https://www.faz.net/-1v0-6wj33

Stephen Hawking wird siebzig : Durch des Himmels prächt’gen Plan

Philosophie bei der Aufholjagd

Diese Überlegungen schienen gut zum Streit innerhalb der Gemeinschaft der Fachleute zu passen: Sollte Physik, wie Einstein und Erwin Schrödinger forderten, weiterhin danach streben, eine wirkliche, anschaulich fassbare Welt zu beschreiben, oder konnte es ihr, wie Niels Bohr und Werner Heisenberg lehrten, nur um die Systematisierung von Beobachterleistungen gehen? Solche Schlachten wurden im letzten Jahrhundert ebenso erbittert wie ergebnisarm geschlagen: Nichts kam dabei heraus, das es an Solidität mit den technischen Anwendungen der revolutionären Theorien hätte mithalten können.

Als Hawking in aller Ruhe und Stille am Schreibtisch die Strahlung der schwarzen Löcher entdeckte, wurde er geistiger Erbe eines Mannes, dem er auch institutionell, nämlich auf Newtons Lehrstuhl, folgen sollte: Paul Adrien Maurice Dirac. Dieser hatte die Antimaterie entdeckt, und zwar in keinem Labor oder Beschleuniger, sondern als Implikation von Gleichungen, die er gleichsam so lange geschüttelt hatte, bis die Positronen herausfielen. Hawking ging ähnlich vor; und diese Praxis spielt sich, das ist das Entscheidende, auf einer viel höheren, abstrakteren und zugleich praktischeren Ebene ab als alle Zwistigkeiten sowohl der Physikerparteien („Realisten“ gegen „Meßreihenfreunde“) wie der Philosophen („Paradigmenwechsler“ gegen „Fortschrittsleute“).

Gleichungen für das arme Hirn

Während nämlich jene noch darum rangen, herauszufinden, ob menschliche Beobachtung überhaupt jemals Gesetze der Natur erschließen kann, beobachteten Dirac und Hawking nicht länger Experimente, sondern selbst im Experimentalfeuer gehärtetes Menschengeschaffenes: Gleichungen.

Gleichungen sind Maschinen, die uns erlauben, auch Sachverhalte zu beschreiben, die dem Alltagsverstand widersprechen. Damit leisten sie für das arme Hirn, was optische und akustische Apparate für Auge und Ohr tun: „Von Natur“ können wir Infrarot nicht sehen, Ultraschall nicht hören, weil der Affenahne derlei nicht brauchte. Ebenso wenig können wir uns ohne weiteres vorstellen, was die Massen mit den Raumzeitparametern und die Lichtquanten mit den Materiequanten treiben. Aber, lehren die Arbeiten Diracs wie Hawkings, das macht gar nichts. Maschinen, Prothesen helfen uns, und es gibt keinen Grund, das Erkenntnisvermögen in der Wildnis auszusetzen wie die Spartaner Kinder, die ihren Kriegsverwendungskriterien nicht entsprachen, nur weil es Apparate braucht, um zu überleben.

Dass ein Mann, dem man einen frühen Tod geweissagt hatte und dem es gelang, dies mit menschlicher, technischer Hilfe Lügen zu strafen, die Niederlagenstimmung der Physik überwinden half, ist so erfreulich wie die Tatsache, dass derselbe Mann Leuten, deren Handicap beim Verstehen des Kosmos größer ist als seines, mit Büchern wie „Eine kurze Geschichte der Zeit“ zu Hilfe kam. Erklärungen des Unwahrscheinlichen sind, sagen seine populären Arbeiten, nicht darauf verpflichtet, sich dem bereits Bekannten unterzuordnen. Hierin bleibt seine Aufklärungsarbeit seinen Forschungen treu. Dass wir an metaphysischer Obdachlosigkeit zugrundegehen würden, wenn uns unsere Neugier immer tiefer ins Nichtmenschliche zieht, war eine Weissagung des zwanzigsten Jahrhunderts. Stephen Hawking, der am Sonntag siebzig Jahre alt wird, setzt dem entgegen: Neugier, Vernunft, Wahrheitsliebe und Fleiß sind im Recht.

