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Stephen Hawking wird siebzig : Durch des Himmels prächt’gen Plan

Vor und hinter sich die Arbeit, daneben ein Sammelsurium mit Raumfahrzeug und „Simpsons“-Figur: Stephen Hawking lebt übersichtlich Bild: dapd

Niemand hat die moderne Physik den Mitmenschen ausdauernder erklärt als der Engländer Stephen Hawking. Dieser Lehrer und Forscher verkörpert eine noch sehr junge Sorte Denker.

          Schwarze Löcher verdampfen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass diese Wahrheit, die sich liest wie eine Zeile modernistischer Dichtung (aber so gewiss zutrifft wie der Satz „Meerschweinchen leben nicht im Meer“), überhaupt je ein Mensch herausgefunden hat, war unwahrscheinlicher als die Beglaubigung der verträumtesten Mythen unserer Gattung. Dennoch gelang ihre Entdeckung 1974 einem Menschen mit stark eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten.

          Zwölf Jahre zuvor hatten Ärzte bei ihm die langsam fortschreitende Lähmungserkrankung amyotrophe Lateralsklerose (ALS) diagnostiziert und ihm vorausgesagt, er werde wohl nicht mehr als zwei weitere Jahre leben. Zur Erarbeitung der Erkenntnis über die schließlich nach diesem Mann benannte „Hawking-Strahlung“ schwarzer Löcher brauchte und nutzte er kein exotischeres Rüstzeug als Neugier, Vernunft, Wahrheitsliebe und Fleiß. Eine kräftige Physis und scharfe Sinne wären ganz unnütz gewesen - Beobachtung war als Erkenntnisquelle ohnehin ausgeschlossen.

          Freiflug für Hawking: im April 2007 testet der Physiker die Schwerelosigkeit an Bord eines speziellen Jets

          Denn schwarze Löcher sind der Anschauung entzogen. Sie entstehen und existieren unter Bedingungen, die kein Mensch überleben kann: Stirbt ein Stern genügend großer Masse, weil sein Brennstoff verbraucht ist, stürzt er unter gewissen Bedingungen in sich zusammen, weil seine Reste einander anziehen, bis etwas kaum Begreifliches geschieht: Wie die Anwesenheit von Masse generell die Raumzeit verformt, vergleichbar einem schwerer Gegenstand, der auf der Erde eine Delle in ein gespanntes Trampolin drückt, so kann, denkt man die Analogie weiter, der Gegenstand auch schwer genug sein, dass er ein Loch ins Trampolin reißt.

          Wird die Raumzeit so perforiert, entkommt dem Loch nicht einmal mehr das Licht (daher heißt es „schwarz“). Man spricht bei dergleichen von „Singularitäten“ (von denen die interessanteste übrigens der wahrscheinliche Ursprung unseres Universums ist). Will man genauer wissen, was es mit diesen auf sich hat, so muss man zwei Lehren ineinanderfügen, die nicht nur jede für sich den Alltagsverstand bis an die Grenze der Überdehnung belasten, sondern sich auch kaum aufeinander reimen wollen: die Quantenmechanik einerseits, zuständig für die kleinsten Kleinigkeiten der Welt, und die Allgemeine Relativitätstheorie, zuständig für die großräumige Beschaffenheit des Alls. Deren Pointe fasste John Archibald Wheeler einst so zusammen: Materie sagt der Raumzeit, wie sie sich krümmen soll, die Raumzeit aber sagt umgekehrt der Materie, wie sie sich bewegen darf.

          Der moderne Missbrauch von Physik

          Stephen Hawking erkannte 1974: Quanten von Feldern um den Gravitationseinfluss eines zu einem schwarzen Loch kollabierenden Sterns werden, Päckchen für Päckchen, in dessen Außenraum abgestrahlt.

          Als um die vorletzte Jahrhundertwende die Anfangsgründe für Quantenmechanik und Relativitätstheorie gelegt worden waren, sah die Fachwelt darin nicht gleich einen Gewinn. Man erschrak eher über den Verlust der Ende des neunzehnten Jahrhunderts erschauten Aussicht darauf, die Forschung demnächst abschließen zu können. Das Programm Galileis und Newtons, das All zu mathematisieren, war stets von unveränderlichen Raum- wie Zeitmaßen und kontinuierlichen Energieverhältnissen ausgegangen.

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