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: Streichend Steine beschreiben

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Für den großen Kritiker Gaëtan Picon war schon Yves Bonnefoys Erstling das „zweifellos letzte wichtige Ereignis unserer Lyrik“.

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          Für den großen Kritiker Gaëtan Picon war schon Yves Bonnefoys Erstling das „zweifellos letzte wichtige Ereignis unserer Lyrik“. Picon formulierte diesen Befund ein Jahrzehnt nach dem Erscheinen von „Du mouvement et de l’immobilité de Douve“ (Douve in Bewegung und reglos) 1953. Es gab damals für Dichter eine Leserschaft und eine keineswegs auf die akademischen Institutionen beschränkte Rezeption. In der Résistance hatte die Gattung eine neue Bedeutung bekommen. Doch von ihrer politischen Ausrichtung und Popularisierung entfernte sich der 1923 in Tours geborene Yves Bonnefoy bald.

          Mitten im Krieg war der zwanzigjährige Bonnefoy ins besetzte Paris gekommen, wo er zunächst sein Studium der Mathematik an den Nagel hängte. Bei Jean Wahl promovierte er über Kierkegaard und Baudelaire. Auch mit den Malern, deren persönliche Bekanntschaft er suchte, setzte er sich auseinander. Er hat über Bellmer wie Balthus geschrieben und Giacometti eine Biographie gewidmet. Bonnefoy lernte Paul Celan kennen und schloss Freundschaften mit Jean Starobinski, Philippe Jaccottet, Pierre Klossowski, auch mit Paul de Man. Dank Stipendien und Forschungsaufträgen konnte er zahlreiche Studienreisen unternehmen. Später hat er an bedeutenden Universitäten in Europa und den Vereinigten Staaten unterrichtet. Nach dem Tod von Roland Barthes wurde er ans Collège de France gewählt.

          Gleich nach Ende des Weltkriegs hatte Yves Bonnefoy die Zeitschrift „La Révolution, la Nuit“ begründet. Noch stand er unter dem Einfluss des Surrealismus, von dem er sich doch schon mit „Douve“ losgeschrieben hatte. Kurz darauf begann er mit seinen Shakespeare-Übersetzungen. 1959 wurde ihm der Prix de la Nouvelle Vague verliehen. 1967 war er bei der Lancierung der Zeitschrift „L’Ephémère“ dabei. 1976 erschien in der berühmten Reihe „Poètes d’aujourd’hui“ der Band über ihn. Sein schwieriges Werk erschließt sich aus seinen einzelnen Teilen: „Ich schreibe keine Gedichte, falls man darunter ein abgeschlossenes, selbständiges Gebilde versteht. Was ich schreibe sind vielmehr Gesamtheiten, Versammlungen, Zusammenhänge, innerhalb deren jeder einzelne Text nur ein Fragment ist.“

          Im vergangenen Jahr haben Elisabeth Edl und Wolfgang Matz „Streichend schreiben“ (Lyrik Kabinett) übersetzt. Ein Jahrzehnt liegen die deutschen Ausgaben von „Die gebogenen Planken“ und „Beschriebener Stein“ in der Nachdichtung von Friedhelm Kemp zurück. Zu diesen Texten hat sich Bonnefoy von Grabinschriften inspirieren lassen, der Stein spricht zu ihm: „Er sagt mir, Du bist ein Wasser, das dunkelste, / Das frischeste, die unteilbare Liebe dort zu kosten.“ An anderer Stelle beschreibt er, wie oft er in seiner Dichtung Worte durchgestrichen hat: „Doch unabweisbar kehren sie wieder, wenn ich spreche.“ In seiner Rezension (F.A.Z. vom 23. Juli 2004) bezeichnete Harald Hartung den Dichter als „Archäologen des Wortes“. Viele halten ihn für den bedeutendsten Lyriker Frankreichs. Seine Gedichte wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt. Seit langem ist er ein Anwärter auf den Nobelpreis. Am heutigen Montag wird Yves Bonnefoy neunzig. JÜRG ALTWEGG

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