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Streitfrage Kiezdeutsch : Irrtümer der romantischen Linguistik

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Man spricht Deutsch (wahrscheinlich): Kasseler Jungs verschiedener Herkunft beim Fußballspiel Bild: Nora Klein

Besser, jemand sagt „Ich gehe Schule“ als „I go to school“: Nicht das Kiezdeutsche ist die Gefahr, sondern das Herabsinken der deutschen Sprache zu einem Soziolekt der Modernisierungsverlierer.

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          Das Volk, die Natur und der Klang sind Wesenszüge des Romantischen. Sprachwissenschaft ist eine romantische Wissenschaft. Richtige Linguisten haben schon immer das Volk geliebt. Und sie haben schon immer die Sprache als etwas Natürliches ansehen wollen. Das Hohe und das Künstliche war ihnen ein Graus. Und deswegen haben sie auch die Schrift und die Literatur nicht besonders geschätzt, sondern Sprache als wesentlich lautliches Geschehen gefasst. Der Gegenstand der Sprachwissenschaft ist volkstümlich, natürlich und lautlich.

          Hohe, künstlerisch-elaborierte und geschriebene Sprache ist die Domäne der Philologie, von der sich die Linguistik deutlich absetzte (auch wenn das sprachthematisierende Universitätsfach „Philologie“ hieß). Richtige Linguisten trieben sich in Alpendörfern und in den Abruzzen herum, tummelten sich dann in Australien und in Neuguinea und forschen jetzt gern in den Vierteln der unterprivilegierten Schichten, also dort, wo die Sprache am volkstümlichsten, am natürlichsten, am wenigsten schriftlich ist. In der neuesten Diskussion um das sogenannte Kiezdeutsche steht wieder einmal das Linguistische dem Philologischen gegenüber. Die Linguistin feiert die Kreativität des einfachen Volkes, das in reiner Mündlichkeit und Natürlichkeit ihm gemäße einfache sprachliche Strukturen generiert. Diese machen zusammengenommen eine neue Varietät des Deutschen aus, die mit linguistischer Professionalität beschrieben wird. Dagegen kann doch eigentlich niemand etwas sagen. Oder?

          Die Würde des Deutschen

          Es ist nun allerdings so, dass schon allein die gelehrte Beschreibung, ihre „Grammatisierung“, einer Sprache eine Anerkennung zuteil werden lässt, die sie als rein mündliche und unbeschriebene Technik nicht hat. Insofern ist der Akt der Grammatisierung einer mündlich vorkommenden und vermeintlich regellosen Sprache durchaus schon eine Provokation für die Freunde der „hohen Sprachen“, denen bisher allein das Privileg der Grammatik, also der gelehrten Feststellung ihrer Regeln, zukam.

          Die Deskription der volkstümlichen und jugendlichen Varietät des Deutschen ist polemisch, sofern sie ständig beweisen muss, dass die Strukturen dieser Sprache nicht defizitär (also kein „restringierter Code“, wie es früher hieß) und dass sie „deutsch“ sind. Sie kämpft ständig gegen eine angenommene linguistische Xenophobie - aber wer ist denn eigentlich xenophob, wer fände es denn schlimm, wenn die Struktur „Ich mach dich Messer“ türkisch wäre, warum muss sie denn deutsch sein? Außerdem möchte die Linguistin der von ihr entdeckten Varietät des Deutschen eine eigene Würde geben, deswegen bezeichnet sie diese als Dialekt. Damit schließt sie an die gute alte Dialektologie an, die seit hundert Jahren die Dialekte als Sprachen mit einer eigenen Würde gegenüber der „Hoch-Sprache“ und ihren philologischen Liebhabern verteidigt.

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