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Vespa PX 125 : Vollkommen von gestern

Der Charme wirkt weiter: Vespa PX 125, Baujahr 2011, heute so italienisch wie damals Bild: Walter Wille

Grundgesetz, Artikel 1: Die Würde der Vespa ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller Verkehrsteilnehmer. Unterwegs mit der „neuen“ PX 125.

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          Es macht pötpötpötpöt. Einschüchternde Leistung klingt anders. Und wenn man herausholt, was herauszuholen ist aus einem zweitaktenden Fossil mit 123 Kubikzentimeter Hubraum, das der Piaggio-Konzern auf geheimnisvolle Weise über geltende Euro-3-Zulassungshürden gehievt hat, um den Preis eines beträchtlichen Teils der früher vorhandenen Leistung, dann macht es bööööh und rööööh und tröööh.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Den meisten Leuten zaubert das ein Lächeln ins Gesicht. Passanten schauen wohlwollend. Alle mögen die PX, ihre Blechkarosserie, die putzige Vorderradführung über eine Kurzschwinge, jeder findet das sympathisch. Noch der letzte Käse wird heute zum Kult verklärt, aber diese Vespa, die Vespa schlechthin, seit 1977 mehr drei Millionen Mal gebaut, ist wirklich ein Klassiker. Die Vespa PX 125 präsentiert ihre veraltete Technik mit einer Würde, die unantastbar und einem Liebreiz, der unvergänglich ist.

          Unpraktisch, aber unverzichtbar: Schaltung am Lenker
          Unpraktisch, aber unverzichtbar: Schaltung am Lenker : Bild: Hersteller

          Dem Liebreiz und dem Vorgang des Kaltstarts fügt sie gelegentlich ein blaugraues Wölkchen Dramatik hinzu. Piaggio, der Roller-Riese aus der Toskana, baut längst moderne Vespa-Typen in großer Zahl: mit leisen, sauberen Viertaktmotoren und praktischer automatischer Kraftübertragung. Für Puristen allerdings muss es die plärrende PX sein. Die hat zwar keinen Stauraum unterm Sitz, dafür aber ein Ersatzrad unter der linken Po-Backe, außerdem nicht nur einen elektrischen, sondern auch einen Kickstarter, Benzinhahn, Choke, Schauglas fürs Zweitaktöl, Fußbremspedal und - ganz wichtig - Viergang-Handschaltung. Die Schaltwege sind weit, es ruckt, man trifft nicht immer, was man sucht, bekommt im Laufe der Zeit eine Sehnenscheidenentzündung am linken Arm, doch auch das gute Gefühl, ein Handwerk auszuüben, das kaum noch jemand versteht.

          Geradeauslauf bei höheren Geschwindigkeiten nervös

          Es ist, als würden sie bei Fiat außer dem neuen 500er zugleich den alten anbieten, bei Apple parallel zum iPod Kassettenrekorder verkaufen. Am Vespa-Cockpit mit mechanischem Kilometerzähler, Tacho- und Tanknadel ist die digitale Welt spurlos abgeprallt. Gut so, man vermisst nichts. Was man an der heutigen PX vermisst, ist Leistung. Die 125er-Führerscheinklasse lässt Spielraum bis 11 kW (15 PS), die Vespa bringt es gerade noch auf 4,8 (6,5 PS), verlangt jedoch 3,7 Liter auf 100 Kilometer. Tacho 90 erreicht man mit langem Anlauf, aber nur ohne Steigung oder Gegenwind. Beides zusammen wirkt wie das Werfen eines Ankers. Ans Überholen von Lastwagen ist außerhalb von Ortschaften nicht zu denken, im Gegenteil, die werden in den zitternden Rückspiegeln immer größer. Ziehen sie vorbei, flattert die Vespa in ihren Windverwirbelungen. Ohnehin ist der Geradeauslauf bei höheren Geschwindigkeiten nervös.

          Das ist die Kehrseite der extremen Agilität. Kippelige 10-Zoll-Räder, kurzer Radstand, geringes Gewicht, ein Wendekreis wie ein Kanaldeckel - das ergibt hohe Kampfkraft in der Stadt. Dennoch verspürt man wegen des schlappen Antritts Hemmungen, sich an stehenden Autokolonnen vorbei nach vorn zu mogeln. Beim Ampelstart - Kupplung ziehen, zum Gangeinlegen Handgelenk verdrehen, einkuppeln, Anfahrschwäche - kann jedes verquollene SUV zum Problem werden. An die "Alles oder nichts"-Arbeitsweise der Bremsen (vorne Scheibe, hinten Trommel) gewöhnt man sich, auch ans asymmetrische Sitzen: Die rechte Ferse gehört nicht aufs Trittbrett, sondern auf den Mitteltunnel, damit die Fußspitze das Bremspedal erreichen kann.

          Bremspedal auf dem Trittbrett
          Bremspedal auf dem Trittbrett : Bild: Hersteller

          Damit wären viele Vorzüge der PX aufgeführt. Ja, Vorzüge. Genau so will man es, so schmeckt es nach guter alter Zeit, nach Urlaub, Piazza und einem Bällchen Stracciatella. Als die Italiener diese Vespa nach einigen Jahren Pause mit kleinen Veränderungen (neuer Sitz, neue Handgriffe) zur Saison 2011 wieder einführten und ein dickes Preisschild (mittlerweile 3649 Euro) dranhängten, wiesen sie auf Folgendes hin: Voyager 1 und Voyager 2, die Raumsonden der Nasa, haben sich seit dem Start 1977 mehr als 17 beziehungsweise 14 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt. Die PX ist immer noch dort, wo sie damals schon war.

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