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: Ist der Kolibri eine Ente?

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Es war eine kleine Sensation und vor allem geniales Timing: Just, als die Bosse der deutschen Autoindustrie beim Verkehrsminister in Berlin über die elektrische Zukunft verhandelten, fuhr draußen ein Auto vor, das angeblich alle ...

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          Es war eine kleine Sensation und vor allem geniales Timing: Just, als die Bosse der deutschen Autoindustrie beim Verkehrsminister in Berlin über die elektrische Zukunft verhandelten, fuhr draußen ein Auto vor, das angeblich alle Mobilitätsprobleme lösen kann: Rein elektrisch und ohne Zwischenstopp war Mirko Hannemann mit seinem umgebauten Audi A2 von München aus gut 600 Kilometer in die Hauptstadt gestromert, um mit diesem "Lekker"-Mobil die Überlegenheit der von seinem Unternehmen DMB Energy entwickelten Akkus auf Lithium-Metall-Polymer-Basis zu beweisen (F.A.Z. vom 9. November). Einen Monat nach der Rekordfahrt mehren sich allerdings die Zweifel, ob die sogenannten Kolibri-Akkus tatsächlich halten, was der Hersteller verspricht.

          Dass die etablierten Autohersteller die Erfindung bezweifeln, ist kein Wunder. Aber auch die Fachpresse bewertet die Rekordfahrt durchaus kritisch, weil Hannemann wichtige Details nicht nennt: Wo die Akkus gebaut werden, wie genau sie funktionieren und wie er sich eine Serienfertigung vorstellt. Solchen Fragen weicht er gern aus.

          Nun meldet sich der ADAC zu Wort und wettert gegen den Kolibri: "Bis heute bleibt die Fahrt ein nicht erklärtes Wunder, da nachprüfbare Informationen zur Akkutechnik nicht vorliegen", resümiert Thomas Burkhardt, Vizepräsident für Technik beim Klub. Der Verband kritisiert wie viele Medienvertreter, dass es keine detaillierte technische Abnahme gegeben habe. Außerdem habe ein zur Beglaubigung der Rekordfahrt bestellter Notar kurzfristig abgesagt und die Fahrt selbst einen schalen Beigeschmack: Der A2 war während der Tour mehrmals für 20 bis 30 Minuten aus dem Sichtfeld mitfahrender Journalisten verschwunden. Um alle Vorwürfe zu entkräften, habe der ADAC Hannemann einen Reichweitencheck angeboten. "Das Berliner Unternehmen lehnt dies allerdings bis dato ab."

          Kolibri-Erfinder Hannemann hält dagegen: "Alle relevanten Daten zum Rekordfahrzeug und zur Fahrt sind öffentlich", entgegnet er und verweist auf einen Kongress Anfang November, auf dem er rund 1600 Teilnehmern Datenblätter zur Verfügung gestellt habe. Auch die neutrale technische Abnahme des Rekordfahrzeugs habe stattgefunden, äußert der Erfinder: "Der A2 wurde von der Dekra abgenommen und für den Straßenverkehr zugelassen." Zudem erklärt er sich zu einem Test bereit, wenn objektive Bedingungen gewährleistet sind und ihm genügend Vorlauf bleibt. Alle Kritik an der Fahrt selbst will er mit einem digitalen Protokoll entkräften, das von einer Blackbox im Fahrzeug aufgezeichnet wurde und dem Wirtschaftsministerium vorliege.

          Als einzigen Kritikpunkt lässt Hannemann die zögerliche Preisgabe der technischen Details gelten. Aber das hält er für erforderlich: "Individuelle Schutzrechte für eine sinnvolle ökonomische Verwertung von Innovationen sind Grundlage unseres Wohlstands. Daher können technische Details über die bereits bekanntgemachten Daten hinaus nicht veröffentlicht werden, ohne die Unternehmensinteressen der beteiligten Firmen zu gefährden." Tom Debus

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