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Stephen Hawking wird siebzig : Durch des Himmels prächt’gen Plan

Stephen Hawking bei einer Lesung an der FU Berlin im Oktober 2005
Stephen Hawking bei einer Lesung an der FU Berlin im Oktober 2005 : Bild: ddp

Erstere sprengte nun die Relativität, Letztere fielen mit den Päckchen der Quantenlehre. Der Schock fügte sich in einen anderen: Seit Sir Francis Bacon war die bürgerliche Welt davon ausgegangen, Naturforschung bringe mittels technischer Anwendung immer mehr Wohlstand, Freiheit, Sicherheit. Aber die „Titanic“ sank, neue Kriege brachten Giftgas, Bombenteppiche sowie eine verheerende Waffe, die ohne moderne Physik undenkbar gewesen wäre, auf, und die Natur begann, an unserem Dreck zu ersticken.

Gegen billige Rechtfertigungen und voreilige Esoteriker

Was in Gestalt weltanschaulicher Kürzel von der sogenannten „Krise der Physik“ unterm Eindruck solcher Tatsachen die breitere Öffentlichkeit erreichte, richtete immense intellektuelle Flurschäden an: Das Schlagwort „Relativität“ etwa dient bis heute Leuten, die irgendeinen partikularen Standpunkt, irgendein „schlechtes Besonderes“ (Hegel) geheiligt wissen wollen, als billige Rechtfertigung.

Die berühmte Unbestimmtheitsrelation (man weiß umso weniger, wohin ein Teilchen will, je genauer man weiß, wo es gerade ist, und umgekehrt) wird zur umfassenden Leugnung der Eigengesetzlichkeit des Wirklichen missbraucht. Und Quantenspezialitäten wie die Verschränkungskorrelation (bestimmte Teilchenpaare verhalten sich, als fände zwischen ihnen ein Informationsaustausch statt, der keinerlei Zeit verschlingt) oder die Nichtlokalität („geisterhafte Fernwirkung“) müssen herhalten, um Telepathie und sonstige Paranormalitäten zu beglaubigen. Nichts von alledem, was voreilige Esoteriker da aus der Physik fischen wollten, ließ sich bislang wiederholbar demonstrieren - anders als Relativitätstheorie und Quantenmechanik selbst, die zu den bestgesicherten Theorien der menschlichen Wissensgeschichte gehören.

Hawking hält einen Vortrag über die Entstehung des Universums zum 450. Jahrestag der Universität von Genf (15.09.09)
Hawking hält einen Vortrag über die Entstehung des Universums zum 450. Jahrestag der Universität von Genf (15.09.09) : Bild: dapd

Beide Lehren führen zahlreiche gegen die gewöhnliche Intuition verstoßende Implikationen mit sich. Daher ließen sich nicht nur Seher und Künder, sondern auch strenge Revisoren der in Misskredit geratenen Aufklärung von ihnen zu kühnen Behauptungen anstacheln. Metatheoretiker der Forschung wie Karl Popper und Imre Lakatos erinnerten sich an David Hume, der mitten im achtzehnten Jahrhundert bereits geargwöhnt hatte, das moderne galileische Verfahren, aus kontrollierten Beobachtungen exakte Gesetze ableiten zu wollen, lasse sich eigentlich nicht rechtfertigen. Weder logisch (nur weil ein Experiment immer dasselbe Ergebnis hat, folgt daraus nicht, dass es das auch in Zukunft haben wird; wer fünfmal glücklich aus dem Krankenhaus nach Hause kommt, stirbt vielleicht beim sechsten Mal) noch empirisch („Gesetze“ lassen sich eben nicht beobachten, nur Ereignisse, Sachverhalte). Historisch, so lehrte bald der Wissenssoziologe Thomas Kuhn, seien Revolutionen wie die relativistische und die quantenmechanische eben Einschnitte (er nannte sie „Paradigmenwechsel“), die zwei ineinander unübersetzbare Wissenswelten voneinander trennen.

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