Die amyotrophe Lateralsklerose (ALS)

Der Beginn einer schweren, chronischen Erkrankung in einem noch jugendlichen Alter ist immer tragisch – auch bei der amyotrophen Lateralsklerose (ALS), an der Stephen Hawking leidet. Doch Mediziner wissen, dass manche ALS-Patienten, die noch während der Adoleszenz erkranken, Glück im Unglück haben: Patienten mit einem jugendlichen Krankheitsbeginn zeigten „mitunter extrem lange Krankheitsverläufe von zwanzig bis dreißig Jahren“, heißt es auf der Website der ALS-Ambulanz der Charité. Generell wird die Überlebenszeit nach der Diagnose nur auf drei bis fünf Jahre beziffert. Zehn Prozent der Patienten leben noch zwischen fünf und zehn Jahren.

Betroffene, die wie Stephen Hawking seit Jahrzehnten mit der ALS leben, sind selten; meistens leiden sie an einer bestimmten Form, eben jener „chronischen juvenilen ALS“ . Hawking erkrankte schon 1962 im Alter von zwanzig Jahren. Auch die Ärzte der Charité berichten von einem Patienten, der sich 1956 im Alter von 24 Jahren vorstellte. Bei einer Untersuchung im Jahr 2003 habe er einen Krankheitsverlauf von 47 Jahren aufgewiesen und bisher keine unterstützte Beatmung oder Ernährung benötigt. Doch die juvenile ALS ist selten, das Haupterkrankungsalter liegt zwischen dem fünfzigsten und siebzigsten Lebensjahr. Die ersten Symptome sind Schwäche, Steifigkeit und Krämpfe, manchmal auch Sprech- und Schluckstörungen. Den Symptomen liegt eine Schädigung der Nerven zugrunde, die für Bewegungen zuständig sind: die sogenannten motorischen Neuronen. Diese Nervenzellen befinden sich zu einem Teil in der Großhirnrinde. Ihr langer Fortsatz läuft zum Rückenmark, wo er an die Körper weiterer Nervenzellen heranreicht. Die Fortsätze der motorischen Neurone im Rückenmark wiederum führen zu den Muskeln des Körpers. Die Nervenzellen zeigen bei ALS unter dem Mikroskop typische Einschlusskörperchen und gehen durch die Krankheit schließlich zugrunde.

Über die Entstehung der ALS gibt es verschiedene Hypothesen, etwa die sogenannte Protein-Hypothese, die sich auf die Einschlusskörperchen konzentriert und sie mit Mutationen unterschiedlicher Gene in Verbindung bringt. Bei 95 Prozent der Patienten ist die Krankheit „sporadisch“, das heißt ohne familiären Zusammenhang. Etwa drei bis acht unter 100.000 Menschen sind betroffen. Neben der symptomatischen Behandlung - etwa durch Krankengymnastik - gilt als gängiges Medikament Riluzol, das in die Signalübertragung zwischen Nervenzellen eingreift und „neuroprotektiv“ wirkt. Es hilft vor allem in der frühen Phase der Erkrankung. (huch.)

Topmeldungen

Ob er gerade spielt? Ramelow im Juli 2020 im Thüringer Landtag

PR-Profis auf Clubhouse : Besser als „Bodo“

Clubhouse gilt als Trend-App und hat in Deutschland nun das erste PR-Desaster verursacht. Wie verhält man sich richtig in den virtuellen Quasselrunden? Wie aktiv sind die PR-Agenturen schon? Und lohnt es sich, dabei zu sein?
„Die Antikörper-Medikamente eignen sich vor allem für Risikopatienten wie Heimbewohner oder Immunsupprimier“:Virologin Sandra Ciesek.

Virologin Sandra Ciesek : „Schnell gegen Coronavirus-Mutanten eingreifen“

Coronavirus-Varianten herrschen hierzulande noch nicht vor. Nach Ansicht der Virologin Sandra Ciesek müssen sie aber rasch bekämpft werden. Im Interview spricht die Frankfurter Wissenschaftlerin auch über die neuen Antikörper-Medikamente.
Der frühere britische Premierminister Gordon Brown im September 2014, wenige Tage vor dem Referendum, im schottischen Clydebank

Schottische Unabhängigkeit : Ein gescheitertes Königreich?

Der frühere britische Premierminister Gordon Brown schlägt Alarm: Die Pandemie hat den Unabhängigkeitsdrang vieler Schotten nicht gebremst. Es drohe das Ende des Vereinigten Königreichs.