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Tony Martin über das schwierige Leben nach der Tour : "Unter den ersten zehn - das hätte dem Image geschadet"

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FRAGE: Sie trumpften am Mont Ventoux noch einmal auf, sie wirkten wieder frisch. Waren Sie nicht eigentlich schon beim Zeitfahren in Annecy mit Ihren Kräften am Ende?ANTWORT: Ja, es war kein gutes Zeitfahren von mir.

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          FRAGE: Sie trumpften am Mont Ventoux noch einmal auf, sie wirkten wieder frisch. Waren Sie nicht eigentlich schon beim Zeitfahren in Annecy mit Ihren Kräften am Ende?

          ANTWORT: Ja, es war kein gutes Zeitfahren von mir. Ich habe gleich nach zwei, drei Kilometern gemerkt, dass ich nicht richtig in Schwung komme. Es war eine einzige Quälerei für mich. Die Beine und die Form waren nicht mehr so wie in den ersten beiden Wochen der Tour. Ich denke, das kann man sicherlich auch ganz gut erklären. Es war meine erste Tour, insofern ist das schon in Ordnung, ich kann das auch akzeptieren. Ich muss natürlich jetzt mit meinem Trainer analysieren, was man besser machen kann. Dann hoffe ich, dass es im nächsten Jahr besser mit der dritten Woche klappt.

          FRAGE: Dennoch zeigten Sie bei Ihrem Debüt bei der Tour de France eine bemerkenswerte Leistung. Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus diesem Rennen?

          ANTWORT: Dass die Tour de France wirklich in der dritten Woche gewonnen oder verloren wird, eher noch verloren wird. Und dass man, wenn man erfolgreich sein will, in der Vorbereitung ein bisschen was verändern muss, dass man vielleicht auch mit ein bisschen weniger Vorbereitungsrennen in die Tour geht. Ich hatte schon ein ziemlich stressiges Programm vorher. Ich bin darüber nicht böse, denn ich war ja auch sehr erfolgreich. Mein Ziel war es auch nicht unbedingt, hier drei Wochen stark zu fahren, das Hauptaugenmerk lag auf der ersten Woche. Und die habe ich gut bewältigt. Deswegen bin auch sehr zufrieden mit der Tour. Ich konnte mich über diese Tour weiterentwickeln.

          FRAGE: Es gibt Beobachter, die Ihrem Auf und Ab, Ihrer Schwäche in den Alpen sogar eine gute Seite abgewonnen haben - weil Sie dadurch nicht wie eine "Maschine" wirkten.

          ANTWORT: Sicherlich, wenn ich bei meiner ersten Tour unter die ersten zehn gefahren wäre, hätte das meinem Image oder dem Image des Radsports wahrscheinlich nicht unbedingt gutgetan, da gebe ich Ihnen recht. Außerdem hätte ich mich dann selbst sehr hinterfragt, wie das sein kann, denn es ist immerhin das schwerste Rennen der Welt. Insofern wäre mir das auch ein bisschen zu einfach gewesen, beim ersten Mal schon unter die ersten zehn zu fahren. Ich muss ja auch noch ein paar Ziele haben. Wenn die Leute jetzt nach dieser dritten Woche ein bisschen mehr Vertrauen zu mir haben, kann ich gut damit leben. Auf der anderen Seite muss man natürlich sagen: Wenn man wirklich jeden hinterfragt, der hier eine gute Leistung bringt, wenn man jedes Mal bei einer guten Leistung Doping unterstellt, dann braucht man den Sport nicht mehr zu machen - dann lohnt sich das Gewinnen nicht mehr. Deshalb finde ich auch die Einstellung nicht ganz okay: Wer schnell fährt, ist automatisch gedopt. Ich denke, von dieser Stimmung sollten wir abkommen, weil dann der Sport keinen Spaß mehr macht.

          FRAGE: Wie haben Sie das Kontrollsystem bei der Tour empfunden?

          ANTWORT: Sicherlich waren es viele Kontrollen, und die eine oder andere Kontrolle hätte man vielleicht klüger machen können. Zum Beispiel zwei Kontrollen an einem Tag - ich weiß nicht, ob das so sinnvoll ist. Das kann man ein bisschen besser splitten, wir haben auch sehr viel Stress, das geht von der Regeneration ab. Aber generell muss ich sagen: Ich hatte (bis zum Zeitfahren in Annecy) zehn oder elf Kontrollen - und wenn das bei meinen Konkurrenten auch so gehandhabt wird, dann gibt mir das ein Gefühl von Sicherheit, dass also wirklich jeder hier unter Beobachtung steht. Wir sind in einer Zeit angekommen, wo wir den Radsport wieder aufbauen müssen, wo wir wieder Vertrauen schaffen müssen. Und wenn das über die Doping-Kontrollen klappt, bin ich auch gerne bereit, ein bisschen Zeit zu opfern.

          FRAGE: Es gab während der Tour keinen einzigen positiven Doping-Test - ist das ein gutes oder vielleicht doch eher ein schlechtes Zeichen?

