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Stillgelegte Kernkraftwerke : Strahlendes Ende

Stillgelegte Kernkraftwerke in Deutschland Bild: F.A.Z.

Der Abbau der Atommeiler beginnt. Es ist ein langwieriger und teurer Prozess. Wie lange er dauert, kann niemand sagen. Und die Frage aller Fragen ist nicht geklärt.

          Der Sprecher des Energiekonzerns ENBW ist elektrisiert. Um Himmels willen! Nicht dass der Eindruck entsteht, das Unternehmen befürchte einen Engpass bei Transportbehältern für Atommüll. Deshalb bittet der oberste Öffentlichkeitsarbeiter den frisch ernannten Chef der Kernkraftwerkssparte, die Erwartungen zu präzisieren. Und deshalb sagt Jörg Michels zu den versammelten Journalisten im Kernkraftwerk Obrigheim: „Wir haben heute keine Anzeichen dafür, dass die Castor-Behälter knapp werden“. Aber ausschließen könne er einen Engpass nicht. Schließlich wisse niemand, was passiere, wenn acht Kernkraftwerke auf einmal zurückgebaut werden müssten.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          „So etwas“, sagt er, „hat es noch nie gegeben“. Man könnte Michels als Totengräber der Kernkraftsparte bezeichnen. Damit würde man ihm aber nicht gerecht, denn der 43 Jahre alte Manager ist voller Elan und seine Aufgabe groß. Michels ist seit Januar Vorsitzender der ENBW Kernkraft GmbH, ihm unterstehen fünf Atomkraftwerke und 1900 Mitarbeiter, kein anderer Energieversorger in Deutschland ist in Relation zu seiner Größe so abhängig von Atomkraft. Aber natürlich muss man sagen: war. Denn Michels’ Aufgabe ist der Abriss.

          Das Kraftwerk in Obrigheim ist seit sechs Jahren abgeschaltet, je einen Block in Philippsburg und Neckarwestheim hat die Bundesregierung nach der Atomkatastrophe im japananischen Fukushima stillgelegt. Das Ende ist absehbar: Der zweite Block in Philippsburg muss 2019 vom Netz, 2022 folgt Neckarwestheim II - dann ist die Atomkraft für die ENBW Geschichte. Die Arbeit aber ist damit noch nicht getan.

          Der Rückbau aller Atomkraftmeiler in einem Industrieland wie Deutschland ist eine Mammutaufgabe ohne Vergleich. Gleich acht Meiler warten heute auf ihren „Rückbau“, dabei ist die Debatte um ein Endlager für Atommüll noch keinen Deut weiter. Und selbst das für den schwach radioaktiven Abfall dringend benötigte Lager im „Schacht Konrad“ bei Salzgitter wird nicht vor 2019 in Betrieb gehen.

          275.000 Tonnen Schutt, Schrott und Müll

          Der Rückbau wird ein langwieriger Prozess, das hat die ENBW in Obrigheim gelernt. Obwohl seit 2005 nicht mehr am Netz, befand sich das Werk bis Ende 2011 in der sogenannten Nachbetriebsphase, in der die Brennelemente in ein Zwischenlager gebracht werden, und der eigentliche Abbau erst vorbereitet wird. Seit Oktober 2011 liegt endlich die Genehmigung für die „Stilllegungs- und Abbauphase vor“, seit November geht es unter Protest der Anwohner ans Eingemachte: Turbine, Druckbehälter, Pumpen, Teile des Brennelementebeckens werden abgebaut und, wenn möglich, dekontaminiert.

          275.000 Tonnen Schutt, Schrott und Müll werden allein in Obrigheim zusammenkommen, schätzt die ENBW, davon bleibe ein Prozent dauerhaft radioaktiv verseucht. Das sind immerhin 2750 Tonnen die darauf warten, bis der „Schacht Konrad“ freigegeben wird. In der Zwischenzeit lagern die Teile in einer Halle auf dem Betriebsgelände. Der große Rest wird nach der Dekontamination entweder deponiert oder landet wieder im Wertstoffkreislauf.

          Das Kraftwerk in Obrigheim ist seit sechs Jahren abgeschaltet, nun beginnt der Abbau

          Die hochradioaktiven Kernbrennstäbe, lagern in Obrigheim, bis die Frage nach einem Endlager geklärt ist. 342 Brennelemente warten zurzeit unter Wasser, in einem eigens errichteten „Nasszwischenlager“ auf ihre letzte Ruhe. Nach wie vor fehlt es der ENBW an der Genehmigung für ein Castor-Zwischenlager - nachdem sich die rechtlichen Bestimmungen geändert hätten, musste der Konzern nach eigenen Angaben den Antrag nochmals stellen. Wenn es denn so weit ist, werden die Brennelemente unter Wasser in 15 Castor-Behälter gepackt und dann weiter zwischengelagert.

          Bis zu 40 Jahre könnte das dauern - so lange ist die Haltbarkeit der Behälter garantiert. In Neckarwestheim (wo ein Schacht als Zwischenlager dient) und in Philippsburg, (dort lagern die Behälter in einer Halle) werden bis Ende der Laufzeiten nach Schätzung des Konzerns weitere bis zu 235 Castor-Behälter zusammenkommen. Zum Vergleich: Seit 1995 sind 13 Züge mit 110 Castor-Behälter unter Protest durch Deutschland gerollt - erlaubt sind solche Fahrten zurzeit nur für aufbereitetes Brennmaterial.

          600 Millionen Euro Rückbaukosten

          5,4 Milliarden Euro hat die ENBW für den Rückbau bislang zurückgestellt, doch das wird nicht reichen. Experten gehen davon aus, dass der Konzern die Summe nach dem politisch verordneten Ausstieg aufstocken muss. Alleine die Rückbaukosten in Obrigheim beziffert die ENBW bis dato auf 600 Millionen Euro. Jörg Michels braucht jetzt einen großen Plan, ein „Multiprojektmanagement“, wie er es nennt. Die beiden abgeschalteten Blöcke werden zunächst in die Nachbetriebsphase überführt: der Abbau vorbereitet, die Logistik geklärt, die Genehmigungen beantragt.

          Die ENBW hat Experten aus Greifswald angeheuert, die beim Abbau der DDR-Meiler Erfahrungen gesammelt haben. Ansonsten will der Konzern das letzte Kapital mit der bestehenden Mannschaft bewältigen. Wie lange das alles dauert, könne kein Mensch sagen. Für Philippsburg und Neckarwestheim hat die ENBW noch nicht einmal einen Antrag gestellt.

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