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Staatstheater Cottbus : Zukunft erfährt, wer sie erlebt

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Manch einer fürchtet, dass im Grossen Haus des Staatstheaters in Cottbus nicht mehr lange Stücke aufgeführt werden können Bild: ddp

Wegsparen oder Wie plant man einen Bühnentod? Eine „Strukturbereinigung", zu besichtigen am Beispiel des Staatstheaters Cottbus und der Kulturpolitik Brandenburgs.

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          Zonenrandermutigung hießen die spartenübergreifenden Großspektakel, mit denen der frühere Intendant Christoph Schroth am Staatstheater Cottbus die ganze Region wachzurütteln und zu stärken versuchte. Nun scheint es, als wäre eine ähnliche Unterstützung wieder fällig - und zwar für das Theater selbst. Denn die Stadt Cottbus wird von horrenden Schulden geplagt und muss ihr Haushaltsdefizit verringern. Oberbürgermeister Frank Szymanski (SPD) versucht dies, indem zum Beispiel die jährlichen Zuwendungen für das Staatstheater abgesenkt werden. Ein wenig hat man dabei den Eindruck, er würde es nicht ungern völlig in die finanzielle Obhut der Landesregierung entsorgen, sprengt es doch bereits qua Titel die städtischen Grenzen.

          Wenn die Angst umgeht

          Seitens des zuständigen Potsdamer Ministeriums wurde 2011 der von der Stadt um 300 000 Euro gekürzte Zuschuss ausgeglichen, aber man beabsichtigt nicht, auf Dauer deren vereinbarungsgemäß steigenden Kostenanteil zu übernehmen. Also wurde die Theaterleitung aufgefordert, Vorschläge für Einsparungen zu machen.

          Obwohl niemand sagt, dass es geschlossen werden könnte, geht jetzt die Angst in diesem allerletzten Dreispartentheater Brandenburgs um: vor einer Fusion mit einer anderen Bühne, die Politiker in solchen Fällen reflexartig als Erstes vorschlagen und die meist keinen Gewinn bringt, wie vor der durch Geldmangel vielleicht erzwungenen Schließung einer Sparte. Die Lücke im Budget, das 20,8 Millionen Euro umfasst, wird sich von 2014 an auf etwa eine Million Euro belaufen. Der seit 2003 amtierende Intendant Martin Schüler gibt sich derzeit sehr defensiv, äußert sich nur in der Lokalpresse und stand dieser Zeitung für ein Gespräch nicht zur Verfügung.

          Mit Ach und Krach in Engpässen

          Er schickte mit René Serge Mund den geschäftsführenden Direktor vor, der im August um die vorzeitige Auflösung seines Vertrages zum Ende der Saison 2011/2012 gebeten hatte. Er hat kein neues Angebot, sondern will weg, weil er nicht mittragen möchte, wie die ursprünglichen Versprechungen gegenüber der „ausgepressten Belegschaft“ ausgehebelt werden. Denn sie hat über Jahre auf die Steigerungen des Flächentarifvertrages verzichtet, wodurch im Einvernehmen mit den Gewerkschaften betriebsbedingte Kündigungen vermieden werden konnten. Für 2013 war „eine geringfügige Tariferhöhung“ von 1,5 Prozent vorgesehen, die nun aber seitens der Zuwendungsgeber nicht mehr gelten soll, wodurch das gesamte komplexe Finanzierungssystem ins Wanken gerät.

          Serge Mund hat mit Schüler, dessen Vertrag bis 2014 läuft, ein Konzept ausgearbeitet, das zeigt, „wie wir auf dem Niveau von heute bis 2015 mit Ach und Krach und Engpässen durchkommen können“. Mag sein, räumt er ein, dass dieses Konzept in den Augen der Landesregierung „nicht gefällig genug war“. Er sieht die Gefahr, durch schrumpfende Zuschüsse klammheimlich in den Status einer Landesbühne gedrängt zu werden: „Dann müssten wir die Qualität und das Niveau senken - durch weniger aufwendige Produktionen, kleinere Bühnenbilder, statt vier Stunden Beleuchtungseinrichtung wie jetzt nur noch eine Stunde.“

          Dass das Land sparen muss, will der studierte Ökonom und Theaterwissenschaftler gar nicht wegreden, doch: „Unsere perspektivische Konzeption für das Staatstheater liegt seit Wochen im Ministerium, aber wir haben kein Wort dazu gehört. Totenstille!“ Er spricht von Kommunikationsverweigerung und bemängelt das Fehlen eines Plans zur Situation der Brandenburger Theater - außer in Cottbus gibt es sie noch in Schwedt, Senftenberg, Potsdam, der Stadt Brandenburg und in Frankfurt an der Oder eine Mehrzweckbühne für Gastspiele.

          In Potsdam hingegen wirft man den Theaterleuten vor, den Kopf in den märkischen Sand zu stecken und die rechnerischen Hausaufgaben nicht zu machen. Brandenburg muss bis 2019 ein Fünftel seines Landeshaushaltes einsparen, erläutert Sabine Kunst, und dass es nicht zuletzt aufgrund der demographischen Entwicklung in allen Bereichen „Strukturbereinigungen“ geben müsse. Sie ist seit Februar Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur. Die promovierte Naturwissenschaftlerin betont, dass das Land zu hundert Prozent hinter dem Staatstheater stehe. Niemand erwäge also hinter verschlossenen Türen, ihm durch chronische Unterfinanzierung die Existenzgrundlage oder die Spartenvielfalt zu nehmen? „Quatsch“, sagt die parteilose Politikerin, schließlich soll auch in Zukunft in Brandenburg „nicht bloß Provinztheater“ geboten werden. Die mehr als 100 000 Einwohner in Cottbus dürfen sich demnach, wie zu hoffen ist, an mehr als Zweitligafußball oder Gurken aus dem nahen Spreewald erfreuen.

          Hoffen auf ein gutes Ende

          Ministeriumssprecher Hans-Georg Moek sieht in dem Strategiepapier des Theaters allerdings nicht mehr als „das Rausschieben einer Entscheidung um einige Monate, nicht aber ein tragfähiges Modell für die Zukunft des Staatstheaters“. Eine Sitzung dazu wurde überraschend um über zwei Monate auf Anfang Februar 2012 verschoben, wodurch alle mehr Zeit zum Nachdenken gewinnen sollen. Angesichts der unstrittig knappen Ressourcen in Brandenburg wird freilich eine politische Willenserklärung nötig sein, um für die am Staatstheater Cottbus unerlässliche Planungssicherheit zu sorgen, damit am ehemaligen Zonenrand die Lichter mehr als eine kulturelle Notbeleuchtung liefern können.

          Zuletzt hat dort der Bielefelder Oberspielleiter Christian Schlüter eine gelungene, schön konzentrierte „Orestie“ von Aischylos inszeniert. „Die Zukunft erfährt, wer sie erlebt. / Möge sich alles zum Guten wenden“, heißt es darin, und das klingt wie ein Aufruf an Theaterleute und Politiker, einen demokratischen Konsens zu finden - und die künstlerischen Einrichtungen, die den Kahlschlag der Nachwendezeit überstanden haben, pfleglich zu behandeln.

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