          ANTWORT: Es wird immer ein bisschen negativ für den Radsport ausgelegt. Wenn Dopingsünder gefasst werden, heißt es: Es wird nur gedopt im Radsport. Wenn keiner gefunden wird, heißt es: Die Leute können sich besser präparieren, können besser sich selbst schützen. Ich denke, die Einführung des Blutpasses gibt eine gewisse Sicherheit, da man Unregelmäßigkeiten im Blut feststellen kann. Und insofern haben wir sicherlich einen großen Schritt im Anti-Doping-Kampf gemacht. Das Kontrollsystem klappt, man hat es jetzt wieder an Danilo di Luca gesehen. Dass Stoffe, die jetzt vielleicht noch nicht nachgewiesen werden können, vielleicht in ein paar Jahren entdeckt werden können, stimmt einige potentielle Doper schon nachdenklich. Ich habe auch schon von vielen Leuten gehört: Die Tour ist langsamer, sie ist realistischer geworden. Das stimmt mich optimistisch. Es gibt natürlich immer Topfahrer, und einer muss schneller sein als die anderen, sonst bräuchten wir keine Gesamtwertung zu machen. Es war relativ nachvollziehbar, was bei der Tour vorne abging. Insofern hoffe ich, dass da vorne alles mit rechten Dingen zuging. Ich möchte keinen verdächtigen, wenn es keinen Beweis gibt.

          FRAGE: Sind Sie demnach auch mit dem Sieger Alberto Contador einverstanden?

          ANTWORT: Sicherlich, er hat in den Bergen gezeigt, dass er der Stärkste ist. Und er ist ein superstarker Zeitfahrer. Er hat verdient die Tour gewonnen.

          FRAGE: Sie selbst trugen tagelang das Weiße Trikot für den besten Jungprofi, Sie gelten im deutschen Radsport als ein Versprechen für die Zukunft. Ist das auch eine Belastung für Sie?

          ANTWORT: Linus Gerdemann war auch eine Hoffnung, und jetzt wird er von den Medien mehr oder weniger runtergezogen. Insofern muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich darauf nicht allzu viel gebe. Ich habe mein Umfeld, ich habe Leute, auf die ich höre. Ich versuche, mich von der Öffentlichkeit oder von den Medien nicht zu sehr ablenken zu lassen. Ich weiß ja, dass es, wenn's mal nicht läuft, natürlich wieder heißt: Was ist da los? Ich versuche, konsequent meinen Weg zu gehen, mein Ziel zu erreichen. Wenn die Leute mich dabei unterstützen und Freude daran haben, dann freut mich das - und wenn die Leute in Deutschland wieder zum Radsport zurückkommen, dann ist das umso schöner.

          FRAGE: Welche Ziele verfolgen Sie denn?

          ANTWORT: Am Start bei der Tour zu stehen und zu sagen: Ich will unter die Top 10, unter die Top 5 oder auf das Podium - und nicht nach dem Motto zu handeln: mal schauen, was dabei rauskommt. Ich will langfristig ein guter Gesamtfahrer werden.

          FRAGE: Reizt auch die Weltmeisterschaft in diesem Jahr in der Schweiz Sie noch?

          ANTWORT: Ja, das Zeitfahren ist ein ganz großes Thema für mich. Ich denke, der Kurs kommt mir auch entgegen. Darauf bin ich sehr fokussiert.

          FRAGE: Sie stehen noch ein Jahr lang beim Team Columbia unter Vertrag. Haben Sie nicht trotzdem schon in den vergangenen Wochen bei anderen Rennställen Begehrlichkeiten geweckt?

          ANTWORT: Ja, es gab ein bisschen Smalltalk. Ich werde auch manchmal von Fahrern anderer Teams angesprochen. Sicherlich motiviert das auch, aber ich fühle mich in meiner Mannschaft sehr wohl, hier wird eine sehr gute Arbeit gemacht. Ich muss jetzt mit Rolf Aldag und Bob Stapleton sprechen und gucken, inwiefern wir zusammenbleiben.

          FRAGE: Gerdemann und Gerald Ciolek haben Columbia verlassen, um bei einer deutschen Equipe anzuheuern. Wäre ein solcher Schritt auch für Sie interessant?

          ANTWORT: Ich mache meine Mannschaft nicht an der Nationalität fest. Es kommt mir auch entgegen, dass ein paar andere Nationalitäten bei Columbia vertreten sind - man lernt sehr viel über andere Kulturen. Und das Medieninteresse habe ich so oder so, da brauche ich nicht unbedingt in einer deutschen Mannschaft zu fahren.

          FRAGE: Welche Veränderungen in Ihrem Leben als Radprofi erwarten Sie jetzt?

          ANTWORT: Ich habe mir jetzt schon irgendwo einen Namen gemacht. Der Druck wird deswegen ein bisschen steigen, man wird mich in dem einen oder anderen Rennen, in dem ich bisher noch ein bisschen an-onym fahren konnte, schon mehr beäugen. Ich werde vielleicht auch nicht mehr so leicht in einer Ausreißergruppe weggelassen werden. Das Leben als Radfahrer wird nicht unbedingt leichter für mich. Aber ich lasse mich davon nicht beirren.

          Die Fragen stellte Rainer Seele.

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