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: Stecker sortieren oder doch lieber Asse schlagen

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LONDON. Helmut Lüthy hat am Donnerstag dem launischen englischen Sommerwetter wenigstens ein kleines Schnippchen geschlagen. Komm, laß uns früh trainieren, ehe es wieder regnet", sagte er Alexander Popp.

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          LONDON. Helmut Lüthy hat am Donnerstag dem launischen englischen Sommerwetter wenigstens ein kleines Schnippchen geschlagen. Komm, laß uns früh trainieren, ehe es wieder regnet", sagte er Alexander Popp. So schlug sich der 26jährige Mannheimer am trockenen Morgen auf Court 10 im Aorongi Park mit dem Engländer Jamie Delgado ein, der in der zweiten Wimbledon-Runde gegen Andre Agassi ausgeschieden war. Aber dann begann, was der 64jährige Tennistrainer als reines Geduldsspiel bezeichnet: das Warten, daß irgendwann der pünktlich zum vorgezogenen Spielbeginn um 12 Uhr Ortszeit (13 Uhr MESZ) einsetzende Nieselregen aufhören möge. Der hartnäckige Niederschlag störte an dem eigentlich den Damen-Halbfinals vorbehaltenen Tag die Gartenparty im Londoner Südwesten heftig. Popps insgesamt dreimal vom Regen unterbrochenes Viertelfinale gegen Mark Philippoussis mußte am Mittwoch abend im fünften Satz beim Stand von 2:2 und 30:0 für den aufschlagenden Australier ebenso auf Donnerstag vertagt werden wie die Partie zwischen dem Engländer Tim Henman und dem mit 2:1 Sätzen führenden Franzosen Sébastien Grosjean. Die anderen Viertelfinalpartien hatten nicht einmal wie vorgesehen am Mittwoch begonnen werden können.

          Solche Störungen sind für den 2,01 Meter großen Mannheimer Popp nichts Neues, auch wenn das Wetter es bei seiner vorigen Wimbledon-Teilnahme etwas besser meinte. Vor drei Jahren wurde nur seine Achtelfinalpartie gegen den Schweizer Marc Rosset zweimal für insgesamt eine halbe Stunde von den Launen des Wetters unterbrochen. Wie gegen Philippoussis hatte Popp auch gegen Rosset eine 2:0-Satzführung verspielt - aber auch das ist für den auf dem Platz stoisch seinem Job nachgehenden Rheinpfälzer kein Problem. "Alex hat sich keine Vorwürfe gemacht. Er hat alles gegeben", sagte Lüthy, "wenn so aufschlägt wie im dritten und vierten Satz, ist nichts zu machen." Dem aufschlaggewaltigen Profi aus Melbourne, der in den ersten beiden Sätzen den brillant von der Grundlinie spielenden Deutschen unterlegen war, half das Wetter. Denn durch das sich unter den Planen bildende Kondenswasser war der Platz nach den Regenpausen feucht, die Bälle rutschten über den Platz und sprangen noch flacher ab. Das nutzte Philippoussis zu einem Feuerwerk an Assen, insgesamt 26 und im Schnitt zwei pro Aufschlagspiel, bis zum vorläufigen Ende.

          "Das Spiel beginnt von neuem", sagte Lüthy. In den Pausen saßen die beiden in der Umkleidekabine, redete nur das Nötigste über Tennis. Popps Freundin Magdalena Kucerova, eine Deutsche mit tschechischen Eltern, die ihre Laufbahn als Tennisprofi vor einem halben Jahr beendete und zum Viertelfinale eingeflogen war, störte die traute Männerrunde nicht. "Lüthy hat die Gabe mit einem Scherz und seiner ansteckend fröhlichen Persönlichkeit, jede Situation aufzulockern", sagte der deutsche Davis-Cup-Kapitän Patrick Kühnen, der als Tennisprofi zehn Jahre lang von Lüthy betreut wurde. "Helmut verlangt äußerste Disziplin im Training, aber bei aller Quälerei schafft er eine lockere Atmosphäre", lobt Kühnen seinen sportlichen Ziehvater.

          Dem so Gepriesenen sind die vielen Komplimente fast schon peinlich. Ungern erzählt Lüthy von sich, wie er als Autodidakt, der nie ein guter Tennisspieler war, einige unter die Top 100 der Weltrangliste brachte, neben Popp und Kühnen, der 1988 mit Lüthy bis ins Viertelfinale von Wimbledon vorstieß, in dem er von Jimmy Connors gestoppt wurde, noch Marcello Craca und Markus Naewie. In Lützelsachsen bei Viernheim übt das "Team Lüthy", zu dem neben den Profis immer auch ein paar Jugendliche gehörten. Zu Kühnens aktiver Zeit war einer davon Alexander Popp. Dem Spätentwickler, der vor drei Jahren mit seinem Viertelfinaleinzug erstmals sein Potential andeutete, hielt Lüthy auch die Stange, als der erst ein Jahr lang unter Pfeifferschem Drüsenfieber (Mononukleose) litt und dann nach einer Handgelenksoperation noch einmal acht Monate ausfiel. Wie Lüthy bei Krisen seiner Schützlinge reagiert, beschreibt eine kleine Geschichte, an die sich Kühnen gern erinnert. Mit 19 Jahren hatte er die Nase voll vom Tennis. Lüthy bot ihm an, eine Woche lang in seiner Firma zu arbeiten. Kühnen mußte Stecker sortieren, sie in Tüten packen und zum Versand fertig machen. Nach drei Tagen hatte der Saarländer genug, aber Lüthy ließ ihn die Woche zu Ende arbeiten. "Da wußte ich, was für ein toller Job Tennisprofi ist", sagt Kühnen.

          Auch Popp hat die Freude am Wandergewerbe Tennis nie verloren. Dank Lüthy dachte er keine Sekunde ans Aufhören. "Helmut und ich sind die besten Freunde", sagt Popp, und das nicht nur, weil Lüthy ihm schon seit neun Jahren einen permanenten Freundschaftsdienst erweist. Denn für den ehemaligen Unternehmer Lüthy, der seine Firma vor ein paar Jahren aus gesundheitlichen Gründen verkaufte, ist seine Tätigkeit als Tennistrainer reines Hobby. "Fragen sie Patrik, was mir meine Spieler bezahlen", sagt Lüthy. Kühnen gibt die Antwort: "Keinen Cent."

          WOLFGANG SCHEFFLER

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