zur Documenta vor fünf Jahren waren mehr als 750.000 Besucher nach Kassel gekommen. Ein ähnlicher Ansturm ist auch in diesem Jahr zu erwarten. 150 Künstler aus 55 Ländern sind vertreten. Ganz Kassel wird zum Gesamtkunstwerk. Die Leiterin empfiehlt flaches Schuhwerk für den Kunst-Marathon. Geht es da um viel mehr als ums Konsumieren? „Es ist enorm viel Potential in jedem Gehirn“, sagt Bayrle. „Und es ist schon viel gewonnen, wenn dieses Potential nur ein wenig vitalisiert wird.“ Wer zur Documenta gehe, bringe eine gewisse Bereitschaft mit, etwas zu sehen oder zu lernen, „das kann schon produktiv sein“. Er sei sicher, dass der Mensch lernen könne und auch müsse. Und dass er entwicklungsfähig sei. „Sonst wäre ich nicht so lange Lehrer an einer Kunsthochschule gewesen.“

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