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: Eine WG hält den THW Kiel zusammen

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KIEL. Beinahe hätten die Qualitäten der neuen französischen Wohngemeinschaft genügt, um den FC Barcelona zu besiegen. Torwart Thierry Omeyer hielt seinen THW Kiel in der ersten Halbzeit mit großartigen Paraden im Spiel, Rückraumspieler ...

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          KIEL. Beinahe hätten die Qualitäten der neuen französischen Wohngemeinschaft genügt, um den FC Barcelona zu besiegen. Torwart Thierry Omeyer hielt seinen THW Kiel in der ersten Halbzeit mit großartigen Paraden im Spiel, Rückraumspieler Jerome Fernandez warf im zweiten Durchgang die wichtigen Tore - doch am Ende waren zwei überdurchschnittliche Profis zu wenig beim deutschen Handball-Meister: 28:28 spielte der THW am Sonntagabend gegen den starken FC Barcelona im zweiten Gruppenspiel der Champions League. Es hätte mehr als ein Remis werden können, denn der THW führte zehn Minuten vor dem Ende mit drei Toren Vorsprung. Doch Barcelona spielte im Angriff variabler und schneller als die sichtlich müden Kieler und hatte sich den Punkt verdient. Was soll's, dachte man beim Titelverteidiger: Zwar ist die Gruppe A ausgeglichen besetzt, doch für einen Platz unter den ersten Vieren der Sechsergruppe und den Einzug ins Achtelfinale sollte es allemal reichen.

          Für Fernandez war das Remis womöglich sogar das erhoffte Ergebnis, hat er doch bis 2008 beim FC Barcelona gespielt, 2005 die Champions League gewonnen und noch viele Freunde dort. Danach folgte eine ebenso erfolgreiche Zeit beim Kieler Erzrivalen BM Ciudad Real. Eigentlich hatte der 33 Jahre alte Rückraumspieler die Laufbahn ja dort ausklingen lassen wollen - noch ein Jahr spielen auf höchstem Niveau, dann zurück in die französische Heimat. Mit diesen Plänen waren die Zentralspanier aber gar nicht einverstanden, und von heute auf morgen war alles anders: "Der Verein kam auf mich zu und fragte, ob ich sie jetzt schon verlassen wollte. Acht Tage später war ich in Kiel. Innerhalb von zwei Tagen war meine gesamte Zukunftsplanung auf den Kopf gestellt", erzählt Fernandez. Dass Kiel Mitte September so beherzt zugriff, gilt als ausgemachter Coup - eine Führungskraft wie Fernandez mit Fähigkeiten, auf allen Rückraumpositionen zu spielen, ist eigentlich nie auf dem Markt. Schon gar nicht ohne Ablöse. Da die Not groß war beim THW - die Stammkräfte Narcisse, Ilic und Andersson sind verletzt -, zögerte Manager Derad keine Sekunde.

          Fernandez hat nur ein paar Tage gebraucht, um sich an der Förde zurechtzufinden. Asyl hat der Kapitän der französischen Nationalmannschaft bei der Familie Omeyer gefunden. Doch, doch, versichert Fernandez, man rede auch Deutsch dort, eine Sprache, die er einst in Bordeaux in der Schule lernte, die aber etwas eingerostet sei. Wenn in zwei Monaten Frau und Sohn aus Spanien nachkommen, will er deutlich besser sprechen.

          Jerome Fernandez kommt dem THW gerade recht. Denn der Meister nimmt sich seine erste Schwächephase. Die Niederlage in Berlin, eine schwache Halbzeit in Melsungen, eine müde Angriffsleistung gegen Barcelona - es läuft nicht rund bei den Kielern. Während der beste Profi der triumphalen Vorsaison, Filip Jicha, gegen Barcelona nur mit dem Kopf durch die Wand wollte, beruhigte Fernandez wenigstens ab und an das Spiel und suchte auch mal den Kreisläufer. Selbst steuerte er fünf Tore zum Remis bei. Eine gute Ausbeute für einen, der die neuen Kollegen noch kaum kennt. Ungewöhnlich ist, dass der THW am Ende müde wirkte und Barcelona wenig entgegenzusetzen hatte. Für Trainer Alfred Gislason eine Folge des schweißtreibenden Sommers: "Ich habe diese Entwicklung vorausgesehen, weil wir in der Vorbereitung sehr hart trainiert haben, die Mannschaft war auch Tage danach körperlich kaputt, hatte schwere Beine. Jetzt sind die Spieler deutlich auf dem Weg nach oben, die schwere Arbeit wird sich ganz sicher später in der Saison auszahlen."

          Ob schlapp oder nicht - eine bekannte Kieler Schwäche wurde auch am Sonntag wieder sichtbar: auf höchstem Niveau braucht der THW Omeyer und Jicha in Topform. Immer können sie das nicht leisten. In der vergangenen Champions-League-Endrunde war es Peter Gentzel, der Omeyer entlastete, Narcisse war da, wenn Jicha müde wurde. Gentzel hat die Laufbahn beendet, Narcisse ist verletzt. Als zweiter Torwart ist Fernandez unbrauchbar, im Rückraum aber soll er mit Wucht und Köpfchen einiges lösen. Die Erwartungen an den Mann, der mit Frankreich Olympiasieger sowie zweimal Welt- und Europameister wurde, sind also groß. Eine Last ist ihm das nicht, im Gegenteil: "In Kiel zu spielen, wo jedes Spiel ausverkauft ist, das ist einfach großartig." Aus Barcelona und Ciudad Real war Jerome Fernandez an halbleere Hallen im grauen Liga-Alltag gewöhnt. FRANK HEIKE

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