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Streit um Rechte : Sherlock Holmes gegen Superman

Wiedererkennbar? Allemal! Aber das reicht nicht: Basil Rathbone als Sherlock Holmes. Bild: Imago

In den Vereinigten Staaten ist ein Streit um die Rechte an der Figur von Arthur Conan Doyle geführt worden. Die Entscheidung ist so spannend wie die Fälle des Meisterdetektivs.

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          Bei der ersten Begegnung sagte Sherlock Holmes Dr. John Watson auf den Kopf zu, er sehe ihm an, dass er in Afghanistan gewesen sei. Watson konnte sich dieses Wissen nur damit erklären, dass jemand Holmes über dieses Detail informiert habe. Holmes klärte ihn über die Indizien auf, aus deren Zusammenschau er seinen Schluss gezogen hatte: Watson hatte den Habitus eines Truppenarztes, die Hautfarbe eines Mannes, der sich in den Tropen aufgehalten hatte, ohne dort aufgewachsen zu sein, die ausgezehrten Gesichtszüge von jemandem, der große Strapazen durchgemacht hatte, und konnte seinen linken Arm nicht richtig bewegen, weil eine Verletzung nicht ausgeheilt war. Der Detektiv zergliederte sein Gegenüber, hielt vor seinem geistigen Auge die Körperteilchen nebeneinander, verglich beispielsweise die braune Gesichtsfarbe mit dem Weiß der Handgelenke.

          Ein Blick auf sein Dasein abseits des Papiers zeigt, wie quicklebendig diese Kunstfigur ist: Benedict Cumberbatch als zeitgenössischer „Sherlock“ in der gleichnamigen britischen Fernsehserie.
          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Hätte Holmes nach derselben Methode auch erkennen können, dass Watson in seiner Jugend Rugby gespielt hat? Hatte er womöglich auch dieses Kapitel aus Watsons Vorgeschichte mit einem Blick entziffert, weil die Krümmung des Rückens und die Hornhäute auf den Fingern den Kampf um den Ball bezeugten? Holmes mag sofort alles über Watson gewusst haben. Aber blickte der Heimkehrer aus dem Afghanistan-Krieg wirklich auf Sportsheldentaten zurück? Oder hatte er seine Vergangenheit als Wurfkraftathlet paradoxerweise noch vor sich? „A Study in Scarlet“, der Roman, mit dem Sherlock Holmes und Dr. Watson ihre Wohngemeinschaft in der Baker Street Nr. 221b begründen, wurde 1887 veröffentlicht. Die Kurzgeschichte „Sussex Vampire“ mit den Angaben über Watsons sportliche Jugend erschien 37 Jahre später.

          Rechtsschutz für eine Fiktion

          Sir Arthur Conan Doyle, der den Heros der rationalistischen Welterfahrung geschaffen hat, war auch ein Advokat des Spiritismus. In einem Fall um Sherlock Holmes hatte sich jetzt ein amerikanischer Bundesrichter mit der Frage zu befassen, ob literarischen Figuren ein geistiges Dasein jenseits von Buchseiten zukommt. Leslie Klinger, ein Anwalt aus Malibu, brachte 2011 unter dem Titel „A Study in Sherlock“ eine Anthologie neuer Holmes-Geschichten heraus. Wie der Titel zu erkennen gibt, sammelt das Buch Beiträge zur Holmes-Philologie mit fiktionalen Mitteln, erfinderische Lösungen von Problemen, zu deren deduktiver Beseitigung die Angaben der Originalgeschichten nicht ausreichen. Gegen Klingers Willen führte sein Verlag Lizenzgebühren an die Nachlassverwalter von Conan Doyle ab, eine englische Firma mit Sitz in Southampton.

          Für einen anderen Verlag bereitet Klinger nun einen Nachfolgeband mit „New Adventures of Sherlock Holmes“ vor. Die Nachlassverwaltung forderte den Abschluss einer Lizenzvereinbarung. Anderenfalls werde man dafür sorgen, dass das Buch bei Amazon und Barnes&Noble nicht zum Verkauf gelange.

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