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Tony Martin über das schwierige Leben nach der Tour : "Unter den ersten zehn - das hätte dem Image geschadet"

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ANTWORT: Es wird immer ein bisschen negativ für den Radsport ausgelegt. Wenn Dopingsünder gefasst werden, heißt es: Es wird nur gedopt im Radsport. Wenn keiner gefunden wird, heißt es: Die Leute können sich besser präparieren, können besser sich selbst schützen. Ich denke, die Einführung des Blutpasses gibt eine gewisse Sicherheit, da man Unregelmäßigkeiten im Blut feststellen kann. Und insofern haben wir sicherlich einen großen Schritt im Anti-Doping-Kampf gemacht. Das Kontrollsystem klappt, man hat es jetzt wieder an Danilo di Luca gesehen. Dass Stoffe, die jetzt vielleicht noch nicht nachgewiesen werden können, vielleicht in ein paar Jahren entdeckt werden können, stimmt einige potentielle Doper schon nachdenklich. Ich habe auch schon von vielen Leuten gehört: Die Tour ist langsamer, sie ist realistischer geworden. Das stimmt mich optimistisch. Es gibt natürlich immer Topfahrer, und einer muss schneller sein als die anderen, sonst bräuchten wir keine Gesamtwertung zu machen. Es war relativ nachvollziehbar, was bei der Tour vorne abging. Insofern hoffe ich, dass da vorne alles mit rechten Dingen zuging. Ich möchte keinen verdächtigen, wenn es keinen Beweis gibt.

FRAGE: Sind Sie demnach auch mit dem Sieger Alberto Contador einverstanden?

ANTWORT: Sicherlich, er hat in den Bergen gezeigt, dass er der Stärkste ist. Und er ist ein superstarker Zeitfahrer. Er hat verdient die Tour gewonnen.

FRAGE: Sie selbst trugen tagelang das Weiße Trikot für den besten Jungprofi, Sie gelten im deutschen Radsport als ein Versprechen für die Zukunft. Ist das auch eine Belastung für Sie?

ANTWORT: Linus Gerdemann war auch eine Hoffnung, und jetzt wird er von den Medien mehr oder weniger runtergezogen. Insofern muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich darauf nicht allzu viel gebe. Ich habe mein Umfeld, ich habe Leute, auf die ich höre. Ich versuche, mich von der Öffentlichkeit oder von den Medien nicht zu sehr ablenken zu lassen. Ich weiß ja, dass es, wenn's mal nicht läuft, natürlich wieder heißt: Was ist da los? Ich versuche, konsequent meinen Weg zu gehen, mein Ziel zu erreichen. Wenn die Leute mich dabei unterstützen und Freude daran haben, dann freut mich das - und wenn die Leute in Deutschland wieder zum Radsport zurückkommen, dann ist das umso schöner.

FRAGE: Welche Ziele verfolgen Sie denn?

ANTWORT: Am Start bei der Tour zu stehen und zu sagen: Ich will unter die Top 10, unter die Top 5 oder auf das Podium - und nicht nach dem Motto zu handeln: mal schauen, was dabei rauskommt. Ich will langfristig ein guter Gesamtfahrer werden.

FRAGE: Reizt auch die Weltmeisterschaft in diesem Jahr in der Schweiz Sie noch?

ANTWORT: Ja, das Zeitfahren ist ein ganz großes Thema für mich. Ich denke, der Kurs kommt mir auch entgegen. Darauf bin ich sehr fokussiert.

FRAGE: Sie stehen noch ein Jahr lang beim Team Columbia unter Vertrag. Haben Sie nicht trotzdem schon in den vergangenen Wochen bei anderen Rennställen Begehrlichkeiten geweckt?

ANTWORT: Ja, es gab ein bisschen Smalltalk. Ich werde auch manchmal von Fahrern anderer Teams angesprochen. Sicherlich motiviert das auch, aber ich fühle mich in meiner Mannschaft sehr wohl, hier wird eine sehr gute Arbeit gemacht. Ich muss jetzt mit Rolf Aldag und Bob Stapleton sprechen und gucken, inwiefern wir zusammenbleiben.

FRAGE: Gerdemann und Gerald Ciolek haben Columbia verlassen, um bei einer deutschen Equipe anzuheuern. Wäre ein solcher Schritt auch für Sie interessant?

ANTWORT: Ich mache meine Mannschaft nicht an der Nationalität fest. Es kommt mir auch entgegen, dass ein paar andere Nationalitäten bei Columbia vertreten sind - man lernt sehr viel über andere Kulturen. Und das Medieninteresse habe ich so oder so, da brauche ich nicht unbedingt in einer deutschen Mannschaft zu fahren.

FRAGE: Welche Veränderungen in Ihrem Leben als Radprofi erwarten Sie jetzt?

ANTWORT: Ich habe mir jetzt schon irgendwo einen Namen gemacht. Der Druck wird deswegen ein bisschen steigen, man wird mich in dem einen oder anderen Rennen, in dem ich bisher noch ein bisschen an-onym fahren konnte, schon mehr beäugen. Ich werde vielleicht auch nicht mehr so leicht in einer Ausreißergruppe weggelassen werden. Das Leben als Radfahrer wird nicht unbedingt leichter für mich. Aber ich lasse mich davon nicht beirren.

Die Fragen stellte Rainer Seele.

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